Ex-Brigadier begleitet Menschen in Krisen

Marcel Fantoni, früherer Kommandant der Generalstabsschule, gibt heute seine Führungserfahrung als Krisen- und Rhetorikcoach weiter, sowie als Begleiter und Hofnarr.

Der ehemalige SVP-Politiker Marcel Fantoni geriet selbst in eine Krise, bevor er Menschen in Krisen beriet. Foto: Sophie Stieger

Der ehemalige SVP-Politiker Marcel Fantoni geriet selbst in eine Krise, bevor er Menschen in Krisen beriet. Foto: Sophie Stieger

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Das Herz auf der Zunge, zeigt sich Marcel Fantoni betont fröhlich und leutselig. Militärisch-autoritär tritt der Mann jedenfalls nicht auf, der sich als General vermietet. «Rent a general» heisst die Einzelfirma des früheren Brigadiers im Rang eines Einsterngenerals. Acht Jahre lang war er Kommandant der Generalstabsschule in Kriens. Da ein Brigadier mit 60 in Rente gehen muss, stellte sich dem Junggebliebenen vor zwei Jahren die Frage, wie er sich im Ruhestand nützlich machen kann. Er habe sein Leben lang etwas für die Gesellschaft getan, sagt er, als Militär, als Kirchenpfleger oder Gemeinderat in Dietikon. Also wolle er seine Führungserfahrung weitergeben, die er seit 47 Jahren – als Bub in der Pfadi und dann in steiler Laufbahn als Offizier – gesammelt habe.

Der Ex-General bietet sich als Lebensbegleiter an, als Rhetorikcoach und Krisenmanager. Bevorzugt nimmt er seine Klienten mit auf einen zweistündigen Spaziergang: Im Gehen können sie sich aussprechen oder ausweinen, je nach Gemütslage. Habe er es mit Unternehmern oder Politikern zu tun, schlüpfe er gern in die Rolle des Hofnarrs. «Bedingungslos ehrlich» sage er etwa dem Politiker, dass dessen vorbereitete Rede «völliger Schrott» sei. Als Rhetorikcoach übt er Reden mit seinen Klienten oder schreibt sie gleich selber. Eine Rede brauche ein Ziel und müsse alle Sinne ansprechen, nicht nur den Verstand. Die meisten Reden krankten daran, dass sie von Kopf zu Kopf und nicht von Herz zu Herz gehalten würden.

Wundersame Rettung

Fantoni begleitet Menschen in Krisen, bei Verlust der Stelle oder des Lebenspartners. Auch dabei kann er aus eigener Erfahrung schöpfen. Kurz vor der Pensionierung hatte ihm eine Depression jede Lebenslust geraubt. Als Brigadier war er gewohnt, seine Arbeitszeit ganz nach dem Bedürfnis der Truppe auszurichten und wöchentlich 70 bis 80 Stunden zu investieren. Zwei Jahre vor dem Ruhestand erfuhr er, dass er wider Erwarten nicht befördert werden sollte, ohne zu wissen warum. Nach Bern in ein steriles Büro abgeschoben, verlor er das Vertrauen in die Organisation. «Mein Leben war Menschenführung, plötzlich, mit 58, wusste ich nicht mehr wie weiter.» Eines morgens wollte er sich vom Berg stürzen. In der Talstation im Auto bei Kälte und Regen wurde dem zweifachen Familienvater die Tragweite seines Entscheids bewusst. Er ging stattdessen zu einem Psychiater.

In der Depression fühlte sich Fantoni wie Hiob: Der Glaube trug nicht mehr, der ihn früher getragen hatte. «Der Herrgott hatte es immer gut mit mir gemeint», sagt der 62-Jährige, der als Säugling seine Mutter bei einem Gasunfall verlor. Während sie in der Küche erstickte, lag er hinter der Tür im Stubenwagen und überlebte. Für ihn Tragödie und wundersame Rettung zugleich. Im Wallis bei der Grossmutter aufgewachsen, «fühlte ich mich in der Kirche geborgen und warm». Weihrauch, Engelsfiguren und die benachbarten Kapuziner, barfuss in Sandalen, gehören zu prägenden Kindheitserinnerungen. Seither lese er täglich in der Bibel, bete regelmässig. Ja, auch vor dem Gespräch mit dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet habe er gebetet, bekennt Fantoni, der einst Priester werden wollte, heute aber mit der Kirche nur noch wenig verbunden ist.

«Man muss Menschen mögen»

Als Führungsperson habe ihm der Glaube Bodenhaftung gegeben. «Ein Chef muss Halt haben», so Fantoni. Vorbild ist ihm immer ein Soldat aus der Bibel gewesen, der Hauptmann von Kafarnaum, der von Jesus nichts für sich selbst verlangt, sondern die Heilung seines todkranken Dieners. Die höchste Form auch der Macht sei das Dienen, schliesst Fantoni daraus. Darum habe er als Brigadier seinen 68 Mitarbeitern immer wieder dieses biblische Gleichnis erzählt. Im Wissen darum, dass er als Kommandant der Generalstabsschule Elitesoldaten ausbildete. «Generalstäbler sind Generalisten, die immer das Ganze im Blick haben. Sie müssen lernen, wie man einen Flughafen bewacht, oder wie man einen Armeetag organisiert.»

Die acht Jahre als Kommandant bringen ihn ins Schwärmen. Selbst in den gefährlichsten Situationen habe er sich im Glauben behütet gefühlt. Fünfmal sei auf ihn geschossen worden, unabsichtlich. Fünfmal sei die Kugel haarscharf am ihm vorbeigegangen. Für Fantoni macht Glaube nicht fatalistisch, stärkt im Gegenteil die Eigenverantwortung. «Wir selber sind für uns verantwortlich, nicht der Staat», umschreibt er seine urliberale Gesinnung. Früher politisierte er für die SVP, heute ist er parteilos und ohne politisches Mandat. Seine Gesinnung lässt er ins Coaching einfliessen, das er «Menschenführung 4 x M» nennt: «Man muss Menschen mögen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.12.2014, 01:39 Uhr

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