«Es soll nicht zu Zuständen kommen wie im Flugverkehr»

Welche Pläne verfolgt die neue VCS-Präsidentin Evi Allemann? Und wie radikal setzt sie sich für besseren ÖV und gegen den Privatverkehr ein? Im Interview nimmt sie Stellung.

«Bei der zweiten Gotthardröhre ist die Sicherheit nur vorgeschoben»: Evi Allemann. (Archivbild 2011)

«Bei der zweiten Gotthardröhre ist die Sicherheit nur vorgeschoben»: Evi Allemann. (Archivbild 2011) Bild: Keystone

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Als VCS-Präsidentin sind Sie nun das rote Tuch vieler Autofahrer.
(schmunzelt) Der VCS polarisiert bei einem gewissen Publikum. Aber ich versuche, nicht unnötig zu provozieren. Autofahrer sind auch auf einen funktionierenden öffentlichen Verkehr (ÖV) angewiesen.

Trotz grünem Übergewicht im VCS hat die SP den Grünen das Präsidium weggeschnappt. Wie ist Ihnen das gelungen?
Wichtig waren den Delegierten wohl meine langjährige verkehrspolitische Erfahrung im Parlament, mein Netzwerk und der Unterschied gegenüber Aline Trede im Stil: hart in der Sache, einvernehmlich im Tonfall.

Sie sind Velofahrerin. Halten Sie bei Rot an der Ampel?
Ja. Man gefährdet sich sonst nur selber.

Sie haben keinen Führerschein. Nutzen Sie das Auto überhaupt?
Als Mitfahrerin. Es gibt Winkel in der Schweiz, die anders kaum erreichbar sind. Für Transporte bin ich froh um die Fahrdienste meines Bruders und um das Angebot von Mobility.

Welchen Platz hat das Auto überhaupt in der Mobilität, die Ihnen vorschwebt?
Einen kleineren als heute. Mobilität muss vor allem auf ÖV, Velo- und Fussverkehr setzen.

Kürzlich wurde im VCS die Ansicht vertreten, in der Stadt habe es keinen Platz fürs Auto. Heisst das mehr Fahrverbote, weniger Parkplätze und Roadpricing?
Für mich heisst es eher, für ein attraktives ÖV-Angebot und sichere Velo- und Fusswege zu sorgen.

In der Realität gibt es – gerade in Bern – die einschränkende Seite auch. Sie blenden diese aus.
Statt auf Verbote setze ich lieber auf Anreize, um das Mobilitätsverhalten zu ändern.

Sie setzten sich früher für Roadpricing ein. Jetzt favorisieren Sie Mobilitypricing?
Das ist das Modell der Zukunft. Der Ansatz ist genau derselbe: eine verursachergerechte und auf Nachfrage und Angebot gestützte Lösung. Zudem lässt sich damit der Verkehr lenken und das System besser auslasten. Die Technologie wäre mit der ÖV-Karte und der E-Vignette vorhanden. Denkbar ist, dass das System nicht gesamtschweizerisch, sondern nur regional zum Lösen von Verkehrsproblemen eingeführt wird. Zu diskutieren ist zudem, ob Mobilitypricing das heutige Finanzierungssystem über die Mineralölsteuer ablösen könnte.

Apropos Vignette. Der VCS unterstützt seit Samstag offiziell das Referendum gegen die 100-Franken-Autobahnvignette. Sie gehen nun Seite an Seite mit der SVP Unterschriften sammeln?
Nein, der VCS geht mit Umweltargumenten und deshalb mit einem anderen Bogen Unterschriften sammeln. Aber ich war stets gegen eine Erhöhung auf 100 Franken. Das bringt zu viel neues Geld in die Strassenkasse und ermöglicht sinnlose Ausbauten. Für die beschlossenen Ausbauprojekte reichen 70 bis 80 Franken. Doch dieser Kompromiss scheiterte leider.

Sie heben gerne hervor, es brauche Allianzen. In diesem Fall also nun eine unheilige?
Es ist brandgefährlich, Grabenkämpfe zwischen ÖV- und Strassenlobby zu vertiefen. Die Strasseninfrastruktur muss unterhalten werden. Das kostet Geld. Aber ich bin für verursacherabhängige Abgaben und keine Pauschalsteuer à la Vignette, die für den Strassenbau zweckgebunden ist.

