Fangt mich doch, wenn ihr könnt

Ein Investor aus Italien wirbelt durch die Schweiz. Wo er auftaucht, hinterlässt er offene Rechnungen und leere Champagnerflaschen. Die Polizei ermittelt, er macht weiter – und kommt davon.

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In Genf suchen sie ihn wegen Verdachts auf Betrug, Veruntreuung und arglistige Vermögensschädigung. In New York flucht ein Immobilienhändler in den Telefonhörer, wenn man seinen Namen erwähnt. In Rom hat eine Investorengruppe seinetwegen einen Anwalt eingeschaltet. In Paris fragt sich das Luxushaus Hermès, wo die 390'185 Euro bleiben. In Ittigen bei Bern rätselt die Chef­etage des Swiss Paralympic Comittee, warum man sich nur auf den netten Herrn eingelassen hatte.

Und in Gstaad? Dort spielt ein Hotelierpaar mit dem Gedanken, ihn aus einem Mietchalet zu werfen, das gegen 1000 Franken pro Nacht kostet. Die ­aufgelaufene Rechnung übersteigt 50'000 Franken.

Kein Name

Am 24. Januar 2014 betritt er das Hotel erstmals – Roberto Rondinello (Name geändert), 44-jährig, Italiener, Jurist, Investmentmanager. Seine Anzüge sind massgeschneidert, er konversiert in drei Sprachen. Begleitet wird er von seiner Frau, seinem Sohn im Primarschulalter und einem Golden Retriever. «Sie wirkten wie die perfekte Kleinfamilie, charmant und unauffällig», sagt die Hotelbesitzerin. Für fünf Nächte hat er via Booking.com ein Zimmer gebucht. Er werde in Gstaad ein Chalet kaufen, erzählt er. Das sei noch nicht fertig renoviert. Er müsse überbrücken.

Wäre der Réceptionistin damals aufgefallen, dass auf Rondinellos Visa-Karte kein Name verzeichnet ist, wäre vielleicht einiges anders gelaufen. Aber so bezieht die Familie ihr Zimmer. Eine ­Juniorsuite.

Dinner mit Prinz

Zwei Monate früher, Paris, Fünfsternhotel Le Meurice, Nähe Louvre. Der österreichische Schmuckhändler Daniel Wiesmayr ist an ein Galadinner der Promotionsagentur Caballus geladen. Er sitzt mit seiner Frau am President’s Table. Caballus beschäftigt sich mit arabischen Pferden und ist eng mit Königs­familien aus dem Nahen Osten vernetzt, ein paar Plätze weiter sitzt Prinz Abdul ­Aziz von Saudiarabien. Ebenfalls am Tisch: Roberto Rondinello. Wiesmayr kommt mit ihm ins Gespräch, zeigt ihm laut eigenen Angaben einen Katalog mit seinem Sortiment. Er ist Zwischenhändler einer exklusiven Schmuckschmiede aus München.

Einige Tage nach dem Dinner meldet sich Rondinello, er wolle mit ihm zusammenarbeiten. Der Plan klingt für den Schmuckhändler interessant: Rondinello will bei ihm Einzelstücke im Wert von 18  Millionen Euro bestellen, Colliers, Ringe, Armreifen. Dazu 12 Schmuckvitrinen zum Preis von 20'141 Euro. Der Italiener erklärt, er werde in Gstaad ein Chalet kaufen und dort die Stücke ausstellen, zusammen mit Kunstwerken und exklusiven Möbeln. Das Inventar diene dann als Substanz eines Luxusfonds, in dem Investoren ihr Geld anlegen würden. Wiesmayr reist nach Gstaad, lässt sich das Chalet zeigen, das Roberto Rondinello bald gehören soll. Dann sagt er zu.

Selbst in Schwierigkeiten

Wiesmayrs Frau arbeitet für ein Autohaus. Bei ihr bestellt Rondinello einen Audi RS6 für 136'000 Euro, eine als Kombi getarnte Rennmaschine. Wiesmayr leitet die Bestellung von Schmuck und Auto weiter, gibt die Vitrinen in Auftrag. Ein Jahrhundertgeschäft bahnt sich an.

Aber dann stockt der Deal. Rondinello sollte eine Anzahlung von 10 Prozent überweisen. Mal um Mal verzögert sie sich. Irgendwann schickt Rondinello als Beweis einen Zahlungsbeleg der UBS. Das Geld erreicht Wiesmayrs Konto nie.

Nun kommt der Händler selbst in Schwierigkeiten. Die Garage hat den Audi beschafft und wartet auf ihr Geld; die Vitrinen sind gebaut; der Schmuck ist reserviert. Rondinellos E-Mail-Antworten werden kürzer, schliesslich versiegen sie ganz. Am 26. März zeigt Wiesmayr ihn bei der Landespolizeidirektion Oberösterreich an.

Ausgetauschte Schlösser

Im Gstaader Hotel ist der Platz knapp geworden – Februar, Hochsaison. Die Hoteliers schlagen Rondinello vor, in ein Luxuschalet zu wechseln, das fast 1000 Franken pro Nacht kostet. Rondinello stimmt zu, seine Frau freut sich: «Dann kann ich selber kochen.»

