Exodus bei World Vision Schweiz

Beim evangelikalen Hilfswerk haben der CEO, der Marketingchef sowie weitere Kaderleute gekündigt. Grund ist ein Streit um die Ausrichtung der Organisation.

Interne Auseinandersetzungen: Jahrelang haben die Patenschaften geboomt, nun verzeichnet World Vision erstmals schlechte Zahlen.

Interne Auseinandersetzungen: Jahrelang haben die Patenschaften geboomt, nun verzeichnet World Vision erstmals schlechte Zahlen. Bild: Facebook World Vision

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

World Vision gehört zu den grössten Hilfswerken in der Schweiz. 2011 flossen der christlich geprägten Organisation 57,7 Millionen Franken zu. 15,7 Millionen stammten aus öffentlichen Mitteln, der Rest von privaten Spendern. Bekannt ist World Vision vor allem wegen seiner Kinderpatenschaften: Für einen regelmässigen monatlichen Betrag kann ein Spender Pate eines Kindes in einem Entwicklungsland werden. Im Gegenzug erhält er Briefe des Kindes, und er kann es besuchen, wenn er will.

Die Kinderpatenschaften haben jahrelang geboomt, sind nun aber rückläufig. 2011 haben sie sich im Vergleich zum Vorjahr um 4 Prozent auf knapp 60'000 Patenschaften reduziert. World Vision gelingt es nicht, die auslaufenden Patenschaften durch genügend neue zu ersetzen. Insgesamt sind die Einnahmen von World Vision 2011 um eine halbe Million Franken geschrumpft.

Rückläufige Spendenerträge

Als Folge der rückläufigen Erträge ist innerhalb des Hilfswerks ein Streit um die Ausrichtung von World Vision entbrannt. Vor allem jüngere Mitarbeiter forderten, das Hilfswerk solle sich nicht primär auf Kinderpatenschaften konzentrieren, sondern thematisch breiter auftreten. Durchgesetzt haben sich schliesslich die Vertreter, die genau das Gegenteil anstreben: eine noch stärkere Konzentration auf Kinderpatenschaften und eine Abkehr von Schwerpunktprojekten wie der Malariabekämpfung oder Trinkwassersäuberung. «Wir verfolgen keine Wachstumsstrategie um jeden Preis, sondern konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz mit Patenschaften», sagt Pressesprecher Roland Stangl.

Gemäss Insidern haben CEO Urs Winkler und Marketingchef Marc-André Pradervand im Streit um die Ausrichtung zwischen den beiden Lagern laviert. Die schlechten Zahlen hätten schliesslich dazu geführt, dass sie mehr oder weniger freiwillig ihre Kündigung eingereicht haben. Beide wollten sich nicht zu ihrem Abgang äussern. An ihrer Stelle sagt Stangl: «Urs Winkler möchte sich mit 57 Jahren beruflich nochmals neu orientieren.» Pradervand gehe wegen unterschiedlicher Auffassungen über die künftige Ausrichtung von World Vision.

Neben den zwei Geschäftsleitungsmitgliedern haben die beiden Verantwortlichen für die Bereiche Social Media und Public Marketing gekündigt, und auch zwei Grosskundenbetreuer verlassen die Organisation. Dem Vernehmen nach waren auch sie mit der verstärkten Fokussierung auf Kinderpatenschaften nicht einverstanden. Damit verliert World Vision innerhalb weniger Monate zwei von fünf Geschäftsleitungsmitgliedern sowie rund ein Drittel seiner 16-köpfigen Marketingabteilung.

Kritik an Einzelpatenschaften

Mit der Konzentration auf Patenschaften setzt World Vision auf eine Form der Spendensammlung, die unter Fachleuten stark umstritten ist. «Wir lehnen Einzelpatenschaften mit direkten Kontaktmöglichkeiten zu Kindern ab. Damit werden Kinder instrumentalisiert», sagt Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Zertifizierungsstelle Zewo. Laut ihr entsprechen individuelle Patenschaften einer überholten Vorstellung von Entwicklungszusammenarbeit: «Damit wird das Bild vom reichen weissen Onkel gepflegt, der dem armen schwarzen Kind Geld gibt.» World Vision muss deshalb ohne Zewo-Gütesiegel auskommen.

Das Hilfswerk weist diese Vorwürfe zurück: «Patenschaften sind ein weltweit erfolgreiches Modell der Entwicklungszusammenarbeit», sagt Sprecher Stangl. Nur die Zewo erteile World Vision das Gütesiegel nicht. Die Kinder würden den Projekten ein Gesicht geben. Zudem profitierten auch die Familien und das Umfeld der Kinder von den regelmässigen Beiträgen der Paten. Zewo-Geschäftsleiterin Ziegerer überzeugt dies nicht. Sie bedauert, dass World Vision nun noch stärker auf Kinderpatenschaften setzen will. Moderne Entwicklungszusammenarbeit funktioniere anders, sagt sie: «Sie zeigt Ursachen der Armut auf – und setzt sich mit Projekt- und Themenarbeit für deren Überwindung ein.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2012, 06:18 Uhr

Urs Winkler: Der CEO will sich beruflich nochmals neu orientieren. (Bild: PD)

Marc-André Pradervand: Der Marketingchef soll im Streit gegangen sein. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Der falsche Mythos vom weissen Helfer

Analyse Ein Hilfswerk aus den USA will mit einer Internetkampagne den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony hinter Gitter bringen. In Afrika reagieren viele entsetzt. Mehr...

Fiala kassiert 50'000 Franken für Herzensangelegenheit

FDP-Nationalrätin Doris Fiala ist neue Präsidentin der Aids-Hilfe. Was einmal ein Ehrenamt war, kostet die gebeutelte Organisation nun 50'000 Franken pro Jahr. Das ruft die Kontrolleure der Zewo auf den Plan. Mehr...

Blog

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...