«Es wären Rückfälle in die 1990er-Jahre möglich»

Der Kurdenspezialist Hans-Lukas Kieser vermutet, dass eine weitere Zuspitzung des Konflikts auch hierzulande zu weiteren Gewaltausbrüchen führen könnte.

Hans-Lukas Kieser ist Professor für Geschichte an der Universität Zürich und Spezialist für die Kurdenfrage.

Hans-Lukas Kieser ist Professor für Geschichte an der Universität Zürich und Spezialist für die Kurdenfrage. Bild: zvg

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Warum schwappt der kurdisch-türkische Konflikt genau jetzt nach Bern und damit in die Schweiz über?
Die Situation in der Türkei hat sich in den letzten Wochen und Tagen massiv verschlechtert. Seriöse Beobachter sind sich einig, dass der Staatspräsident Tayyip Erdogan dafür die entscheidende, wenn auch nicht alleinige Verantwortung trägt. Er hat den vorherigen Friedensprozess mit den Kurden nicht mit dem geforderten Ernst, sondern nach Massgabe persönlicher Machtambitionen betrieben. Zudem hat er sich von den radikalislamistischen Kräften nie überzeugend distanziert. Er hat sie im Gegenteil für seine Nahostpolitik instrumentalisiert. Ausserdem hat Erdogan auch die AKP in einen scharfen Gegensatz zu den Kurden gebracht. Die Partei ist ihm nämlich als unantastbarem Führer hörig geworden.

Wer hätte denn in einem schweizerischen Kurden-Türken-Konflikt punkto Anhängerschaft die Nase vorne?
Die Diaspora aus der Türkei in der Schweiz zählt mehr als 120’000 Personen. In ihr ist der Anteil an Kurden wie auch Aleviten und weiterer regierungskritischer Stimmen prozentual bedeutend grösser als in Deutschland. Die meisten Stimmen aus der Schweiz sind bei den türkischen Parlamentswahlen vom Juni 2015 an die kurdisch geprägte HDP gegangen. Viele von ihnen sind schon in der zweiten oder dritten Generation hier und relativ gut integriert.

Inwiefern werden die Geschehnisse in der Türkei das Gewaltpotenzial der hier lebenden Kurden und Türken weiter beeinflussen?
Über Social Media und Newsplattformen ist die neue kurdisch-türkische Hochspannung natürlich auch in der Schweiz präsent. Die Kurden hier sind gut organisiert und in der Regel auch bei Demonstrationen diszipliniert und friedlich. Sie haben namentlich in Basel, wo sie überproportional vertreten sind, schon in den 1990er-Jahren begriffen, dass dies für sie so am besten ist. Sie sollten hierzulande den Fehler vermeiden, sich zu Gewalt provozieren zu lassen oder sich mit gewaltbereiten Chaoten zusammenzutun.

Doch genau dies scheint geschehen zu sein. Ein Mitglied der Kurdischen Jugend Schweiz sagt, sie hätten das Auto an der Schwellenmattstrasse wegen eines Aufklebers der Grauen Wölfe angegriffen. Wie gross war diese Provokation wirklich? Die Grauen Wölfe haben vor allem in den 1980er-Jahren als extrem nationalistische Organisation für negative Schlagzeilen in der Schweiz gesorgt. Tatsächlich war ihre Mutterorganisation, die MHP in der Türkei, mit ihr angegliederten Banden bis Ende des 20. Jahrhunderts eine Vorreiterin für rassistische Übergriffe. Im jetzigen Fall befürchte ich jedoch, dass die Kurdische Jugend Schweiz zu emotional und damit politisch kontraproduktiv reagiert hat. Gewalt, die nicht Notwehr ist, ist unentschuldbar.

Die bewilligte Demonstration zugunsten Erdogans wurde von der Union für türkische Demokraten in Europa (UETD) organisiert. Ist diese Gruppierung ebenfalls gewaltbereit? Die Union für türkische Demokraten in Europa dient der AKP zu und steht somit Erdogan sehr nahe. Im Gegensatz zu den Osmanischen Foyers in der Türkei, die ebenfalls eine solche Funktion erfüllen, sind sie meines Wissens bisher aber nie durch Mobgewalt aufgefallen.

Die Vorfälle vom Samstag weisen Parallelen zu den gewalttätigen Kurdenprotesten in den 1990er-Jahren auf. Drohen wieder mehr solche bürgerkriegsähnlichen Zustände? Noch gehe ich davon aus, dass es sich eher um einen Ausrutscher handelt. Falls sich die Situation in der Türkei indes dramatisch weiter polarisiert, mit Auswirkungen auf Nordsyrien und den Nordirak, ist vieles möglich und damit auch Rückfälle in die 1990er-Jahre.

Müssen wir wegen der Situation in der Türkei auch wieder vermehrt mit kurdischen Flüchtlingen rechnen? Ja, wenn kein Waffenstillstand zustande kommt. Solange Erdogan glaubt, mit erneutem Krieg gegen die Kurden das Ergebnis der Wahlen vom Juni entkräften zu können, scheint er nicht an einer Deeskalation interessiert zu sein. Die Kurden müssen es schaffen, nicht ungewollt Erdogans Spiel mitzuspielen. Sie können zum Beispiel, wie schon in früheren Jahren, einen einseitigen Waffenstillstand ausrufen.

Erstellt: 14.09.2015, 18:42 Uhr

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Hans-Lukas Kieser

Der 58-jährige Hans-Lukas Kieser ist Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Er forscht vor allem über das späte osmanische Reich, die Geschichte der Türkei und deren Beziehungen zu Europa und der Schweiz.

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