«Frau Rühl, Ihr Vorgänger verdiente 550’000 Franken. Und Sie?»

Mit Monika Rühl steht erstmals eine Frau an der Spitze von Economiesuisse. Ein Interview über Karriere, Macht und SVP-Kampagnen.

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Frau Rühl, Ihr Vorgänger bei Economiesuisse verdiente angeblich 550'000 Franken im Jahr. Haben Sie den gleichen Lohn?
Monika Rühl: Mir ist diese Zahl nicht bekannt. Ich verdiene deutlich weniger.

Weil Sie eine Frau sind?
(lacht)

Oder hat der Verband seine Lohnpolitik geändert?
Das ist durchaus möglich.

Sagen Sie öffentlich, wie viel Sie verdienen?
Nein.

Der Bundesrat will eine Lohnpolizei einführen. In Ihrem Fall müsste diese einschreiten. Was halten Sie von dieser Idee der Landesregierung?
Eine Lohnpolizei lehne ich entschieden ab. Ich stelle fest, dass der Bundesrat fast schon im Wochenrhythmus neue Regulierungen beschliesst. Das ist enorm schädlich für die Wirtschaft. Zudem gibt es bei Löhnen schon seit Jahren ein Gleichstellungsgesetz mit Klagerecht.

Von Frauen ist aber oft zu hören, sie würden beim Lohn diskriminiert. Täuscht dieser Eindruck?
Im konkreten Einzelfall müssen wir sehr genau schauen, ob wirklich für die exakt gleiche Funktion unterschiedlich hohe Löhne ausbezahlt werden. Denn manchmal variieren die Funktionen auch auf der gleichen Hierarchiestufe. Eine Lohnpolizei würde bedeuten, dass es nochmals mehr Auflagen für Unternehmen und nochmals mehr Inspektoren geben würde. Das wäre schlecht. Frauen sollen sich aber wehren, wenn sie weniger Lohn als ihr Vorgänger als ihr männliches Pendant erhalten.

Verhandeln Frauen schlechter?
Ich weiss nicht, ob Frauen in Lohnverhandlungen zu wenig hart sind. Aber dass Frauen viel häufiger Teilzeit arbeiten als Männer, dürfte einen Einfluss auf die Lohnunterschiede haben.

Der Bundesrat will die grössten Unternehmen der Schweiz verpflichten, Rechenschaft darüber abzulegen, ob sie eine Frauenquote von 30 Prozent einhalten. Wieso haben Sie das umgehend kritisiert?
Auch das ist eine zusätzliche Regulierung, die der Bundesrat einführen will. Im Gegensatz zu den Gesetzen im Ausland soll in der Schweiz die Quote nicht nur für die Verwaltungsräte, sondern auch für die Geschäftsleitungen gelten. Das ist ein massiver Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Zudem frage ich mich, ob die Umsetzung dieser Quote den Frauen dient.

Warum?
Damit die Unternehmen diese Quote einhalten können, müssten sie Frauen im Ausland rekrutieren. So wie dies in Norwegen geschehen ist. Oder die Unternehmen befördern Schweizer Frauen, die unter Umständen nicht dem Anforderungsprofil entsprechen.

Ihre berufliche Laufbahn beschränkt sich auf die Verwaltung. Was erwidern Sie auf den Vorwurf, dass Ihnen Erfahrung aus der Privatwirtschaft fehle?
Ich befasse mich seit 2003 intensiv mit Wirtschaftspolitik und stehe seither in regem Kontakt mit vielen Wirtschaftsvertretern. Als Generalsekretärin des Wirtschaftsdepartements hatte ich vertieften Einblick in die aktuellen Dossiers. Schliesslich stehe ich derzeit oft in Kontakt mit unseren Mitgliedern, damit ich sie und sie mich besser kennen lernen. Ich kenne inzwischen die Bedürfnisse der Wirtschaft.

