«Es könnte nicht mehr nur leise Töne geben»

Doris Fiala geht in die Offensive: Bei der nächsten FDP-Vakanz im Bundesrat will sie ein «reines Frauenticket».

«Die FDP ist einfach keine reine Männerpartei», sagt Doris Fiala, Präsidentin der FDP-Frauen. Foto: Stahl Photo

«Die FDP ist einfach keine reine Männerpartei», sagt Doris Fiala, Präsidentin der FDP-Frauen. Foto: Stahl Photo

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sind Frauen geduldiger als Männer?
Es hängt natürlich vom Typ ab. Aber ja, Frauen haben wohl in ihrem Leben mehr Situationen, in welchen sie Umwege machen müssen, zum Beispiel ­wegen der Kinder.

Sie muten den FDP-Frauen eine Geduldsprobe zu, indem Sie die kommende Bundesratswahl schon aufgegeben haben.
Das habe ich nicht. Die FDP-Frauen fordern einen Sitz im Bundesrat. Aber einfach nicht um jeden Preis sofort. Sondern spätestens bei der nächsten FDP-Vakanz. Das ist ein Vorstandsentscheid, dem intensive Diskussionen und strategische Überlegungen vorausgingen.

Die Botschaft, die ankam, ist: Wir Frauen können warten.
Wenn das so ist, dann ist unsere Kommunikation sanfter angekommen, als sie gemeint war.

Warum haben Sie denn nicht ultimativ gefordert, dass im September eine Frau gewählt wird?
Wenn man die Ausgangslage schonungslos analysiert, kommt man zum Fazit, dass der Zeitpunkt nicht optimal ist. Der Tessiner Anspruch auf den Sitz ist eine Realität. Hinzu kommt: Die Musik spielt immer dort, wo ein Amt zu holen ist.

Was meinen Sie damit?
Bei der Nomination für den Zürcher Stadtrat hatte ich als Nationalrätin das Nachsehen. Bastien Girod erging es gleich. Christian Wasserfallen kam im Kanton Bern nicht zum Zug. Es gibt weitere Beispiele. Ich habe mich daher gefragt: Welche Frauen haben wir in der ­lateinischen Schweiz, die heute schon in Bern sind? Eigentlich ist es nur Isabelle Moret. Bei allen anderen Frauen ist die Gefahr zu gross, dass sie verheizt werden. Das möchte ich verhindern!

Sie wollen sich also auf die nächste Vakanz konzentrieren.
Dort ist jedenfalls die Ausgangslage viel besser. Und wir hätten mindestens drei hervorragende Frauen: Parteipräsidentin Petra Gössi, Ständerätin Karin Keller-Sutter und die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker-Späh.

Bis zu einem Rücktritt von Johann Schneider-Ammann kann es noch Jahre dauern.
Wenn er 2019 nicht mehr kandidiert, so sind diese Jahre überschaubar.

Wer wie die FDP-Frauen seit 28 Jahren auf eine Bundesrätin wartet, wartet auch noch länger?
Die grössten Erfolgsaussichten bestehen nun mal bei der Vakanz Schneider-­Ammanns. Deshalb gehe ich jetzt noch einen Schritt weiter als vor fünf Wochen.

Nämlich?
Wenn es im September nicht klappt für eine Frau, so fordere ich jetzt unmissverständlich, dass es bei der nächsten FDP-Vakanz ein reines Frauenticket gibt. Denn wir haben die fähigen Kandidatinnen dafür.

Gibt es für diese Forderung Rückhalt in der Parteileitung?
Für Zusicherungen ist es zu früh. Wir wissen ja noch nicht mal, wer diesmal von den Kantonen nominiert wird. Aber die Einsicht beim Freisinn wächst, dass es der Partei schadet, wenn wir weiter keine Frau in den Bundesrat bringen. Das hat nichts mit Feminismus zu tun.

Geht es nach Ihnen, müssen die Herren Ruedi Noser, Beat Walti und so weiter ihre Ambitionen faktisch begraben.
Nicht, wenn im September eine Frau ­gewählt wird. Wir haben exzellente Männer, gerade im Kanton Zürich. Aber als Präsidentin der FDP-Frauen ist es meine Aufgabe, mich für die Frauen einzusetzen. Nicht alle Ziele ­können gleichzeitig erreicht werden. Verzicht ist für den Einzelnen und beide Geschlechter schmerzlich. Aber nun müssen auch mal die Männer verzichten.

