Fachkräfte für die AKW-Stilllegung gesucht

Für den Rückbau von Atomkraftwerken mangelt es an inländischen Spezialisten. Nun fordern Politiker, dass der Bund das Fachwissen sicherstellen soll.

Ende 2019 ist hier Schluss: Schaltzentrale des Atomkraftwerks Mühleberg BE. Foto: Esther Michel

Ende 2019 ist hier Schluss: Schaltzentrale des Atomkraftwerks Mühleberg BE. Foto: Esther Michel

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist eine Premiere. Die Berner BKW ist in der Schweiz der erste Energiekonzern, der ein Atomkraftwerk stilllegt. Am 20. Dezember 2019 geht Mühleberg für immer vom Netz. Danach beginnen die Vorbereitungen für den Rückbau. Bis 2024 will die BKW die Brennelemente ins Zwischenlager in Würenlingen AG transportiert haben. Ab 2025 werden die restlichen radioaktiv belasteten Anlageteile demontiert, ab 2034 soll das Areal neu genutzt werden können.

Die Arbeiten dauern nicht nur lange, mit veranschlagten Kosten für die Still­legung und Entsorgung von 3 Milliarden Franken sind sie auch sehr teuer – und überaus komplex. Fachleute zählen das Prozedere zu den grössten Herausforderungen der Energiestrategie 2050, die das Volk 2017 gutgeheissen hat und die den Atomausstieg vorsieht. Seit 2014 ­bereitet bei der BKW ein mittlerweile 30-köpfiges Team die Stilllegung vor, wobei der Konzern zehn der Spezialisten extern rekrutiert hat, sechs im Inland, vier in Deutschland. Es sind hauptsächlich Ingenieure und Physiker mit entsprechender Erfahrung. Gesamtprojektleiter ist mit Stefan Klute ein Deutscher.

Der Rückgriff auf ausländisches Personal ist umstritten. Nils Epprecht von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) warnt vor Engpässen, sollten im ­­In  und Ausland mehrere AKW im selben Zeitraum rückgebaut werden. Und dies ist durchaus möglich. In der Schweiz steht Beznau I wegen Sicherheitsbedenken seit drei Jahren still. Ob der Meiler je wieder Strom erzeugt, ist ungewiss. Weil die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) den Sicherheitsnachweis der Axpo bislang nicht akzeptiert, hat der Stromkonzern die Wiederinbetriebnahme bereits diverse Male verschieben müssen, zuletzt auf Ende März 2018.

Frankreich will 25 Meiler abschalten

Einen Schritt weiter ist Deutschland: Dort ist das Ende der sieben verbliebenen Atommeiler politisch terminiert. 2022 soll die letzte Anlage ihren Betrieb einstellen. Auch in Frankreich bestehen Pläne, den Anteil der Atomkraft an der Stromproduktion zumindest zu senken – und deshalb bis zu 25 Meiler abzuschalten. Allerdings sieht der Fahrplan von Präsident Emmanuel Macron inzwischen nicht mehr vor, das Ziel bis 2025 zu realisieren, sondern erst fünf bis zehn Jahre später – aus Klimaschutzgründen.

Zum Problem werden könnte auch, dass sich just jene Fachkräfte, die teils seit Jahrzehnten in derselben Anlage ­tätig sind, dem Pensionsalter nähern. SES-Experte Epprecht hält das für «nicht ideal»: «Am sichersten bauen diejenigen ein Werk zurück, die es noch vom ­Betrieb her kennen.»

Bundesrat will nicht handeln

Die Befürchtungen sind auch im Parlament verbreitet. Alt-Nationalrat Jonas Fricker (Grüne) hat den Bundesrat ­bereits 2016 per Vorstoss aufgefordert, sicherzustellen, dass die Schweiz genügend qualifizierte AKW-Rückbauer aus- und weiterbildet. «Der Bund muss rechtzeitig zusammen mit dem Ensi definieren, wie hoch der Personalbedarf ist», sagt Parteikollegin Irène Kälin, welche die Motion übernommen hat. «Gerade im Hinblick auf die Fachkräfteinitiative müssten die Betreiber doch bemüht ­darum sein, die Stellen mit Inländern zu besetzen.» Der Bundesrat sieht allerdings keinen Handlungsbedarf: Er verweist darauf, dass die Ausbildung genügend qualifizierter Fachkräfte in der Verantwortung der Betreiber liege. Und dass diese per Verordnung dazu verpflichtet seien, ausreichend Personal für die Stilllegung nachzuweisen.

