Ferien, ein Grundrecht?

Eine Idee schlägt in Deutschland hohe Wellen: Geringverdiener und Kinder aus einkommensschwachen Familien sollen Reisegutscheine bekommen. Was Politiker in der Schweiz davon halten.

Recht auf Ferien? Eine Reisende am Flughafen Zürich. (31. Juli 2014)

Recht auf Ferien? Eine Reisende am Flughafen Zürich. (31. Juli 2014) Bild: Keystone

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«Es muss ein Recht auf Urlaub geben.» Dieser Satz stammt von Katja Kipping, Vorsitzende der Linkspartei in Deutschland. Ihr Vorschlag, Ferienreisen mit 500 Euro pro Person zu subventionieren, hat im Sommer für Aufsehen gesorgt. «Alle Menschen mit niedrigem Einkommen sollen Gutscheine erhalten, die sie für Urlaubsreisen einlösen können: entweder in Jugendherbergen, bei der Bahn für Fahrkarten oder im Reisebüro», sagte Kipping damals in einem Interview mit der «Welt am Sonntag». Der Politikerin ging es vor allem um Kinder von Geringverdienern. Ferien hätten für die 36-Jährige zu den schönsten Kindheitserinnerungen gehört, erklärte sie. Aus diesem Grund solle man Kindern grundsätzlich anbieten, zwei Wochen kostenfrei Ferien zu machen.

Wie viele Personen in Deutschland betroffen wären, hat die Politikerin auch vorgerechnet: Jeder Fünfte könne sich keine Ferienreise leisten. Wie eine aktuelle Studie des Bundesamtes für Statistik zeigt, können aber auch in der Schweiz rund zehn Prozent der Bevölkerung keine Woche Ferien bezahlen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Hätte Katja Kippings Vorschlag also auch hierzulande Chancen?

«Regeln müssen korrekt angewendet werden»

Der Bündner Nationalrat Martin Candinas hält nichts von Feriengutscheinen für Geringverdienende. «Ein staatlich verordnetes Recht auf Ferienreisen können wir uns nicht leisten», sagt er. Gleichzeitig hält der CVP-Politiker die Subventionierung von Schullagern für Kinder aus einkommensschwachen Familien für wichtig. Es sei eine «gesellschaftliche Pflicht, dafür zu sorgen, dass diese Kinder nicht ausgeschlossen werden». Dies sicherzustellen, sei Aufgabe der Gemeinden, so Candinas.

Für Parteikollegin Barbara Schmid-Federer ist zwar unbestritten, dass gerade auch einkommensschwache Familien Ferien nötig hätten. «Für mich steht aber nicht eine neue staatliche Lösung im Vordergrund», sagt auch sie. Vielmehr seien bereits bestehende Regeln korrekt anzuwenden. Dass Schullager für alle Kinder zugänglich sind, hält auch die Zürcher CVP-Familienpolitikerin für wichtig. Leider seien entsprechende Angebote wegen des Spardrucks in vielen Gemeinden zunehmend gestrichen worden. Bei anderen Projekten sei der Eigenbetrag so erhöht worden, dass gerade jene, die es besonders nötig hätten, sie nicht mehr wahrnehmen könnten, so Schmid-Federer.

Auch beim linken Langer stösst Kippings Vorstoss auf wenig Begeisterung. Das Gutscheinsystem sei zum jetzigen Zeitpunkt falsch, glaubt SP-Nationalrätin Yvonne Feri. Zuerst solle die Armut als Gesamtproblem bekämpft werden, punktuelle Lösungsvorschläge seien dabei nicht vorrangig. Dass Ferienlager für Kinder von Geringverdienern von den Gemeinden subventioniert werden sollen, hält aber auch die Aargauer Politikerin für sinnvoll.

Familienferien für 100 Franken

Einig scheint man sich also weitestgehend darüber zu sein, dass bedürftigen Kindern Ferienreisen ermöglicht werden sollten. Kein Kind dürfe ausgeschlossen werden, weil es kein Geld habe, erklärte auch Ulrich Schneider vom deutschen Paritätischen Gesamtverband gegenüber der «Welt». In Deutschland, wo der Vorschlag umfassend diskutiert wurde, stiess Kippings Idee vor allem unter Experten und Sozialverbänden auf Unterstützung.

Doch auch in anderen Ländern schlug der Vorstoss hohe Wellen. Ferien seien Luxus, so lautete ein häufig vorgebrachtes Argument. Journalist Ally Fogg teilt diese Ansicht nicht. Arbeitslosigkeit sei einer der grössten Risikofaktoren für Stress, schreibt er in einem Beitrag für die britische Zeitung «The Guardian». «Wenn Ferien diese Risiken reduzieren, könnte es eine gute Investition sein», so Fogg. Gleichzeitig könnten entsprechende Gutscheine eine Investitionsform in die heimische Tourismusindustrie sein. Dann nämlich, wenn sie für Ferien im eigenen Land verwendet würden, so der Journalist weiter.

In der Schweiz hat die Caritas in Zusammenarbeit mit der Reka bereits ein ähnliches Konzept etabliert: So werden Familien mit geringem Einkommen eine Woche lang Reka-Unterkünfte zu einem Preis von 100 Franken zur Verfügung gestellt. Gemäss eigenen Angaben offeriert die Organisation im nächsten Jahr 1300 solcher Ferienarrangements. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 18:46 Uhr

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