Extremskifahrer liessen sich von SRF-Heli ausfliegen

Alpenschützer halten die Aktion für illegal: Zwei von Fernsehreportern begleitete Skifahrer haben sich vom Schreckhorn im Berner Oberland ausfliegen lassen – ohne in Not zu sein.

Heli statt Abstieg: Szene aus der Fernsehsendung «Winter Challenge».

Heli statt Abstieg: Szene aus der Fernsehsendung «Winter Challenge». Bild: Screenshot SRF

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Das hatte vor ihnen noch niemand gewagt: Die beiden Extremskifahrer Christian Paul und Christoph Kohler wollten im vergangenen Juli die bis zu 60 Grad steile Nordostflanke des Schreckhorns mit Ski befahren. Der Berg gilt als schwierigster Viertausender der Berner Alpen. Allein schon seine Besteigung gilt deshalb als respektable Leistung. Begleitet wurde das Duo vom Bergführer Hanspeter Feuz. Mit von der Partie war auch das Schweizer Fernsehen (SRF), das den Rekordversuch festhielt – für seine Sendereihe «Winter Challenge».

Das Publikum wurde dabei Zeuge einer fragwürdigen Aktion: Am Morgen des ersten Tages stiegen die drei Männer ohne Ski durch die Wand, um das Gelände zu erkunden. Lag nach dem kühl-nassen Frühjahr wie erhofft genug Schnee in der Wand? Wo waren die heiklen, da eisigen Stellen? Der Aufstieg gestaltete sich fordernder als erwartet, Bergführer Feuz musste Eisschrauben drehen und Fixseile montieren, sodass wertvolle Zeit verloren ging. Als das Trio den Gipfel erreichte, war es zu spät, um über die Nordostwand wieder abzusteigen. Zu gross war wegen der fortgeschrittenen Erwärmung die Gefahr von Stein- und Eisschlag.

Rekord gefährdet gesehen

Als Ausweg blieb der Abstieg über den Andersongrat – eine lange und schwierige Route. Weil dies abermals Zeit und Kraft gebraucht hätte, sahen die Extremskifahrer ihren Rekordversuch vom nächsten Tag in Gefahr. In einer Notlage befanden sie sich aber offenkundig nicht, wie aus den ausgestrahlten Gesprächspassagen auf dem Gipfel hervorgeht. Gleichwohl erbaten die Männer um Support – von oben. Ein Helikopter der Swiss Helicopter AG, der im Auftrag des SRF für Filmaufnahmen am Berg unterwegs war, nahm das Trio auf und flog es zurück ins Basislager.

Die Aktion ist umstritten. Die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness taxiert die Landung als illegal, weil der Gipfel kein vom Bund bezeichneter Gebirgslandeplatz (GLP) ist. Die Swiss Helicopter AG widerspricht. «Für uns war das ein gewerbsmässiger Auftrag von SRF», sagt Geschäftsleitungsmitglied Markus Lerch. Auch SRF versichert, es sei alles rechtens abgelaufen. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) bestätigt das: Es handle sich um einen Arbeitsflug, der im Gebirge auch Landungen ausserhalb von offiziellen GLP zulasse. Helikopterfirmen bräuchten dafür keine Einzelbewilligungen des Bazl.

Die Alpenschützer beurteilen den Fall anders: «Die Berggänger wurden zwar gefilmt, waren aber in eigenem Interesse als Teilnehmer der Winter Challenge unterwegs», sagt Rolf Meier von Mountain Wilderness. Es handle sich damit um eine Landung zu touristischen Zwecken, und diese sei nur auf einem vom Bazl bezeichneten Gebirgslandeplatz rechtmässig. Den Helikopter als Taxi zu benutzen, bezeichnet Meier als «Unsitte», welche das Bazl umgehend stoppen müsse.

In einem ähnlichen Fall bei Zermatt dreht sich der Zwist ebenfalls um die Frage, ob es sich bei einem von Medien begleiteten Heliskiing-Trip 2011 um einen touristischen Flug oder einen Arbeitsflug gehandelt hat. Das Bazl muss den Fall neu beurteilen, nachdem das Uvek, das Departement von Doris Leuthard (CVP), zum Schluss gekommen war, das Amt habe seine Aufsichtspflicht verletzt. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.

SRF: Sicherheit ging vor

Nebst diesem juristischen Aspekt weist der Schreckhorn-Fall eine alpinethische Dimension auf: Wie viel Wert hat ein Rekord, der nicht mit fairen Mitteln erzielt wird? Diese Frage richtet sich nicht nur an die beiden Extremskifahrer, sondern auch ans SRF, das für den Taxidienst mitverantwortlich zeichnet. SRF-Programmentwickler Martin Schilt hält die Frage für durchaus berechtigt.

Er bestreitet aber, dass der mit öffentlichen Geldern finanzierte Sender zweifelhafte Alpinpraktiken unterstützt: «Wir haben nichts kaschiert oder unterschlagen. Im Gegenteil, wir zeigen, was ist, auch wenn es der Heldengeschichte nicht unbedingt zuträglich ist.» In der Sendung wird der Ausweg der Extremskifahrer aus ihrem scheinbaren Dilemma wie folgt beschrieben: «Die Lösung heisst: Helikopter. Nicht die feine Bergsteigerart. Aber unter diesen Umständen die beste, weil sicherste Variante.» Schilt ergänzt, SRF wolle nicht, dass sich die Protagonisten überschätzten, weshalb man Hand geboten habe für den Flug ins Basislager.

Zum Glück aus Sicht von Christian Paul und Christoph Kohler. Die beiden konnten so am nächsten Tag die Nordostflanke ein zweites Mal besteigen – auf der nun mit Fixseilen präparierten Route. Danach fuhren sie die 500 Meter hohe Wand runter. Die skifahrerische Pionierleistung war vollbracht.

Erstellt: 15.03.2014, 08:36 Uhr

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