Rondinello wird gebeten, die bisher aufgelaufene Rechnung zu begleichen. Er sagt, er werde Ende März den gesamten Betrag auf einmal bezahlen. Die Hoteliers willigen ein.

Rondinello hat seine Basis in Genf. Dort residiert die Firma, in deren Namen er auftritt: die Fondia Investment Solutions. Das Büro liegt an teurer Adresse im Bankenviertel. Die Website schindet Eindruck durch Expertensprech: «Alternative Assets Opportunity Fund». «Objective Strategic Guidance». «Wealth Stewardship».

Ein metallicblauer Offroader

Aber hinter der Fassade modert es. Ein Betreibungsregisterauszug von Rondinello aus dem Jahr 2013 weist 37 Positionen in der Höhe von 1,5 Millionen Franken auf. Bei Fondia Investment sind 20 Gläubiger und rund 300'000 Franken Schulden verzeichnet. Die Staatsanwaltschaft Genf ermittelt seit 2011 gegen ihn wegen nicht erfüllter Leasings, Mieten und offener Rechnungen, wie ein Sprecher mitteilt. Zur Fahndung ausgeschrieben ist er allerdings nicht. Da er nicht verurteilt ist, gilt für ihn die Unschuldsvermutung.

Den Mietzins für das Büro hat Fondia laut Italo Triacca von der zuständigen Verwaltung Sodemco über ein Jahr lang nicht bezahlt. Eine Summe von rund 100'000 Franken sei aufgelaufen. ­Triacca hat im Mai 2014 die Schlösser austauschen lassen. Rondinello kommt nicht mehr in sein eigenes Büro.

In Gstaad ordert er bei einem lokalen Garagisten einen metallicblauen Offroader. Er überzeugt den Händler, ihm vorerst einen Leihwagen abzugeben. Zum Überbrücken.

Hummer auf Kredit

Rondinellos Geschäfte reichen bis nach New York. Dort verhandelt er mit dem Amerikaner John Conroy. Dieser ist Mitgründer der Setai Group, die in den USA eine Reihe von Luxushotels aufgebaut hat. Setai-Häuser stehen in Miami Beach und an der 5th Avenue in Manhattan.

Rondinello will mit der Gruppe kooperieren. «Er sollte das Geld bringen, wir die Marke», sagt Conroy heute. Bis zu einem Dutzend Hotels seien in Europa geplant gewesen. Conroy rechnet für Rondinello laut eigenen Angaben Businesspläne durch, aktiviert seine Kontakte. Zum Beispiel hilft er, den Kauf eines Sandsteingebäudes an der noblen Madison Avenue in Manhattan einzufädeln. Rondinello plant, es für 27 Millionen Dollar zu übernehmen. Befreundete Ingenieure durchleuchten für Conroy den Bau, Anwälte setzen den Vertrag auf. Die erste Anzahlung trifft nie ein – das Geschäft platzt. Dasselbe bei den Projekten in Europa.

Conroy ist heute noch wütend: «Ich habe vier bis fünf Monate Arbeit umsonst in diese Projekte gesteckt. Dazu kommt, dass mein Ruf hier in New York Schaden genommen hat.» Via Anwalt lässt er Rondinello eine schriftliche Warnung zukommen. Nie wieder solle er den Namen Setai in den Mund nehmen. Im Gstaader Hotel bestellt Rondinello bevorzugt Hummer und Champagner, jeweils auf Kredit. Der Sohn besucht die John F. Kennedy International School in Saanen. Die Gebühren des Instituts liegen bei mindestens 32'500 Franken pro Jahr, ohne Schuluniform und Skipass.

«Never give up!»

Ein weiteres Mahnschreiben ist bereits Ende 2013 bei der Fondia-Gruppe ein­getroffen. Es kommt aus dem Schweizer Haus des Sports in Ittigen bei Bern. Dort residiert Swiss Paralympic. Della Valle hat sich beim Verband der Behindertensportler vorgestellt und eine «Gold-Partnerschaft» initiiert. Gegen 7500 Franken pro Jahr sollte Fondia die Erlaubnis bekommen, mit den Athleten zu werben. Rondinello schaltete daraufhin Anzeigen im Genfer Finanzblatt «l’Agéfi». Der Slogan: «Fondia Team trust success as a positive surprise: follow your ­vision, believe in yourself and never give up!»

Weil auch hier kein Geld fliesst, klemmt Swiss Paralympic die Partnerschaft ab. Immerhin, der Verband kommt ohne Verlust davon. Das kann Christoph Stähli nicht behaupten. Der Berner Werber hat die Anzeigen gestaltet und ein Logo für Fondia kreiert. Die dafür verrechneten 7977 Franken exkl. Mehrwertsteuer sah er nie. «Mehrmals sagte Rondinello mir, es tue ihm leid, er werde gleich bezahlen», sagt Stähli.

