Fleiss, Schweiss und viel Know-how

Ein Wunderwerk ist der Gotthard-Basistunnel nicht, für Wissenschaftler, Techniker und Handwerker ist er das Ergebnis einer sauberen Planung, enormer Fleissarbeit, viel Erfahrung und einigen Innovationen.

Schon vor dem Durchstich hat der Einbau der Tunneltechnik begonnen: Arbeiter im Gotthard-Basistunnel.

Schon vor dem Durchstich hat der Einbau der Tunneltechnik begonnen: Arbeiter im Gotthard-Basistunnel. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der wichtigste Beitrag der Wissenschaft zum Tunnel sei lange vor Beginn der Bauarbeiten geleistet worden, sagt Georg Anagnostou, Professor für Untertagbau am Institut für Geotechnik der ETH Zürich: «Das waren die Studien zur Machbarkeit und zur Linienführung.» Die Geotechnik-Ingenieure mussten die Erkenntnisse der Geologen mit den technischen Möglichkeiten der Baufachleute verknüpfen. Dazu wurden vor und während des Baus besondere Versuchstechniken entwickelt und Laborversuche gemacht.

Die Geologie der Zentralalpen ist gut bekannt, aber bei einem Tunnelbau kommt es auf Details an. Im Tavetscher Zwischenmassiv hatte man schwierige Bedingungen erwartet und keine Tunnelbohrmaschinen vorgesehen, aber die Bauarbeiten erwiesen sich als noch komplizierter als geplant. Mit einer erstmals bei einem so grossen Tunnelprofil angewandten Kombination bekannter Methoden und Ausführungstechniken (spezielle Stützbögen, um ausbaggern zu können) sei man schliesslich durch die schwierige Zone gekommen, sagt Anagnostou.

Besonders gefürchtet war die Piora-Mulde mit ihrem zuckerkörnigen Dolomit. Die Linienführung wurde hier aufgrund umfangreicher Sondierungen überprüft, am Ende gab es keine Probleme. Die gab es dafür völlig unerwartet in einem südlicher gelegenen Abschnitt. Die Lösung bestand darin, die Multifunktionsstelle Faido zu verschieben. «Für den Laien mag das einfach klingen, in der Praxis waren gewaltige Änderungen der Planung erforderlich», sagt Anagnostou. Grosse technische Leistungen, betont er, seien nicht nur an der Front nötig gewesen, sondern zum Beispiel auch bei der Logistik, dem Transport der Riesenmengen von Baumaterial und Abraum über ungewöhnlich grosse Distanzen.

Der Gotthard-Basistunnel ist nicht nur der gegenwärtig längste Tunnel überhaupt – auch seine Felsüberdeckung ist mit bis zu 2300 Metern aussergewöhnlich. Allerdings hat er ein Vorbild: Der Simplontunnel, 1898 bis 1906 als Basistunnel gebaut, liegt stellenweise mehr als 2000 Meter unter den Berggipfeln – und auch dort war der Fels um die 50 Grad heiss. Die Ingenieure zollen ihren Kollegen von damals höchstes Lob. Die Präzision der Vermessung etwa war vor 100 Jahren fast so gut wie heute. Jetzt erleichtern GPS-Satelliten die Arbeit an der Oberfläche, und im Tunnelsystem wurde – als Weltneuheit – ein System der Trägheitsnavigation verwendet, wie es sonst in der Luftfahrt eingesetzt wird. Mitgearbeitet hat das Institut für Geodäsie und Fotogrammetrie der ETH. Die Tunnelröhren trafen sich überall mit Abweichungen von wenigen Zentimetern.

Laufend vermessen wurden während der Bauarbeiten die Stauseen über der Baustelle. Beim Stausee Alp Nalps, den die Röhre im seitlichen Abstand von wenigen Hundert Metern unterquert, wurden grossräumige Geländeverformungen festgestellt, die jedoch keine bedrohlichen Ausmasse annahmen, wie die Sektion Talsperren des Bundesamtes für Energie feststellt. Für die Wissenschaft interessant ist an den Messdaten, dass sie regelmässige Veränderungen des Gebirgs zeigen: Ist der Stausee nach der Schneeschmelze voll, verengt sich das Tal bei der Staumauer um 4 Millimeter, leert er sich, geht die Verengung wieder zurück.

Für die Geologen ist jeder Tunnelbau eine willkommene Gelegenheit, in ein Gebirge hineinzublicken. Wie beim alten Gotthardtunnel oder am Simplon dienen auch beim Gotthard-Basistunnel die gewonnenen Daten zur Verfeinerung der geologischen Modelle. Die grösste Überraschung für die Geologen hat allerdings der Basistunnel am Lötschberg gebracht, als man dort auf Kohle stiess.

Im Gotthardtunnel gab es keine wirklichen Überraschungen. Georg Anagnostou spricht nur von «unerwarteten Abweichungen». Die hätten sich aber alle meistern lassen, unter anderem durch die Optimierung der Tunnelbohrmaschinen. Einer seiner Studenten hat eine Doktorarbeit geschrieben über die Grenzen von Tunnelbohrmaschinen bei einem Gestein, das unter Druck steht. Das ist eines von mehreren Beispielen, dass die Tunnelbauer vom Gotthard auch viel für die Zukunft gelernt haben. So für den Tunnel unter der Meerenge von Gibraltar, dessen Machbarkeit derzeit durch Schweizer Ingenieure ausgelotet wird. Dass der Tunnelbau Schlagzeilen machte, merkt Anagnostou auch daran, dass die Studentenzahlen im Bauingenieurwesen steigen. Es freut ihn natürlich.

Erstellt: 11.10.2010, 09:47 Uhr

Artikel zum Thema

Noch 30 Meter bis zum Weltrekord

Im Gotthard-Basistunnel fehlen nur noch knapp 30 Meter bis zum Durchschlag. Jetzt wird die Geschwindigkeit der Tunnelbohrmaschine verlangsamt. Mehr...

Neat-Tunnel ist ein Jahr früher fertig

Der Gotthard-Basistunnel kann gemäss einem Bericht ein Jahr früher eröffnet werden, als ursprünglich geplant. Der Ball liegt nun bei der SBB. Mehr...

Blogs

Mamablog Von wegen «Weichei-Papa»!

Sweet Home Hier hat Fernweh ein Zuhause

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Farbenspiel: Hibiskusblüten spiegeln sich auf einer nassen Fensterscheibe bei Frankfurt am Main. (14. Juli 2019)
(Bild: Frank Rumpenhorst) Mehr...