«Finanzierte Frühpensionierung» von Babyboomern

Immer mehr über 50-Jährige beziehen Sozialhilfe und bleiben länger arbeitslos. Arbeitgeberverbände sind sich über die Schwere des Problems uneins.

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Die Sozialhilfequote der Altersgruppe 50 plus hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Dies teilte die Städteinitiative Sozialpolitik am Dienstag mit. Gewerkschaftler Giorgio Pardini sagte im Interview, die Lage spitze sich zu und forderte einen Kündigungsschutz. Auch der KMU-Verband ist alarmiert.

Roland Rupp, Geschäftsleiter des Schweizerischen KMU-Verbands, spricht von einem «sehr grossen Thema». Es gebe mittlerweile eine Handvoll Gruppierungen, welche sich ausschliesslich der Reintegration von über 50-Jährigen in den Arbeitsmarkt widmen. «Wir beobachten die Situation», so Rupp.

Rahmenbedingungen ändern schnell

Das Hauptproblem, hier stimmen Gewerkschaften und KMUs überein, seien die hohen Kosten, welche ältere Arbeitnehmer verursachen. Laut Rupp kommt hinzu, dass man nicht in jedem Fall vom Know-how der Angestellten über 50 profitieren könne. «Im IT-Bereich beispielsweise ändern sich die Rahmenbedingungen schnell, das Alter ist hier kein Vorteil», so Rupp.

Einen Kündigungsschutz für die betroffene Generation hält Rupp dennoch für «absolut unsinnig». Viele Unternehmen würden ältere Arbeitnehmer dann noch zögerlicher einstellen. «Das würde unserer Wirtschaft enorm schaden», sagt Rupp. «Viel sinnvoller ist der Vorschlag, dass der Kanton oder der Bund die Sparbeiträge für die berufliche Vorsorge eine Zeit lang übernimmt und so die Firmen entlastet.»

«Nicht jeden bis 65 im Arbeitsprozess belassen»

Daneben seien auch andere Lösungen möglich. «Ein weiteres, eher extremes Modell, wäre die Finanzierung der Frühpensionierung durch den Bund.» Man müsse nicht jeden einzelnen Arbeitnehmer bis 65 im Arbeitsprozess belassen.

«Wenn jemand fünf Jahre lang nur Absagen erhält, macht das irgendwann keinen Sinn mehr», so Rupp. «In so einem Fall könnte man dem Betroffenen den Spiessrutenlauf durchs RAV ersparen und ihn stattdessen früher in Pension schicken.» Die Schweiz habe hierfür genug Geld, man könne sich solche Lösungen leisten. «Wenn man vierzig Jahre gearbeitet hat, sollte man nicht mehr jahrelang stempeln gehen müssen.»

«Keine Überraschung»

Die Situation sei nicht so klar, wie sie vom KMU-Verband und Gewerkschaften dargestellt werde, heisst es hingegen beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Laut Ruth Derrer Balladore, Ressortleiterin Arbeitsmarkt, sei nicht immer klar, warum jemand über 50 die Arbeit verliere. «Klar ist jedoch, dass man in diesem Alter mehr Mühe hat, eine neue Stelle zu finden», so Derrer.

Dass die Ü-50-Quote bei der Sozialhilfe steige, sei zudem nicht überraschend. «Es ist die Generation der Babyboomer», sagt Derrer. «Salopp gesagt hatte es von dieser Generation bereits in der Schule und später an der Uni ‹zu viele›.»

Fokus auf Weiterbildungen

Vorschläge wie Kündigungsschutz oder Unterstützung von Unternehmen durch den Bund hält man beim Arbeitgeberverband für «kontraproduktiv». So entstehe das Bild, man sei mit 55 Jahren eigentlich arbeitsunfähig. «Richtig ist doch genau das Gegenteil», sagt Derrer. «Man kann sehr wohl auch in diesem Alter noch Leistung bringen, doch die Arbeitnehmer müssen die ihnen angebotenen Weiterbildungen auch annehmen.» Derrer sieht nur einen Punkt, den man verbessern könnte. «Das RAV müsste die älteren Arbeitslosen besser unterstützen und sie in ihren Kernkompetenzen gezielt unterstützen.»

Erstellt: 05.09.2013, 12:20 Uhr

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