Die AKW-Betreiber ihrerseits versichern, für den Rückbau gerüstet zu sein. «Wir setzen auf das Know-how unserer Mitarbeitenden, das bereits vor drei Jahren mit dem Fachwissen einiger Experten ergänzt wurde», sagt eine BKW-Sprecherin. Ähnlich klingt es bei der Axpo. Der Stromkonzern geht zwar nach wie vor davon aus, Beznau I «bis gegen 2030 zu betreiben». Um auf eine «unplanmässige, vorzeitige» Stilllegung vorbereitet zu sein, hat die Axpo 2016 ein entsprechendes Projekt gestartet. Auch sie wird beim Rückbau möglichst auf eigene Spezialisten zurückgreifen, wie ein Sprecher sagt. Trotzdem hat die Axpo bereits jetzt «vereinzelte» Fachkräfte mit Rückbauerfahrung in Deutschland rekrutiert. Wie viele, sagt sie nicht.

Nur Aufgabe der Branche?

Frickers Vorstoss, der in der heute beginnenden Frühlingssession traktandiert ist, polarisiert im Nationalrat. Zwar bestreitet kaum ein Parlamentarier, dass es eine Herausforderung sei, genügend inländisches Fachpersonal zu rekrutieren. Gefordert sei jedoch die Branche, die die Lehrinhalte mitgestalten müsse, lautet der Tenor. Ob darüber hinaus der Bund eingreifen soll, ist umstritten. Christian Wasserfallen (FDP) etwa ist der Meinung, dass sich der Bund finanziell an Projekten zur Erarbeitung von neuen Studiengängen an Hochschulen oder neuen ­Berufsausbildungen beteiligen könne. Namentlich bei der ETH finanziere er ja heute schon den kompletten Betrieb.

Christian Imark (SVP) dagegen hält ein Engagement des Bundes für unnötig. Die Betreiber könnten auf zahlreiche Aus- und Weiterbildungsangebote zurückgreifen, unter anderem der ETH und des Paul-Scherrer-Instituts. Für ­seinen Parteikollegen Hansjörg Knecht macht es Sinn, dass die AKW-Betreiber darüber hinaus auf «ausländische Erfahrungen mit dem Rückbau» zurückgreifen. Bedenken formulieren auch Mittepolitiker. Stefan Müller-Altermatt (CVP) warnt davor, politische Massnahmen zu ergreifen: «Das würde den Druck von den Betreibern nehmen, ihrem gesetz­lichen Auftrag nachzukommen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2018, 21:26 Uhr

Artikel zum Thema

Bundesrat ergreift Partei für AKW-Betreiber

Die Sicherheit des Atomkraftwerks Beznau ist umstritten und beschäftigt die Gerichte. Doch der Bundesrat will deren Urteil nicht abwarten. Mehr...

Die wundersame Verjüngung des ältesten AKW der Welt

Hinter indischen und amerikanischen Reaktoren: Warum Beznau I in der IAEA-«Rekordliste» nach hinten gerutscht ist. Mehr...

AKW Leibstadt ist schon wieder vom Netz

Nach längerem Unterbruch hat das AKW vor vier Tagen seinen Betrieb wieder aufgenommen. Nun steht es erneut still. Mehr...

Studiengang für AKW-Experten

In der Schweiz werden Experten für den Rückbau von Atomkraftwerken an der ETH Zürich ausgebildet. Zusammen mit der ETH Lausanne und dem Paul-Scherrer-Institut (PSI) bietet sie seit 2008 den Masterstudiengang Nuclear Engineering an. Seit 2016 ist der Rückbau von Atomanlagen Teil des Lehrplans. Der Kurs wird in Zusammenarbeit mit dem Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) in Deutschland durchgeführt. Die Studentinnen und Studenten werden dabei von Fachleuten aus der Industrie, den Genehmigungsbehörden, der Nagra und dem PSI unterrichtet.

Bislang wurden mehr als zehn Master- und Doktorarbeiten in Themenfeldern abgeschlossen, die für den Rückbau von Atomkraftwerken relevant sind. Gemäss Angaben des Paul-Scherrer-Instituts und der ETH studieren in diesem Studiengang jährlich durchschnittlich 13 Studenten. Zudem graduieren pro Jahr 15 Doktoranden am PSI, das auch Weiterbildungen im Bereich Kerntechnik anbietet. Ob die Zahl der ausgebildeten Fachkräfte den Bedarf deckt, können die Institutionen nicht beantworten. Man stelle jedoch fest, dass die Absolventen «sehr gefragt» seien, was für deren Qualifizierung und den Bedarf spreche, heisst es bei der ETH. (sth/rbi)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...