«Ferien auf den Malediven gelten als Lebensqualität»

Geht es um umweltschonendes Verhalten, mangelt es an Akzeptanz und Wissen. Warum das so ist, erklärt Sozialwissenschaftler Andreas Balthasar.

Influencer könnten die Energiewende populär machen, sagt Andreas Balthasar: Klimastreikende in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Influencer könnten die Energiewende populär machen, sagt Andreas Balthasar: Klimastreikende in Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Problematische Wissenslücken bei der Energiestrategie 2050 stellt eine heute vorgestellte Nationalfonds-Studie bei der Bevölkerung und der Politik fest. Stimmte die Bevölkerung 2017 über die Energiewende ab, ohne richtig zu wissen, um was es ging?
Grundsätzlich wusste die Bevölkerung, dass es um den Ausstieg aus der Kernkraft und den Einstieg in ein umweltschonendes Energiesystem ging. Aber es mangelt am Wissen, wie man die Energiewende schafft. Nehmen wir zum Beispiel die Lenkungsabgabe. Vielen ist nicht bewusst, dass es sich dabei um eine Abgabe handelt, bei der alle jene Geld zurückerhalten, die Energie sparen. Die meisten gehen fälschlicherweise davon aus, es handle sich um eine Steuer, welche die Energie für alle verteuere. Weiter stellen wir in unseren Umfragen fest: 20 Prozent der Bevölkerung wissen nicht, dass es ein Klimaproblem gibt.

Wie ist das möglich?
Es gibt viele Menschen, die sich um solche Fragen nicht kümmern oder am Rand der Gesellschaft stehen und genug mit sich selber zu tun haben. Der Mangel an Wissen ist nach wie vor ein Faktor, trotz der vielen Informationskampagnen und der Medien.

Im zweiten Paket der Energiestrategie hatte der Bundesrat auf Lenkungsabgaben gesetzt, das Parlament lehnte sie aber ab. Waren die Parlamentarier zu wenig über die Vorteile informiert?
Der Grossteil des Parlaments weiss nur grob Bescheid über die vielen verschiedenen Geschäfte. Entscheidend für die Meinungsbildung ist die Arbeit der parlamentarischen Fachkommissionen, die wiederum von Lobbyisten beeinflusst werden. Grosse Skepsis herrscht gegenüber jenen Instrumenten, mit denen man keine oder kaum Erfahrung hat, etwa Mobility Pricing. Mangelnde Kenntnis und Erfahrung machen Politikerinnen und Politiker, aber auch Unternehmen und die Bevölkerung risikoscheu.

Was kann man dagegen tun?
Die Verbände zum Beispiel müssen über die Bücher. Die Bevölkerung hat sich für die Energiestrategie 2050 entschieden. Also sollten die Verbände ihre staatstragende Rolle wahrnehmen und mithelfen, den Volksentscheid umzusetzen, statt ihn infrage zu stellen. Der Hauseigentümerverband etwa hat intensiv beim Nationalfondsprojekt mitgearbeitet, weil er in der Sanierung der Gebäude einen wichtigen Beitrag zur Energiewende sieht. Auch Economiesuisse hat an der Entwicklung der zentralen Empfehlungen unseres Programms mitgewirkt. Verbände spielen eine wichtige Rolle, um Vertrauen in der Bevölkerung zu schaffen.

Es braucht also Vorbilder in der Politik und in der Wirtschaft.
Unbedingt. Wenn ein öffentlicher Unternehmer bereit ist, in energie- und klimaschonende Projekte zu investieren, dann ist die Bevölkerung schneller davon zu überzeugen. Aber sie muss bei der Realisierung von Beginn weg im Boot sein.

Was heisst von Beginn weg?
Bereits eine Idee oder eine Vision sollte man der Bevölkerung vorlegen, und dabei wäre es von Vorteil, wenn bereits anerkannte und breit vernetzte Persönlichkeiten in der Gemeinde oder Region für das Vorhaben Begeisterung zeigen, aber auch offen für Bedenken sind.

Wie aber überzeugen Sie Menschen, die zum Beispiel in einer Windanlage eine Verschandelung des Landschaftsbilds sehen?
Eines unserer Projekte hat untersucht, wie emotional die Menschen reagieren, wenn man in verschiedene Landschaftstypen eine Windturbine stellen würde. Dort, wo die Natur unberührt ist, zeigen sie wenig Akzeptanz, jedoch in Regionen, wo es bereits Bergbahnen oder Hochspannungsleitungen gibt, sind sie durchaus offen gegenüber Windprojekten.

