Experten kratzen am guten Image der Schweizer Christbäume

Schweizer Weihnachtsbäume gelten als ökologisch. Eine neue Untersuchung zeigt: Auch hiesige Produzenten setzen «grosszügig Chemie» ein.

Rund 1,2 Millionen Tännchen werden in der Schweiz jedes Jahr verkauft.

Rund 1,2 Millionen Tännchen werden in der Schweiz jedes Jahr verkauft. Bild: Keystone

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Aus der Region und ökologisch: Schweizer Christbäume haben einen guten Ruf im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz. Dass sich dieses Image in den Köpfen der Konsumenten festgesetzt hat, liegt nicht zuletzt an der helvetischen Branche, die seit Jahren die Werbetrommel entsprechend rührt. So versicherte etwa Philipp Gut von der IG Suisse Christbaum bereits 2009, Spritzen sei «bei uns zu aufwendig respektive tabu».

Ein anderes Bild von der Situation zeichnet eine bislang unveröffentlichte Untersuchung von Vision Landwirtschaft, jener Denkwerkstatt, die eine «nachhaltige, eigenwirtschaftliche Landwirtschaft» propagiert. Zwischen 2014 und 2015 haben Agrarökologen in den Kantonen Zürich und Aargau Stichproben bei rund 12 Betrieben entnommen und das Prozedere 2016 und heuer wiederholt. «Vor allem kleinere, aber auch einige grössere Produzenten setzten grosszügig Chemie ein», bilanziert Geschäftsführer Andreas Bosshard. Nachprüfen lässt sich das relativ einfach: Wächst kein Gras unter dem Bäumchen, so sind in der Regel Herbizide zum Einsatz gekommen.

Als besonders problematisch bezeichnet Bosshard das flächige Abspritzen mit Herbiziden. So gelangten unnötig grosse Mengen an Giftstoffen in die Böden, darunter auch das umstrittene Glyphosat, was für die Bodelebewesen «äusserst schädlich» sei. Ein weiterer Effekt: Die Böden sind des Herbizideinsatzes wegen vegetationsfrei. Es bestehe deshalb die Gefahr, so Bosshard, dass selbst geringe Niederschläge das eingesetzte Pestizid in die Gewässer schwemme.

IG Christbaum kontert Kritik

In der Schweiz werden in der Weihnachtszeit jedes Jahr rund 1,2 Millionen Tännchen verkauft. Etwa 60 Prozent davon kommen aus dem Ausland, zumeist aus Dänemark oder Deutschland; der Rest aus der Schweiz. Vision Landwirtschaft schätzt, dass 90 Prozent der einheimischen Christbäume aus Kulturen mit Pestizideinsatz stammen. Zu den restlichen 10 Prozent gehören all jene, die im Wald gezogen werden – also dort, wo im Gegensatz zu Landwirtschaftsflächen der Gebrauch von Pestiziden und Dünger von Gesetzes wegen verboten ist. Dazu kommen die Tännchen von Biobetrieben, die allerdings erst einen verschwindend kleinen Teil am Markt ausmachen.

Genaue Zahlen zum Ausmass des Pestizidgebrauchs existieren nicht, da die Situation hierzulande noch niemand flächendeckend untersucht hat. Gut von der IG Suisse Christbaum geht denn auch von ganz anderen Werten als Bosshard aus: 60 Prozent der Produzenten kämen ohne Pestizide aus, der Rest «mit fast keinen». Seine Aussage von 2009, geäussert im «Beobachter», taxiert er im Nachhinein als «etwas zu optimistisch». Im Grundsatz aber hält Gut an seiner Einschätzung fest, wonach Schweizer Bäume vergleichsweise ökologisch produziert würden. Schwarze Schafe gebe es in jeder Branche: «Doch über alle Produzenten gesehen, stehen wir gut da.» In manchen Situationen, betont Gut, mache der Einsatz von Herbiziden schlicht Sinn, so etwa wenn die Christbäume von Läusen befallen seien.

Gut wirft Bosshard vor, aus einer «Mücke einen Elefanten zu machen» – was dieser bestreitet. «Der flächige Herbizideinsatz ist besonders unschön, weil es gute Alternativen gibt», sagt Bosshard. Ein kleiner Teil der Produzenten setze etwa erfolgreich auf Schafe, die den Unterwuchs unter den Bäumen abfrässen, oder sie entfernten das Gras maschinell.

Coop und Landi mit neuen Richtlinien

Doch bislang vertrauen erst wenige kleine Produzenten auf solche Methoden. Einen Erfolg kann Vision Landwirtschaft gleichwohl verbuchen. Zusammen mit Coop hat die Denkwerkstatt 2016 Richtlinien für einen nachhaltigen Anbau von Weihnachtsbäumen erlassen. Alle Schweizer Lieferanten von Coop müssen sich an diese Vorgaben halten, was der Grossverteiler überprüfen lässt. Weitgehend untersagt ist das flächendeckende Abspritzen mit Herbiziden, der Einsatz von Fungiziden und Insektiziden ist eingeschränkt. Bosshard schätzt, dass sich dank dieser Massnahmen der Pestizideinsatz um mehr als die Hälfte senken lässt.

Coop verkauft etwa 80'000 Tannenbäume, mehr als 80 Prozent der Tannen stammen dieses Jahr aus der Schweiz. Der Grossverteiler hat den Einsatz von Herbiziden bereits «deutlich reduziert», wie eine Sprecherin festhält. «Wir arbeiten daran, beim Anbau von Christbäumen künftig komplett auf Herbizide zu verzichten.» Auch Landi hat die Richtlinien inzwischen übernommen.

Migros geht anderen Weg

Nicht im Boot sitzt der dritte grosse Anbieter von Christbäumen in der Schweiz, die Migros. Sie hält sich an die Richtlinien des Bundes zum ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN). Zu dessen wichtigsten Anforderungen gehört laut einer Migros-Sprecherin die «Auswahl und gezielte Anwendung von Pflanzenbehandlungsmitteln»: «Wir gehen daher davon aus, dass unsere Lieferanten nicht grossflächig mit Pestiziden abspritzen.» Bosshard von der Vision Landwirtschaft hält die ÖLN-Vorgaben jedoch für zu lasch. So sei es etwa erlaubt, die Bäumchen mehrmals pro Jahr mit Herbiziden abzuspritzen.

Wie Coop verkauft auch die Migros rund 80'000 Weihnachtsbäume. In der Westschweiz sind es heuer nur importierte Bäume, dies wegen eines «Qualitätsproblems» mit dem betreffenden Lieferanten. In der Deutschschweiz sind im Bereich Supermarkt 70 Prozent aus dem Inland, im Fachmarkt 40 Prozent.

Video - Der berühmteste Weihnachtsbaum leuchtet

Der Christbaum am Rockefeller Center in New York ist 23 Meter hoch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.12.2017, 18:26 Uhr

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