Firmen fördern Ökopendeln kaum – trotz Hilfe des Bundes

Firmen sollen ihre Mitarbeiter dazu bringen, umweltfreundlich zu pendeln. So wünscht es sich der Bund. Doch sein Förderprogramm bleibt hinter den Erwartungen zurück. Gleichwohl will er es fortsetzen.

Umweltfreundlich: Der Bund möchte verstopfte Strassen und überfüllte Züge mittels Mobilitätsmanagement vermeiden.

Umweltfreundlich: Der Bund möchte verstopfte Strassen und überfüllte Züge mittels Mobilitätsmanagement vermeiden. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Im Kampf gegen verstopfte Strassen und brechend volle Züge kommt ihnen eine Schlüsselrolle zu: Die rund 320'000 Unternehmen in der Schweiz können das Pendlerverhalten ihrer Mitarbeiter beeinflussen. Etwa indem sie ihnen einen Beitrag ans ÖV-Abo zahlen, gestaffelte Arbeitszeiten einführen oder die Zahl der Parkplätze auf dem Firmengelände reduzieren. Das Zauberwort heisst: Mobilitätsmanagement.

Der Bund hat aus energie- und klimapolitischen Gründen ein Interesse daran, dass es möglichst viele Firmen nicht dem Zufall überlassen, wie ihre Belegschaft zur Arbeit und wieder nach Hause gelangt. Ein Drittel des Energieverbrauchs und 40 Prozent des C02-Ausstosses gehen hierzulande auf das Konto des Verkehrs. Ohne substanzielle Reduktion in diesem Bereich wird die von Bundesrat und Parlament angestrebte Energiewende Stückwerk bleiben.

So weit soll es jedoch nicht kommen. Seit zehn Jahren versucht das Bundesamt für Energie (BFE), dem Ziel mit Fördergeldern näherzukommen. Doch der Durchbruch ist bis dato nicht geschafft. Das zeigt ein von externen Experten verfasster Bericht über das BFE-Programm «Mobilitätsmanagement im Unternehmen», das nach fünfjähriger Laufzeit dieses Jahr geendet hat. Angemeldet haben sich bloss 234 Firmen. Und nur 136 davon haben in der Folge Massnahmen tatsächlich erarbeitet und umgesetzt. Zwar zweifelt gemäss Bericht kaum ein Unternehmer am Sinn eines nachhaltigen Mobilitätsmanagements, doch «schreckt der damit verbundene Aufwand offenbar gerade kleinere Firmen ab».

Weniger C02 gespart als erwartet

Auch klimapolitisch erfüllt das Projekt die Erwartungen nicht. So konnten die Firmen ihren C02-Ausstoss nur leicht senken, von 596 auf 546 Tonnen pro Jahr und Betrieb (–8 Prozent). Das BFE möchte gleichwohl nicht von einem Misserfolg sprechen. Projektleiter Hermann Scherrer sagt, man habe sich nur eine leicht grössere Abnahme erhofft – um 10 bis 15 Prozent. Der Bericht geht jedoch mit Verweis auf Prognoserechnungen aus dem Jahr 2009 von einer durchschnittlichen Einsparung von 330 Tonnen pro Jahr und Betrieb aus, was die tatsächlich erzielte Reduktion (50 Tonnen) um fast den Faktor 7 übertrifft. Diese markante Differenz begründet das BFE unter anderem damit, dass man bei der besagten Prognose von durchschnittlich grösseren Firmen ausgegangen sei, und diese könnten im Verhältnis mehr CO2 einsparen als kleine.

Scherrer verweist zudem auf eine grundsätzliche Schwierigkeit: «Es braucht Zeit, bis alle Massnahmen greifen.» Die Unternehmen würden in der Regel zuerst umsetzen, was sich einfach verwirklichen lasse, sagt er und nennt als Beispiel verstärkte Bemühungen, die Mitarbeiter zu sensibilisieren oder Veloständer aufzustellen. Erst in einer späteren Phase kämen wirkungsvolle Massnahmen. Dazu gehöre etwa, in der Belegschaft Fahrgemeinschaften zu organisieren. Laut Scherrer fällt die Bilanz auch deshalb besser aus als auf dem Papier, weil sich ein Teil der Umweltwirkung nicht beziffern lasse, etwa gesundheitliche Aspekte oder der verringerte Bodenverbrauch, den ein ÖV-Pendler gegenüber einem Autofahrer habe.

Das Programm hat den Bund rund 1 Million Franken gekostet. Davon gingen zwei Drittel an insgesamt 39 Städte und Gemeinden, darunter Zürich und Bern. Sie wurden finanziell entschädigt, wenn es ihnen gelang, Unternehmen für das Programm zu gewinnen. 1000 Franken erhielten sie, wenn eine Firma eine Bestandesaufnahme erstellte. Wenn das Unternehmen einen Massnahmenplan erarbeitete und diesen umsetzte, kamen 3000 Franken dazu. Nochmals 1000 Franken gab es für die Analyse nach erfolgter Umsetzung der Massnahmen. Die Städte und Gemeinden konnten selber entscheiden, ob sie das Geld zum Beispiel für externe Berater ausgaben oder direkt den Unternehmen für die Umsetzung der Massnahmen zukommen liessen.

Kritik an Bürokratie

Der Stadt Bern etwa gelang es, fünf Unternehmen zur Teilnahme zu bewegen. Adrian Stiefel, Leiter des Amts für Umweltschutz, wertet dies als Erfolg: «Wir konnten immerhin 5500 Mitarbeiter erreichen, wovon ein Teil nun umweltverträglicher zur Arbeit pendelt.» So habe beispielsweise ein Unternehmen eine bessere ÖV-Erschliessung seines Standorts erreicht.

Der Rest der Programmgelder – etwa 300'000 Franken – floss in die Erarbeitung von Hilfsmitteln, in Schulungen und in die Administration. Bei den Firmen hat dies gemäss Bericht «grosse Kritik» hervorgerufen, den administrativen Aufwand taxieren sie als «klar zu hoch». Bedenken äussert auch SVP-Nationalrat Jean-François Rime, der den Schweizerischen Gewerbeverband präsidiert. Die staatlichen Fördermassnahmen hält er nicht nur für teuer, sondern auch für wenig effektiv. Es sei eine Illusion zu glauben, die Firmen könnten das Mobilitätsverhalten ihrer Belegschaft mit etwas gutem Willen steuern, sagt Rime. In seinem Betrieb etwa, einem Sägewerk, seien flexible Arbeitszeiten schlicht nicht möglich. Auch brauche es genügend Parkplätze.

Das Bundesamt für Energie will das Programm gleichwohl weiterführen. Zu welchem Preis, ist noch unklar. Im Mai 2014 wird das Amt eine modifizierte Variante lancieren, wie BFE-Experte Scherrer sagt. Ziel sei es unter anderem, den administrativen Aufwand zu verkleinern und so mehr Firmen zu gewinnen.

Erstellt: 24.12.2013, 06:28 Uhr

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