Im Fall der einst geplanten Windanlage in der Linthebene stimmt das aber nicht.
Es gibt keine Patentrezepte. Es gelingt nicht immer, aber die Chancen für einen Erfolg steigen, wenn die Initianten ihr Projekt nicht als fixfertig vorstellen, sondern Raum für Entwicklungen zulassen. Schauen Sie auf Österreich. Dort stehen bedeutend mehr Windkraftanlagen als bei uns, obwohl die Landschaft und das Bewusstsein für die Windkraft ähnlich sind wie in der Schweiz.

Es sind also Haltungen oder soziale Normen, die man durchbrechen muss.
Genau. Eine Bahn wie die Rhätische, die durch die schönsten Landschaften im Graubünden fährt, wäre vermutlich heute nicht mehr so realisierbar. In der Retrospektive sagt aber niemand, sie sei hässlich – heute ist sie sogar Weltkulturgut.

Die Energiewende verlangt einen Ausstieg aus der fossilen Energie. Noch immer entscheiden sich aber viele aus Kostengründen wieder für eine Ölheizung, wenn sie die alte ersetzen müssen.
Die Menschen überbewerten die kurzfristigen Nachteile und unterbewerten die langfristigen Vorteile. Wenn man heute zahlen muss und erst in zehn Jahren einen Nutzen hat, wollen die meisten nicht investieren. Um zu motivieren, braucht es Vertrauen in die Zukunft, es braucht – ich wiederhole mich – Vorbilder, den Nachbarn zum Beispiel, der bereits in Fotovoltaik oder Wärmepumpe investiert hat. Und wichtig ist: Die neuen Systeme müssen funktionieren. Aber es spielen auch soziale Normen eine Rolle.

Welche?
Hat die Ölheizung einen Defekt, ruft der Hauseigentümer seinen langjährigen Heizungstechniker an. Dieser empfiehlt ihm dann, das defekte Teil, zum Beispiel den Ölbrenner, zu ersetzen. Das Heizungssystem wird dabei in den seltensten Fällen infrage gestellt.

Also braucht es mehr Regulierung, gar Verbote?
Es braucht zumindest strenge Vorschriften, die den Einbau neuer Öl- und Gasheizungen stark erschweren. In diese Richtung geht ja auch der Vorschlag des Ständerats im neuen CO2-Gesetz. Eine interessante Entwicklung ist auch der Gebäudeausweis, der dokumentiert, wie gut das Gebäude energetisch aufgestellt ist. Das ist relevant, wenn das Haus zum Verkauf steht.

Bei der Mobilität haben es Regulierungen schwer.
Hier wird das Potenzial der Freiwilligkeit, das durchaus vorhanden ist, nicht reichen. Erhöhte Benzinpreise sind unerlässlich. Ob als Steuer oder Lenkungsabgabe, beide Varianten sind höchst umstritten.

Sehen Sie Anzeichen für eine Entspannung?
Die heranwachsende Generation fokussiert nicht mehr so sehr auf den Individualverkehr, sondern entscheidet situativ und relativ pragmatisch, ob sie den Bus, Zug oder das Auto nimmt. Das ist eine Chance!

Wirklich? Ein Jahr Klimaproteste zeigen beim Flugverhalten kaum Wirkung.
Die Menschen bewerten energiepolitische Massnahmen als Konsumentinnen und Konsumenten nicht unbedingt gleich wie als Bürgerinnen und Bürger. Auch hier spielen gesellschaftliche Normen. Offensichtlich herrscht verbreitet die Ansicht vor, dass die Lebensqualität höher ist, wenn man die Weihnachtsferien weit weg verbringt, zum Beispiel auf den Malediven.

Die Nachfrage nach Flugreisen ist ungebrochen, Billigflüge boomen. Foto: Getty Images

Könnte eine Flugticketabgabe daran etwas ändern?
Bei den Jungen, ja. Sie sind preissensibel. Bei den Älteren sitzt das Geld in der Regel etwas lockerer in der Tasche. Allerdings, die Wirkung der Preise wird bei Alltagsentscheidungen häufig überschätzt. Die Menschen entscheiden viel stärker normgeprägt, als man glaubt. Sie verhalten sich so, wie es die anderen tun. Es muss also gelingen, ein neues Gruppengefühl zu erzeugen. Zum Beispiel: Es ist cool, die Winterferien in der Schweiz zu verbringen, mit Freunden in einer Berghütte. Influencer könnten die Energiewende populär machen.