Was passiert, wenn Sie auch mit diesem Plan scheitern?
Ich bin zuversichtlich, dass er aufgeht. Falls nicht, könnte es nicht mehr nur leise Töne geben. Es wäre bedauerlich, ein sehr unnötiger Konflikt würde ausbrechen. Aber die FDP ist einfach keine reine Männerpartei.

Sie ist aber auf dem Weg dazu. Der Frauenanteil in der Fraktion ist innert weniger Jahre von knapp 25 auf unter 18 Prozent gesunken.
Das beunruhigt mich effektiv sehr.

Hat die FDP ein Frauenproblem?
Ich denke, dass es nicht ein Problem der FDP ist, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Für liberale, moderne Frauen ist es immer schwieriger, den Dreiklang von Beruf, Familie und Politik zu vereinbaren.

Warum?
Ich sehe es bei den jungfreisinnigen Frauen. Sie planen Karrieren mit Auslandaufenthalten und grosser Beanspruchung im Beruf. Wenn man auch noch eine Familie will, ist es extrem anspruchsvoll, auch politisch aktiv zu bleiben. Schauen Sie sich nur in unserer Fraktion um: Viele freisinnige Frauen haben keine Kinder.

Vielleicht setzen junge freisinnige Frauen auch auf den Job, weil sie sehen, dass Frauen in der FDP kaum Karrierechancen haben.
Das ist möglich. Umso wichtiger ist es, dass wir gute Vorbilder haben. Zum Beispiel unsere Parteipräsidentin Petra Gössi. Aber auch Doris Leuthard und ­Simonetta Sommaruga können junge Frauen für die Politik inspirieren.

Sie alle haben auch keine Kinder.
Das stimmt. Das zeigt aber auch, dass es kein reines FDP-Problem ist. Es ist doch eher so, dass das moderne Frauenbild Anforderungen stellt, welche mit den Realitäten einfach nicht vereinbar sind.

Gestern berichtete die «Aargauer Zeitung», dass die FDP-Frauen Nein sagen zu höheren Steuerabzügen für Kita-Kosten. Und doch wundern Sie sich über mangelnde ­Vereinbarkeit?
Wir finden es aus föderalistischen Gründen nicht richtig, dass der Bund den Kantonen vorschreibt, wie hoch die Abzüge sein sollen. Deshalb sagen die FDP-Frauen hier Nein. Persönlich kann ich mich aber outen: Ich befürworte höchste Abzugsmöglichkeiten für Kinderfremdbetreuung. Ich werde diese Thematik mit den FDP-Frauen noch vertiefen.

Was ist denn Ihr Konzept, die Vereinbarkeit zu verbessern?
Es kann nicht alles vom Staat kommen. Es wäre auch falsch. Frauen werden heute auf dem Arbeitsmarkt dringend gebraucht. Die Wirtschaft muss deshalb einen grösseren Effort für die Frauen leisten. Kita-Plätze zur Verfügung stellen, Homeoffice ermöglichen, Teilzeitmodelle schaffen.

Das Problem löst sich von selbst?
Das glaube ich nicht. Der Staat soll aber nur dort eingreifen, wo es nicht anders geht. Wo und wie, das will ich mit den FDP-Frauen Ende August in unserer Klausur diskutieren.

2019 sind Wahlen. Welchen Frauenanteil wollen Sie in der Fraktion erreichen?
Wir haben noch keine Zahl bestimmt. Aber es liegt auf der Hand, dass eine klare Steigerung unser Ziel sein muss.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2017, 22:29 Uhr

Artikel zum Thema

Was Fiala zum Verhängnis wurde

Bei der Nationalrätin funktioniert ein eigentlich todsicheres Rezept nicht: Warum Doris Fiala schon wieder scheiterte. Mehr...

Doris Fiala zieht den Kürzeren

Warum die Zürcher FDP nur auf Filippo Leutenegger und Michael Baumer setzt und auf ein Dreierticket verzichtet. Mehr...

Stiller Schaffer schlägt Doris Fiala im Stadtratswahlkampf

Die FDP setzt neben Filippo Leutenegger auf Michael Baumer, den ehemaligen Präsidenten der Stadtpartei. Mehr...

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Wettermacher Der Name der Hose
Mamablog Sex – und kaum Ahnung vom Verhüten

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...