«Es sind sieben Modelle auf dem Markt»

Der deutsche Steuerfahnder Klaus Herrmann kritisiert im «Spiegel» Schweizer Banken, die weiterhin Geld vor dem Fiskus verstecken würden. Er äussert sich detailliert zu den Methoden.

Sieht Deutschland benachteiligt: Klaus Herrmann im «Spiegel».

Sieht Deutschland benachteiligt: Klaus Herrmann im «Spiegel». Bild: Keystone

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Tritt das Steuerabkommen mit Deutschland in Kraft, müssen deutsche Bankkunden nächstes Jahr eine einmalige Steuer von 21 bis 41 Prozent auf ihre in der Schweiz verwalteten Vermögen bezahlen. Danach wird auf die Zinserträge dieser Konten eine jährliche Quellensteuer von gut 25 Prozent erhoben. Durch diese Praxis sollen die Namen der Kontoinhaber den deutschen Steuerbehörden weiterhin verborgen bleiben.

Als die Schweizer Banken ihre Kunden über diese Neuerung informierten, hätten diese begonnen, ihre Vermögen aus der Schweiz abzuziehen, sagt der Chef der Steuerfahndung im Bundesland Rheinland-Pfalz, Klaus Herrmann, in einem Interview in der heutigen Ausgabe des «Spiegels» (Artikel online nicht verfügbar). Doch «die Banken haben ganz schnell Modelle entwickelt, um das Geld auch nach Inkrafttreten des Abkommens in der Schweiz zu halten. Nach unseren Informationen sind derzeit sieben Modelle auf dem Markt, die zumindest die 25-prozentige Quellensteuer unauffällig umgehen», sagt der 57-Jährige gegenüber dem «Spiegel». Sie würden intern als «sieben Wege ins Glück» bezeichnet, berichtet er.

Vier der «sieben Wege ins Glück»

Klaus Herrmann nennt im «Spiegel»-Interview vier Methoden:

  • Der «Liechtensteiner Rettungsanker»: Der deutsche Kunde gründet in Liechtenstein eine Stiftung und transferiert das Geld auf ein neues Konto. Das Geld wird aber weiterhin von derselben Bank verwaltet. Um den wahren Besitzer des Vermögens zu verschleiern, läuft die Kommunikation über einen Liechtensteiner Treuhänder. Weil die Zinserträge somit vordergründig nach Liechtenstein laufen, entfällt die Quellensteuer. Diese Methode wurde bereits in den Achtziger- und Neunzigerjahren von der hessischen CDU genutzt, um Gelder zu verschleiern. Die Banken lassen somit ein altes Modell neu aufleben.
  • Die «Domizillösung»: Der Kunde lässt sich in einem Land, in dem kein Steuerabkommen mit der Schweiz existiert, eine Adresse einrichten. Dies ist etwa bei der Isle of Man oder Gibraltar der Fall. Die Bank ihrerseits sichert zu, dass sie in diesem Fall nicht überprüft, ob es sich um eine Scheinadresse handelt. Wenn der Kunde seine Kontounterlagen einsehen will, muss er diese entweder bei der Bankfiliale direkt abholen oder sich diese an einen Briefkasten an der Scheinadresse schicken lassen. Eine solche Scheinadresse kann man relativ günstig kaufen.
  • Offshore-Gesellschaften: Diese Variante eignet sich für Kunden mit grossem Vermögen, weil sie sehr teuer ist. Dabei wird das Geld in diese Offshore-Gesellschaften transferiert.
  • Zinsfreie Anlageformen: Für Kunden, deren Vermögen für die Offshore-Variante nicht reicht, empfehlen die Banken Anlageformen, die formal keine Zinsen abwerfen. Stattdessen erhält der Kunde Sonderzahlungen, die nicht quellensteuerpflichtig sind.

«Falsches Signal»

Die detaillierten Angaben zu diesen «sieben Wegen ins Glück» entstammen laut Herrmann der Schweizer Bankenszene selbst: «Es gibt in der Schweiz Bankmitarbeiter, denen die Geschäftspolitik ihrer eigenen Banken nicht gefällt und die einen sehr vertraulichen Kontakt zu deutschen Steuerbeamten halten», sagt er gegenüber dem «Spiegel».

Dem deutschen Steuerfahnder missfällt, dass im neuen Steuerabkommen die schwarzen Konten legalisiert werden und gleichzeitig die Anonymität der Kontoinhaber bestehen bleibt. «In Deutschland hätte es fatale Auswirkungen auf die Steuermoral», kritisiert er. Es sende ein falsches Signal an ehrliche Steuerzahler aus. Manch ein Steuerzahler, der bis anhin seine Vermögen regulär in Deutschland besteuert habe, werde sich betrogen fühlen und sich entscheiden, bei der nächsten Gelegenheit seine Gelder auch quellensteuerfrei anzulegen.

«Wenn ich von Straftaten Kenntnis erlange, muss ich sie auch verfolgen»

Durch das Abkommen mit der Schweiz rechnet Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit Steuereinnahmen von zehn Milliarden Euro. Die Schweiz hat für die Einmalzahlungen rund 1,7 Milliarden Euro zugesichert. Laut Berechnungen von Klaus Herrmann wird Deutschland aus der Quellensteuer weniger als eine Milliarde Euro erhalten. «Wenn das Abkommen in Kraft tritt, werden die Vorteile einseitig auf der Schweizer Seite liegen und die Nachteile bei uns», sagt der 57-Jährige.

Für Herrmann ist deshalb klar, dass deutsche Steuerbehörden einen Zusatz im Steuerabkommen zu ihren Gunsten nutzen sollten: Laut dem Text im Abkommen dürfen sich die Behörden nicht aktiv um den Erwerb von illegalen Steuerdaten-CDs bemühen. «In Deutschland gilt immer noch das Legalitätsprinzip», sagt er. «Wenn ich von Straftaten Kenntnis erlange, muss ich sie auch verfolgen», erläutert der Steuerfahnder diesen Grundsatz. Im Klartext heisst dies für Herrmann, dass Deutschland auf die angebotenen Daten zugreifen kann, wenn ihm diese angeboten werden.

Erstellt: 06.08.2012, 12:16 Uhr

Rettungsanker: Liechtenstein. (Bild: Keystone )

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