«Es scheint mehr um das Wohl der Eltern zu gehen»

Die SVP-Familieninitiative geniesst im Volk einen grossen Rückhalt. Soziologe Klaus Haberkern glaubt, dass die Schweizer die Risiken des traditionellen Familienmodells falsch einschätzen.

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Der Mann geht arbeiten, die Frau steht hinter dem Herd. Ist dies das Familienmodell der Zukunft?
Dieses traditionelle Modell hat gute Seiten, doch für die Zukunft scheint es nicht geeignet. Zunächst ist die Rollenverteilung nach Geschlecht anstatt nach Fähigkeiten und Talenten sowieso nicht sinnvoll. Vor dem Hintergrund der demografischen Alterung mit dem steigenden Anteil älterer Menschen kann es sich die Gesellschaft zudem schlicht nicht leisten, auf die gut ausgebildeten Frauen oder Männer als Arbeitskräfte zu verzichten. Ausserdem bringt das traditionelle Modell heute auch für Eltern viel grössere Risiken mit sich. Früher war eine Paarbeziehung von Dauer. Die beiden Partner konnten sich auf ihre jeweiligen Aufgaben in der Kinderbetreuung oder im Arbeitsleben spezialisieren. Heute haben die Unsicherheiten zugenommen. Partnerschaften gehen häufig in die Brüche. Wer sich da auf den Haushalt spezialisiert, nimmt ein erhebliches Armutsrisiko bis ins hohe Alter in Kauf.

Mit welchen Folgen rechnen Sie?
Das traditionelle Familienmodell birgt hohe Kosten, die jedoch erst mit der Zeit sichtbar werden. Männer verzichten zugunsten des Berufs auf eine gleichwertige Rolle in der Familie. Gerade nach einer Scheidung geht der Kontakt zu den Kindern oft sehr stark zurück oder bricht ganz ab. Langfristig kann das dazu führen, dass Männer im hohen Alter nicht auf die Unterstützung ihrer Kinder zählen können. Einen deutlich höheren Preis bezahlt die Frau. Mit dem Ausstieg aus dem Erwerbsleben begibt sie sich in eine ökonomische Abhängigkeit, geht ein höheres Armutsrisiko ein, verzichtet auf Einkommen bis hin zu niedrigeren Bezügen aus der Pensionskasse. Und nicht zuletzt kann sie nicht damit rechnen, nach der Pause wieder eine gleichwertige und erfüllende Tätigkeit zu finden. Gegenwärtig spricht nichts dafür, dass dies in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten wieder anders sein wird.

Laut einer SRG-Umfrage sind derzeit trotzdem 64 Prozent der Bevölkerung für die SVP-Familieninitiative, die genau dieses Modell steuerlich begünstigen will. Wie erklären Sie sich den grossen Rückhalt bei den Schweizern?
Die Familie hat einen sehr hohen Stellenwert. Auf dem Arbeitsmarkt hat der Druck und die Konkurrenz zugenommen, in solchen Zeiten findet eine Rückbesinnung auf die Aufwertung des Privaten statt. Ausserdem scheint das Argument der Befürworter zu verfangen, durch die Initiative entstehe eine grössere Wahlfreiheit. Und schliesslich sind die Sorgen um die Qualität der Betreuungseinrichtungen für Kinder in letzter Zeit grösser geworden. Generell kann man sagen, dass sowohl die Risiken des traditionellen Modells als auch die Chancen von alternativen Modellen eher unterschätzt werden.

Offensichtlich sind viele Menschen überzeugt, dass das traditionelle Modell einfach am besten funktioniert.
Mindestens kurzfristig stellt es tatsächlich für viele Familien eine funktionierende und befriedigende Lösung dar. Die Aufgaben sind klar verteilt, die Eltern müssen sich weniger absprechen, und es gibt eigene abgesteckte Bereiche. Für den erwerbstätigen Elternteil ist es auch einfacher, beruflichen Erfolg zu haben. Aber irgendwann sind auch die Kinder gross.

Kann man etwas überspitzt sagen, dass die SVP-Initiative deshalb so gut ankommt, weil sich viele Männer nicht mit den Kindern herumschlagen und viele Frauen nicht arbeiten wollen?
Ich kenne dazu keine Zahlen, die das bestätigen oder widerlegen könnten. Allerdings scheinen besonders traditionell orientierte Männer von dieser Initiative zu profitieren. Sie könnten die privilegierte Rolle beibehalten und müssten ihr Verhalten nicht ändern. Sie könnten so weiterhin im Beruf erfolgreich sein ohne auf eine intakte Familie und einen gut geführten Haushalt verzichten zu müssen. Auch für Frauen, die die Erwerbstätigkeit nicht vermissen, bietet die Initiative eine attraktive Perspektive.