Sie befürchten, dass damit Mittel für eine zweite Gotthardröhre gesammelt werden sollen.
Ja. Unsere Verkehrsprobleme liegen in den Agglomerationen und nicht am Gotthard. Deshalb wird der VCS sicher beim Referendum gegen die zweite Röhre mithelfen.

Die 13 Gotthardkantone wollen sie und warnen vor Stau...
Das zeigt, dass eben doch ein Kapazitätsausbau das Ziel ist, was dem Alpenschutz in der Verfassung widerspricht. Zudem entlarvt dies die beispielsweise vom Lastwagenverband Astag vertretenen Sicherheitsargumente. Sie sind bloss vorgeschoben.

Der VCS bleibt exponiert. Werden Sie durch einen moderaten Auftritt dafür sorgen, dass sich der Fall Hardturm nicht wiederholt? Dort riskierte man als Folge des Rekurses gegen das Stadion das Verbandsbeschwerderecht.
Wir werden dieses Instrument ganz gezielt ergreifen. Das ist dann der Fall, wenn geltendes Recht missachtet wird. Da kommt dem VCS die Rolle des Kontrolleurs zu. Die hohe Erfolgsquote zeigt, dass er dies verantwortungsvoll tut. Das Verbandsbeschwerderecht ist aber kein politisches Druckmittel. Politische Ziele soll der VCS auf anderen Wegen erreichen.

Oft gehts um Parkgebühren. Glauben Sie, dass ein Franken Gebühr jemanden davon abhält, mit dem Auto ins Einkaufszentrum zu fahren?
Gebühren müssten eigentlich kostendeckend sein. Nichts ist gratis. Aber es braucht mehr, etwa eine gute ÖV-Anbindung und attraktive Hauslieferdienste.

Themawechsel: Der VCS will die Einnahmen des Treibstoffzolls stärker zum öffentlichen Verkehr umlenken. Mit seiner ÖV-Initiative hat er die Strassenlobby verärgert.
Und vor allem die Diskussion zur Bahninfrastruktur angestossen und ein grosses Bahnausbaupaket ermöglicht.

Die Strassenlobby fordert mit ihrer Milchkuhinitiative das Umgekehrte: Statt wie heute 25 Prozent für den ÖV künftig keinen Rappen mehr...
Und vor allem bringt sie mehr Geld für neue Strassen, was noch mehr Verkehr verursacht. Das werden wir bekämpfen. Aber noch ist die Strassenlobby erst am Unterschriftensammeln. Unsere Initiative hat dagegen mit dem Gegenvorschlag des Bundesrats zur Finanzierung der Bahninfrastruktur so früh wie kaum eine andere bereits einen Erfolg gezeitigt.

Der Bundesrat hat das Thema sowieso angehen wollen...
Die Initiative hat den Druck massiv erhöht und den Vorschlag, wie er jetzt auf dem Tisch liegt, erst ermöglicht. Das wird sogar parteiübergreifend anerkannt. Logisch ärgert das die Strassenlobby.

Der Ständerat will statt 3,5 sogar 6,4 Milliarden Franken investieren. Werden Sie sich für den Rückzug der Initiative einsetzen, wenn der Nationalrat mitzieht?
Diese Entscheidung liegt nicht bei mir, sondern ist Sache des Initiativkomitees.

Ich fragte, ob Sie sich als VCS-Präsidentin dafür einsetzen.
Bevor das Parlament sein letztes Wort gesprochen hat, gibt es keine Diskussionen zu einem Rückzug.

Einerseits bekämpft der VCS die Zunahme der Mobilität, anderseits kritisierte er kürzlich die Preisaufschläge der SBB. Sie seien verantwortlich für den Passagierrückgang. Was gilt jetzt?
Der VCS muss zweigleisig fahren: Erstens gilt es die Zunahme zu dämpfen. Wachstumsprognosen gehen bis 2030 von 50 Prozent beim ÖV und 19 Prozent beim Strassenverkehr aus. Zweitens muss das trotzdem eintretende Wachstum umweltverträglich ausgestaltet werden. Es soll also vor allem auf der Schiene stattfinden.