Doch Mobilitätslust und Konsumhunger sind ungebrochen. Da scheint es kein Gegenmittel zu geben.
Auch das Mobilitätsverhalten kann sich ändern. Ändern sich die Lebensbedingungen eines Menschen, stehen die Chancen für Veränderungen besonders gut. Zieht zum Beispiel ein Paar an einen neuen Ort, kann man ihm gut aufzeigen, dass es hier kein Auto braucht, Velo und öffentliche Verkehrsmittel genügen. Hier hat die öffentliche Hand eine wichtige Rolle. Sie kann Neuzuzüger entsprechend beraten.

Gibt es messbare Erfolge?
Es ist schwierig nachzuweisen, ob jemand nun aufgrund einer Mobilitätsberatung sein Verhalten ändert oder ob es andere Gründe dafür gibt.

Sie sprechen von einem neuen positiven Gruppengefühl. Nur, Greta und die sogenannte Klimajugend prangern an. Könnte das kontraproduktiv wirken, weil sich die Leute nicht gerne bevormunden lassen?
Solche Bewegungen können im Prinzip schon Gegenbewegungen erzeugen. Allerdings wäre es falsch, deswegen nichts zu machen. Die Debatte ums Fliegen hat bei den Menschen sicherlich etwas ausgelöst – auch wenn sich das in der Statistik noch nicht niederschlägt. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass Leute mehr fliegen, nur weil die Klimajugend Fliegen anprangert!

Welche Rolle beim neuen Gruppengefühl spielen Quartier- und Sportvereine?
Unsere Forschung zeigt: Sportclubs können Mitglieder motivieren, für die Fahrt ins Training seltener das Auto zu benutzen. Wären sie darauf nicht persönlich angesprochen worden, hätten sie es nicht getan. Wie gross solche Effekte gesamtschweizerisch sind, wissen wir allerdings nicht.

Wie wichtig sind Anreize wie Subventionen?
Subventionen können helfen, in der Bevölkerung die Bereitschaft für Neuerungen zu steigern, etwa für den Bau einer Fotovoltaikanlage. Weniger entscheidend ist für Hausbesitzer, wie hoch sie sind. Entscheidend ist das Signal, das von ihnen ausgeht: Der Staat zeigt so, dass er etwas Sinnvolles und Alltagstaugliches unterstützt.

Der Bund hat beim Ausbau der erneuerbaren Energien wohl zu optimistisch kalkuliert, etwa bei der Windkraft oder Tiefengeothermie. Bereits sprechen bürgerliche Politiker davon, die Energiestrategie 2050 sei gescheitert.
Solche Stimmen gibt es immer. Wichtig ist für die Bevölkerung, dass der Bund strategische Ziele vorgibt. Mit der Energiestrategie 2050 liegt ein solcher Plan vor. Dass es nun zu Korrekturen kommt, liegt in der Natur von Langfristprojekten. Mit unserem Programm können wir aufzeigen, dass der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und der Kernenergie bis 2050 möglich ist, wenn wir das wirklich wollen.

Was muss nun geschehen, damit die Energie- und Klimawende einen Schub erhalten?
Die Politik ist nun gefordert. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn es schneller ginge, so wie es die Klimajugend fordert. Doch das ist wenig realistisch. Aber auch kleine Schritte bringen uns voran, wenn diese in die richtige Richtung gehen.

Klimapolitisch ist das aber falsch.
Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt noch 26 Kantone, viele Städte und noch mehr Gemeinden, die vorwärtsmachen können. Die fortschrittlichen unter ihnen tun dies bereits. Daraus entstehen positive Wechselwirkungen. Sieht etwa eine Gemeinde, dass die Stadt Zürich auf Seewasser als Kühl- und Heizmittel setzt und es funktioniert, startet sie vielleicht ein ähnliches Projekt. Energie- und Klimawende müssen stärker als heute sichtbar werden. Das schafft jene neue Dynamik, die es nun braucht.

Erstellt: 14.01.2020, 12:29 Uhr

Andreas Balthasar vom Politikwissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern ist Präsident der Leitungsgruppe des Nationalen Forschungsprogrammes NFP71 «Steuerung des Energieverbrauchs». Foto: PD

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