Und welchen Einfluss hat das auf das Wohl des Kindes?
Vorausgesetzt, dass sich Eltern nicht ausschliesslich nach eigenen ökonomischen Interessen verhalten: keine. Gegenwärtig scheint es mir mehr um das Wohl der Eltern zu gehen.

Wird das traditionelle Familienmodell heute noch immer so ausschliesslich gelebt wie vor 40 Jahren?
Die Zahl der Frauen, die langfristig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, ist etwas zurückgegangen. Viele arbeiten in geringen Pensen. Die sind aber oft zu klein, um später wieder ganz ins Erwerbsleben einsteigen zu können. Die Männer beteiligen sich heute etwas mehr am Haushalt und der Kinderbetreuung, der Karrierefokus wird jedoch meist beibehalten.

Sind die Bemühungen um gleichberechtigte Familienmodelle also gescheitert?
Nein, Verhaltensänderungen dauern sehr lang, oft über Generationen. Heute gibt es zum Beispiel einige Kinder aus Scheidungsfamilien, die ein gutes Leben führen und weniger Scheu zeugen, ihre Kinder nicht zwangsläufig in einer traditionellen Familie aufwachsen zu lassen. Ausserdem würde ich den Einfluss politischer Massnahmen nicht überschätzen. Weder Annahme noch Ablehnung der Initiative werden in der Familienlandschaft zu gravierenden Verhaltensänderungen führen. Ich erwarte keinen grossen Ruck.

Sie meinen, die Politik habe versagt?
Mindestens sendet sie widersprüchliche Signale. Einerseits will sie die Chancengleichheit erhöhen, indem sie den Einfluss von bildungsfernen Familien auf ihre Kinder reduziert. Gleichzeitig betont man die grosse Bedeutung der Eltern und plädiert dafür, ihren Einfluss zu stärken.

Das sind beides legitime Anliegen.
Ja, das sind sie. Aber das heisst nicht, dass der Staat alle Anliegen auch fördern muss. Wenn auf jede gut begründete politische Massnahme oder Förderung etwas später Gegenmassnahmen als Ausgleich folgen, dann werden bald viele und eben auch widersprüchliche Dinge gefördert. Das ist der Moment, wenn Familienpolitik ineffizient, ineffektiv und teuer wird. Man muss sich für eine konsistente Förderung entscheiden.

Welches Familienmodell ist aus soziologischer Sicht das Modell der Zukunft?
Die traditionelle Paargemeinschaft wird auch weiterhin die dominanteste Form bleiben. Aber wir werden mehr Flexibilität benötigen, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Familien- und staatliche Betreuung sind ja nicht die einzigen Möglichkeiten. Familienübergreifende Netzwerke werden wichtiger. Betreuungsaufgaben können etwa wechselseitig von den Mitgliedern einer Hausgemeinschaft übernommen werden. Heute bietet das Internet auch die technischen Voraussetzungen, um eine solche Aufgabenteilung langfristig zu planen und kurzfristig abzustimmen.

Wollen Sie sagen, Doodle habe einen grösseren Einfluss auf die Zukunft des Familienlebens als die Politik?
Das wäre eine sehr provokante These. Das Internet ersetzt die staatliche Familienförderung oder die Kindertagesstätte nicht. Dennoch brauchen wir die Bereitschaft, uns zu bewegen und neue Möglichkeiten als Chance zu betrachten.

Erstellt: 22.10.2013, 16:09 Uhr

Familienforscher

Klaus Haberkern, geboren 1977 in Süddeutschland, ist Oberassistent am Soziologischen Institut der Universität Zürich. Er forscht zum Themenfeld Altern, Pflege und Familie. 2009 erschien sein Buch «Pflege in Europa: Familie und Wohlfahrtsstaat». In der neuen OECD-Studie «Die Zukunft der Familien bis 2030» hat er das Kapitel «Ältere Menschen als Pflegende und Pflegeempfänger» zusammen mit Tina Schmid, Franz Neuberger und Michael Grignon verfasst. Haberkern hat eine Tochter. (dhe)

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