Wie wollen Sie das Wachstum bremsen, wenn nicht via Preis?
Meines Erachtens ist bei Billettpreisen die Schmerzgrenze erreicht. Der Effekt des Preises wird sowieso überschätzt. Gewohnheiten müssen durchbrochen werden. Das Bedürfnis nach Mobilität verkleinert sich, wenn wieder näher beim Arbeitsort gewohnt wird. Heute sind die Wohnungen nicht dort, wo die Leute arbeiten. Das ist eine raumplanerische Herausforderung.

Die SBB wollen vom Prinzip abrücken, dass ein Billett zu jeder Tageszeit gleich teuer ist. Unterstützen Sie das?
Wir wollen das transparente, verlässliche System, das den Schweizer ÖV auszeichnet, beibehalten. Es soll nicht zu Zuständen kommen wie im Flugverkehr, wo die Preise völlig intransparent zustande kommen. Dort ist es Glückssache, ob man ein günstiges Ticket erhält.

Sind Sie gegen die 9-Uhr-Karte des Zürcher Verkehrsverbunds, die die Grünen befürworten?
Bei Abonnementen wie diesem oder bei Spartickets sehe ich Spielraum, damit die Spitzen am Abend und am Morgen gebrochen werden können.

Teuer sind vor allem schlecht ausgelastete Linien. Hier hat der VCS kürzlich mit einer Petition den Bundesrat ausgebremst. Lässt man sich lieber von Nostalgie leiten als von der Vernunft?
Die Vorlage des Bundesrats war sehr provokativ und hätte den öffentlichen Verkehr massiv geschwächt.

Wehrt sich der VCS gegen jeden Abbau?
Nein. Falsch wäre ein Kahlschlag, der nur den Auslastungsgrad als Kriterium zulässt. Man muss von Fall zu Fall schauen. Es ist wichtig, dass die ländlichen Regionen angebunden bleiben. Die Zugänge aufs Fernverkehrsnetz sollen nicht gekappt werden. Sonst riskieren wir mehr Autoverkehr, weil die Leute unterwegs ungern das Verkehrsmittel wechseln.

Park+Ride ist also gescheitert?
Diese kombinierte Mobilität klappt nur dann, wenn das ÖV-Angebot bereits in den Subzentren – also zum Beispiel in Münsingen – gut ausgebaut ist. Sonst fahren die Leute gleich die ganze Strecke mit dem Auto in die Stadt.

Der VCS ist neben einer Interessenorganisation auch Anbieter von Dienstleistungen. Nutzen Sie das – zum Beispiel für Ferien?
Nein, das nicht, und versichert bin ich derzeit auch anderswo. Genutzt habe ich dagegen die Boutique oder den Keyfinderservice.

Wo machen Sie Ferien?
Ich erkunde gerne die Ränder Europas. Vor kurzem bereiste ich mit meiner Familie Marokko.

Sind Sie hingeflogen?
Wir fuhren mit Bahn und Schiff. Für Ferien fliege ich nie. Als ich Mitglied der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats war, kam ich leider nicht darum herum. Für die Reise der Verkehrskommission nach Rotterdam diesen Herbst werde ich jedoch auf jeden Fall den Zug nehmen.

Erstellt: 22.04.2013, 11:38 Uhr

Neue VCS-Präsidentin ist gewählt

Der grün dominierte Verband zieht die SP-Nationalrätin Allemann der grünen Nationalrätin Trede vor

47 von 74 anwesenden Delegierten wählten am Samstag in Bern die 34-jährige SP-Nationalrätin Evi Allemann zur Nachfolgerin von Franziska Teuscher, die zehn Jahre an der Spitze des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) stand. Seit Jahresbeginn sitzt sie nun im Berner Gemeinderat. Die 29-jährige Aline Trede, die für die grüne Teuscher in den Nationalrat nachrutschte, unterlag Allemann klar. Dies, obwohl vermutlich die Mehrheit der Delegierten dem grünen Lager angehört.