Die Hotelbesitzer in Gstaad haben inzwischen gemerkt, dass Rondinellos Kreditkarte nicht mehr gedeckt ist. Sie treffen sich mit ihm, fordern ihn auf zu zahlen. Er sagt, er zahle gleich. Sie glauben ihm nicht mehr, warten aber trotzdem ab. Vielleicht taucht ja irgendwo doch noch Geld auf.

Jeanne d'Arcs Pleite-Schloss

Frankreich, Gemeinde Farges-Allichamps bei Bourges, im Juni vergangenen Jahres: Ein Landschloss wird versteigert. Im «Château de la Commanderie» soll einst Jeanne d’Arc gelebt haben. Die Firma, der das Anwesen gehört, ist pleite. Gegründet hat sie Rondinello. 2002 hatte er damit das Schloss gekauft. Es diente als Familiensitz, zwischendurch hatte das Paar es als Hotel betrieben.

Bei der Versteigerung tritt ein lokaler Anwalt auf. Er kauft das Schloss für 375'000 Euro im Auftrag einer Frau aus der Schweiz. Später stellt sich heraus: Es ist eine Vertraute Rondinello. Sie hat zwei Monate Zeit, um den Kaufpreis zu begleichen. Das Geld trifft nie ein. Das Schloss wird nun ein zweites Mal versteigert, der französische Anwalt wartet bis heute auf sein Honorar.

Das Château war nicht der einzige Versuch der Rondinello, ins Gast­gewerbe einzusteigen. 2009 übernahmen sie in Verbier das Restaurant La Pinte. Zwei Monate nach dem Start blockierten gemäss der Zeitung «Le Nouvelliste» Köche und Servicepersonal das Gasthaus, Winzer holten sich aus dem Keller ihre Flaschen zurück, es kam gar zu einem Polizeieinsatz. Patron Rondinello hatte Rechnungen und Löhne nicht bezahlt. In Gstaad kommt der Garagist beim Hotel vorbei. Er holt sich den ausgeliehenen Offroader zurück.

«Opfer, nicht Täter»

In einer Stellungnahme an den «Tages-Anzeiger» weist Rondinello alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück, ohne auf einzelne Geschäfte einzugehen. Er lässt lediglich verlauten, «Opfer, nicht Täter» zu sein, um dann auf nicht näher umschriebene «laufende Justizverfahren» zu verweisen.

Wer ist dieser Mann, und was will er? Aus öffentlichen Dokumenten lassen sich nur Bruchstücke einer Biografie zusammentragen. Geboren ist Rondinello 1969 in Padua, später folgt ein Jurastudium in Mailand. Auf einem persönlichen Internetprofil vermerkt er: «25 Jahre Erfahrungen in Real Estate und Beteiligungen». Seit 2006 steuert er eine Fondsgesellschaft in Luxemburg. Bestätigt ist auch, dass er 2012 für das italienische Grossunternehmen Sorgente arbeitete. Die Immobilienfirma aus Rom ist vor allem dafür bekannt, in berühmte Hochhäuser in New York zu investieren – etwa das Chrysler-Building. Rondinello war für den Schweizer Markt zuständig. Allerdings nicht für lange: Man habe sich von ihm getrennt, ein Rechtsstreit sei im Gange, richtet eine Sprecherin aus. Mehr ist nicht zu erfahren.

So läuft es mit vielen Firmen, die mit Rondinello zu tun hatten: Sie schweigen. Wie etwa das Haus Hermès, Paris. Dort hat er im Januar 2014 Möbel und Geschirr für 390'185 Euro bestellt. Am Ende wechselte weder Geld noch Ware den Besitzer.

Eine letzte Warnung

Einige dieser Geschichten erreichen auch das Gstaader Hotel. Der Anwalt der Besitzer setzt Anfang Juni 2014 ein Ultimatum fest: Zahlen der Schulden bis Freitag, 6. Juni, 12 Uhr, sonst wird das Chalet geräumt. Gleichzeitig erhält die Gstaader Polizei ein Aktendossier. Die Polizei entscheidet, Rondinello nicht festzunehmen. Auf Anfrage verweist ein Sprecher der Berner Kantonspolizei an die Genfer Staatsanwaltschaft. Dort heisst es, was vorliege, reiche nicht für eine Verhaftung aus.

In der Réception stapeln sich inzwischen die Rechnungen. Das Sportgeschäft, der Golfclub, der Delikatessenladen, die Sicherheitsfirma, die eine Überwachungsanlage ins Chalet eingebaut hatte – alle wollen Geld von Rondinello. Auch die Privatschule hat ein eingeschriebenes Couvert verschickt.

Als der Hoteldirektor am 6. Juni um 12 Uhr in Begleitung eines Polizisten das Chalet aufsucht, ist die Familie verschwunden, ohne eine Nachricht oder Geld zu hinterlassen. Seither ist ihr Aufenthaltsort unbekannt. Das Chalet ist sauber aufgeräumt. Im Müll findet der Hotelier eine leere Flasche Dom Pérignon.


Mitarbeit: Philippe Reichen (Lausanne),
René Lenzin

Erstellt: 28.06.2014, 07:21 Uhr

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