Interview

«Es muss ein Verbrechen vorliegen»

Im Fall der getöteten Zürcher Psychotherapeutin wurde erstmals in der Schweiz ein Massengentest durchgeführt. Staatsanwalt Ulrich Weder über das Verfahren, dessen Chancen – und DNA-Verweigerer.

Könnte in der Schweiz vermehrt auch als Massentest eingesetzt werden: Die DNA-Probe.

Könnte in der Schweiz vermehrt auch als Massentest eingesetzt werden: Die DNA-Probe. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Weder, der Massengentest im Fall der im Zürcher Seefeld getöteten Psychotherapeutin ist in der Schweiz der erste oder zumindest der erste bekannte seiner Art. Wann wird ein solcher überhaupt angeordnet?
Das ist dann der Fall, wenn nicht ein konkreter Tatverdacht gegen eine Person besteht, sondern Personen in Bezug auf ein Delikt festgestellte gemeinsame Merkmale mit dem mutmasslichen Täter aufweisen, etwa mit einem Signalement, mit einem Aufenthalts- oder Wohnort oder mit dem Besitz einer Automarke.

Warum kommt der Massengentest in der Schweiz jetzt erst zum Einsatz?
Seit dem 1. Januar 2011 haben wir eine schweizweit geltende Strafprozessordnung, die die DNA-Massenuntersuchung klar und mustergültig regelt. Vorher war diese DNA-Massenuntersuchung erst seit dem 1.1.2005 eidgenössisch im DNA-Profil-Gesetz geregelt.

Welches sind die Voraussetzungen für einen Massengentest?
Es muss ein Verbrechen vorliegen, ein einfaches Vergehen reicht nicht. Wir sprechen hier von Gewaltverbrechen und Sexualdelikten. Um Zwangsmassnahmen – also zum Beispiel einen DNA-Test – anzuordnen, braucht es im Einzelfall immer einen hinreichenden, wenn nicht sogar dringenden Tatverdacht. Streben wir aber einen Massengentest an, fällt eben genau diese Anforderung weg.

Wer ordnet den Massengentest an?
Nicht die Staatsanwaltschaft selber, wie das zum Beispiel bei der Hausdurchsuchung der Fall ist. Dafür braucht es ein Zwangsmassnahmengericht, im Kanton Zürich ist es das Obergericht. Das ist auch eine Art Kontrolle.

Eine aufgebotene Person weigerte sich, am Massengentest im Seefelder Fall teilzunehmen. Es sei ein schwerer Eingriff in die Grundrechte und verstosse zudem gegen den Grundsatz der Verhältnismässigkeit.
Der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ist gering. Im Gegensatz zum Bluttest – wo gestochen werden muss – braucht es beim DNA-Test nur einen Wangenschleimhautabstrich. Zudem werden die Daten nur mit der Spur abgeglichen und landen in keiner Datenbank.

Wieviele Menschen wurden zum Massengentest im Seefelder Tötungsdelikt aufgeboten?
Das waren über Hundert.

Eine logistische Herausforderung?
Die Betroffenen wurden von der Polizei zentral aufgeboten. Das gab aber keine grösseren Probleme.

Wie waren die Reaktionen?
Man stösst in der Regel auf Verständnis.

Wie wichtig ist dieses Mittel des Massengentest für die Strafverfolgung?
Die Entdeckung des DNA-Tests Mitte der 80er-Jahre in der Rechtsmedizin und die gewohnheitsmässige Anwendung seit Mitte der 90er-Jahre war für die Strafverfolgung ein Quantensprung. Vergleichbar mit dem Fingerabdruck. Die DNA-Massenuntersuchung ist nur ein Bestandteil dieses neuen, für die Beweisführung gerade in schweren Delikten sehr wichtigen Beweismittels.

Hat die Schweizerische Strafverfolgung quasi darauf gewartet, endlich auch dieses Mittel einsetzen zu können?
Es wäre ein Unsinn, darauf zu verzichten. Wir können damit schwerste Verbrechen aufdecken. Und nicht zu vergessen – auch verhindern. Denn, hat ein Täter eines schweren Gewalt- oder Sexualdelikts schon einmal eine Tat begangen, ist die Wiederholungsgefahr vielfach gross. Gerade bei Taten ausserhalb der Beziehungsdelikte ist das Potenzial für weitere Delikte sehr hoch.

Müssen Sie auch damit rechnen, dass DNA-Spuren «gelegt» werden, um die Strafverfolgung auf eine falsche Fährte zu führen?
Für uns ist klar: ein DNA-Nachweis ist für sich allein noch kein Beweis, sondern bloss ein Mittel, um mit weiteren Beweisen wie Aussagen etcetera einen Beweis zu führen.

Wie oft wird dieses Verfahren des Massengentests künftig eingesetzt?
Man darf das nicht überbewerten, es werden trotz allem nicht allzu viele Fälle sein. Das zeigt sich ja alleine schon an der Tatsache, dass wir im Kanton Zürich seit dem 1. Januar erst diesen einen Fall hatten.

Erstellt: 26.11.2011, 09:22 Uhr

«Der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ist gering»: Ulrich Weder, Leiter der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich. (Bild: Keystone )

Obergericht hält Massen-Gentest für rechtens

Um die Tötung einer Psychotherapeutin im Dezember 2010 im Seefeld zu klären, ordnete der zuständige Staatsanwalt einen Massen-Gentest an. Dieser Test sei rechtsmässig gewesen, schrieb die «NZZ am Sonntag» und zitierte aus einem kürzlich rechtskräftig gewordenem Urteil. Rund hundert Männer, die in den zwei Jahren vor der Tat beim Opfer in der Therapie waren oder es «nachweislich» gekannt hatten, mussten bei der Polizei zu einem DNA-Test erscheinen. Auch ein Wirtschaftsanwalt hätte sich Anfang dieses Jahr dem Prozedere unterziehen sollen, verweigerte aber den Wangenschleimabstrich und reichte Klage ein: Der Test sei ein schwerer Eingriff in die Grundrechte und nicht verhältnismässig. Das Obergericht widersprach und erwähnte in seinem Urteil die besondere Bedeutung des Falls. Kürzlich musste der Anwalt sich ebenfalls dem Test unterziehen. Das Resultat steht noch aus. Der Fall bleibt ungelöst, der Massen-Gentest war bisher ergebnislos. (bg)

Artikel zum Thema

Die halbe Stadt muss zum Gentest

In einer Kleinstadt im deutschen Bundesland Hessen hat die Polizei ein totes Mädchen aufgefunden. Jetzt lässt sie sämtliche Frauen der Stadt Speichelproben abgeben, um die Mutter zu finden. Mehr...

Gentest entlarvt therapeutisches Schnellverfahren als Lügengebilde

Die umstrittene Kurztherapie Familienstellen kann fatale Folgen haben: Einer Frau wurde erklärt, ein Onkel sei ihr richtiger Vater. Diese Behauptung erwies sich als falsch. Mehr...

Blog

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...