Firmen ziehen Raucherpausen von Arbeitszeit ab

Raucher sitzen oft auf der Anklagebank – auch am Arbeitsplatz. Denn während sie draussen paffen, arbeiten die Kollegen weiter. Einige Firmen wie die Stadler Stahlguss in Biel ziehen nun Konsequenzen.

Rauchen im Freien ist zwar erlaubt, aber nicht alle haben Freude daran, wenn die Raucher ihrer Nikotinsucht während der Arbeitszeit frönen.

Rauchen im Freien ist zwar erlaubt, aber nicht alle haben Freude daran, wenn die Raucher ihrer Nikotinsucht während der Arbeitszeit frönen. Bild: Keystone

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Wer sich ein wenig umhört unter den Arbeitskollegen, merkt schnell: Die Raucher stehen unter Generalverdacht. Immer wieder gehen sie in kleinen Grüppchen in das Raucherzimmer oder nach draussen, um miteinander zu qualmen und zu diskutieren. Gemäss Studien kommen sie so auf rund 30 arbeitsfreie Minuten mehr pro Tag. Offene Konflikte gibt es deswegen nur in Ausnahmefällen – in einem Betrieb beispielsweise legten die Nichtraucher während der Rauchpausen demonstrativ ihre Arbeit nieder – meistens kommt es nur zu latenten Spannungen.

Verbieten geht nicht

«Das Recht auf Rauchen gehört zum Persönlichkeitsschutz», sagt Felix Schöbi vom Bundesamt für Justiz. Deshalb kann ein Unternehmen seinen Mitarbeitern kaum verbieten, in separaten Räumen oder draussen an der frischen Luft ab und zu eine Zigarette zu paffen, solange die Kollegen vor dem Passivrauch geschützt sind. Eine Ausnahme sei, wenn ein Betrieb nachhaltig gestört werde, weil ein Angestellter immer wieder seine Arbeit niederlegen müsse, sagt Schöbi.

aber einschränken

Der Arbeitgeber hat jedoch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel kann er bereits beim Vorstellungsgespräch fragen, ob ein Bewerber rauche. «Das ist erlaubt», betont Schöbi. «Natürlich besteht dann die Gefahr, dass jemand eine Stelle wegen seiner Nikotinabhängigkeit nicht erhält.» Aber wenn ein Arbeitgeber eine Nikotinsucht erst während der Probezeit entdecke und seinen Mitarbeiter dann entlasse, nütze das auch niemandem.

Die zweite Möglichkeit: Ein Arbeitgeber zieht den Angestellten ihre Rauchpausen von der Arbeitszeit ab. Zu den wenigen Firmen, die diese drastische Massnahme eingeführt haben, gehört die Stadler Stahlguss AG in Biel.

Ausstempeln fürs Rauchen

«Bei uns gilt seit dreieinhalb Jahren der Grundsatz: Während der Arbeitszeit wird nicht geraucht», sagt Beat Bolzhauser, Geschäftsführer der Stadler Stahlguss AG. «Wir bieten den Leuten an, sie ärztlich zu begleiten, damit sie den Ausstieg schaffen.» Entweder mit einem Totalstopp oder mit Nikotin-Pflaster und -Kaugummi kämen rund 90 Prozent der Mitarbeiter ohne Glimmstängel durch den Tag. Die übrigen dürfen sich einmal während des Morgens und einmal während des Nachmittags für eine Zigarretenauszeit abmelden. «Das geht dann ganz bewusst auf Kosten des Zeitkontos», erklärt Bolzhauser. «Wenn jemand am Abend länger arbeiten muss, um das Verpasste nachzuholen, ist die Motivation natürlich gross, ganz aufzuhören.» Die Regeln hätten sich im Betrieb gut eingeschliffen, nur selten gebe es Schlaumeier, die in einer unbeobachteten Minute das Feuerzeug zückten.

Nur begrenzte Rücksicht

Keine Raucher einstellen, Rauchpausen kürzen – so können Arbeitgeber auf Spannungen zwischen Rauchern und Nichtrauchern reagieren oder ihnen sogar zuvorkommen. Wie wäre denn eine andere Option – wenn nichtrauchende Angestellte einfach ebenfalls jede Stunde ein paar freie Minuten einfordern würden? «Das ist schwierig. Wenn zum Beispiel jemand eine schwache Blase hat und jede Stunde auf die Toilette muss, dann können die anderen auch nicht daraus ableiten, dass sie nun dasselbe machen dürfen», sagt Schöbi vom Bundesamt für Justiz. Es gelte in einem solchen Fall, auf die individuellen Schwächen Rücksicht zu nehmen. Aber: «Wer ein Suchtverhalten aufweist, kann nicht mit demselben Verständnis rechnen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.06.2010, 17:46 Uhr

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Rauchen – welche Regeln gelten?

Seit dem 1.Mai 2010 ist schweizweit das neue Bundesgesetz für den Schutz vor dem Passivrauchen in Kraft. Demnach müssen alle Arbeitsplätze, an denen mehr als eine Person arbeitet, sowie öffentlich zugängliche geschlossene Räume rauchfrei bleiben. Fumoirs sind aber erlaubt. Der Kanton Bern kennt bereits seit dem 1.Juli 2009 ein Gesetz zum Schutz vor dem Passivrauchen, das restriktiver ist als das nationale.

In der ganzen Schweiz haben die Raucher kein Anrecht auf bezahlte Rauchpausen, aber sie dürfen die Pausen gemäss Arbeitsgesetz einziehen. Das ist eine Viertelstunde bei einer Arbeitszeit ab fünfeinhalb Stunden, eine halbe Stunde ab sieben Stunden Arbeitszeit und eine ganze Stunde bei mehr als neun Stunden.

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