Der Zentralvorstand, Allemann ist seit einem Jahr selber dabei, sprach sich im Vorfeld aber einstimmig für Allemann aus. Darunter die grüne Gabi Petri, einflussreiche Co-Geschäftsführerin des VCS Zürich. Auch an der Delegiertenversammlung erfuhr Allemann Support. Derweil Trede sich vereinzelt gegen den Vorwurf wehren musste, sie sei als ehemalige Kampagnenleiterin nicht immer präsent gewesen.

Teuscher erinnerte daran, dass sich der VCS glücklich schätzen dürfe, aus zwei hochkarätigen Kandidaturen auswählen zu können. Hervorgehoben wurde dann, dass Allemann das Anforderungsprofil besser erfülle – insbesondere mit ihrer strategischen Gabe und der Ankündigung, hart in der Sache, aber einvernehmlich im Stil zu bleiben.

Unvergessen ist wohl noch der Angriff aufs Verbandsbeschwerderecht. Die FDP-Initiative scheiterte 2008 an der Urne. Ausgelöst wurde sie durch den Streit ums Hardturmstadion mit integriertem Einkaufszentrum in Zürich, den zwar der VCS einleitete, letztlich aber von Anwohnern weitergeführt wurde. Neben dem Verhindererimage handelte sich der VCS damals einen markanten Mitgliedereinbruch ein.

Der VCS wurde 1979 als Alternative zum grösseren TCS gegründet. Der VCS zählt rund 111 000 Mitglieder und ist damit eine wichtige Lobbyorganisationen für das rot-grüne Lager. (cab)

Evi Allemann im Gespräch

Die Vorzeigefrau - stilsicher, pflichtbewusst, hartnäckig, linientreu

Ja, sie sei nervös gewesen, räumt Evi Allemann am Tag danach ein. Am Samstag legte sie den VCS-Delegierten in einem dichten, etwas hastigen Referat dar, warum gerade sie die richtige Nachfolgerin von Franziska Teuscher wäre. «Nervös nicht darum, weil ich nicht hätte leben können mit einer Niederlage», erläutert sie. Aber sie habe die hohen Erwartungen erfüllen wollen. Immerhin hätten die Leitungsgremien sie einstimmig empfohlen.

Darin spiegelt sich das Pflichtbewusstsein, die Gewissenhaftigkeit Allemanns, die erst 34-jährig bereits einen nationalen Verband präsidiert und schon seit zehn Jahren im Nationalrat sitzt – neun Jahre davon insbesondere als Mitglied der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen. Hartnäckig hat sich die junge Frau dort über die Parteigrenzen hinweg Respekt verschafft. Noch während des Jurastudiums engagierte sich die Sozialdemokratin in der Verkehrspolitik der Stadt Bern.

Im Verein Läbigi Stadt tüftelte sie an Modellen für die Zukunft herum und trug später das Konzept Roadpricing ins Bundeshaus. Neben dem Thema Verkehr widmet sie sich auch der Wohnpolitik und der Sicherheitspolitik. Angesprochen auf das Tempo ihrer politischen Karriere, meint sie: «Ich hatte früh Lust, den Alltag, in dem ich lebe, zu gestalten. In der Politik kann ich da mitreden, wo die Entscheidungen dazu gefällt werden.»

Im Interview vertritt sie sattelfest ihre Standpunkte, fast paukt sie den komplexen Stoff dem Vis-à-vis ein, abgeschlossen jeweils von einem kleinen, fast mathematisch anmuteten Triumph: was zu zeigen war. Leichtfüssig und frech wie Aline Trede, ihre Konkurrentin im Kampf ums Präsidium, ist sie nicht. Freundlich und korrekt dafür. Wer das mit brav verwechselt, täuscht sich jedoch. Sie streitet konsequent – in diesem Fall für die ökologische Verkehrswende.

Verheiratet und Mutter eines zweijährigen Kindes, bringt sie politische Karriere und Familie unter einen Hut: «Ich habe mich bewusst für Verbandsarbeit entschieden, da lassen sich Synergien nutzen», sagt sie. 40 000 Franken wird sie pro Jahr für das VCS-Präsidium erhalten; Teuscher bezog noch 70 000 Franken. Doch nicht zuletzt auf Wunsch Allemanns wurde das Pflichtenheft reduziert. Präsidentin des kantonalen Mieterinnen- und Mieterverbands will Allemann bis auf weiteres bleiben. (cab)

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