Sie kennen auch Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann sehr gut. Wie oft haben Sie schon mit ihm telefoniert, seit Sie Economiesuisse als Direktorin leiten?
Einige Male. Gemeinsam mit Heinz Karrer, Präsident von Economiesuisse, habe ich ihn auch schon besucht. Ebenso andere Bundesräte. Das gehört zu den Verbandsaufgaben.

Die Economiesuisse-Spitze wurde früher wegen ihres starken Einflusses als «achter Bundesrat» bezeichnet. Ist dieser Vergleich noch zutreffend?
Nein, die Zeit des «achten Bundesrats» ist vorbei, falls es sie überhaupt je gegeben hat. Wir wollen zu einer neuen Art von Stärke finden. Damit wir in Bern gehört werden, benötigen wir einen regen Austausch mit Bundesrat, Verwaltung und Parlament.

Zur Ecopop-Abstimmung: Hat Sie das klare Nein überrascht?
Ich habe mit einem Nein gerechnet. Die Deutlichkeit hat mich aber positiv überrascht.

Was sind die Gründe für die klare Absage des Stimmvolks?
Wir haben mit einer sehr breiten Allianz von Gegnern zusammengearbeitet: Neben den bürgerlichen Kräften waren auch die Linke, die Grünen, Gewerkschaften, Hilfswerke und Umweltorganisationen im Nein-Lager.

Sind bei der Ecopop-Kampagne Lehren aus der Niederlage bei der Initiative gegen Masseneinwanderung eingeflossen?
Wir haben unsere Kampagne von Anfang an so ausgelegt, dass wir in der Schlussphase nochmals mobilisieren und auf die Folgen eines Ja aufmerksam machen konnten. In der Kampagne im Hinblick auf den 9.Februar ist in dieser Phase zu wenig gemacht worden. Bei der Planung zur Ecopop-Abstimmung haben wir entschieden, dass es am Schluss noch spezielle Aktionen geben soll. So haben wir ein Volksmusikkonzert in Aarau organisiert.

Sie schauten also Kampagneninstrumente bei der SVP ab?
Ja gut, die Volksmusik gehört allen...

...aber die SVP hat sie für sich monopolisiert. Apropos SVP: Sie haben in einem Radiointerview die Frage, ob die SVP eine Wirtschaftspartei sei, mit Jein beantwortet. Gilt diese Antwort immer noch?
Die Antwort ist einerseits Ja, weil Economiesuisse in vielen Dossiers sehr gut mit der SVP zusammenarbeitet. Zum Beispiel im Energiedossier und in der Finanz- oder der Steuerpolitik. Da ist der Austausch sehr gut. Anderseits sind wir uns bei den Beziehungen Schweiz - EU nicht einig.

Das Jein gilt also weiterhin?
Ja, aber ich möchte nicht weiter darauf herumreiten.

Treten Sie auch zu einem Duell mit Christoph Blocher in der «Arena» an?
Wenn ich zum Schluss komme, dass es sinnvoll ist, daran teilzunehmen, dann werde ich das tun.

Sind Sie bereit für das Duell mit Blocher, oder wollen Sie sich noch dafür noch Zeit geben?
Ich fühle mich bereit für «Arena»-Auftritte.

Es wurde kolportiert, dass es eine Arbeitsteilung zwischen Ihnen und Präsident Heinz Karrer geben soll: Der eloquente Karrer soll für Auftritte nach aussen zuständig sein und Sie eher für die Arbeit nach innen. Trifft dies zu?
Nein, wir waren beispielsweise am Abstimmungssonntag beide in Bern und standen den Medien Red und Antwort. Wir sprechen uns ab, das funktioniert sehr gut.

Sie haben also nicht vor, Ihr Amt als stille Schafferin auszuüben?
Nein, sonst würde ich heute nicht mit Ihnen sprechen (lacht).

In den Medien wurde berichtet, dass der Zürcher SVP-Nationalrat Thomas Matter einen SVP-nahen Wirtschaftsverband gründen wolle. Ihre Reaktion?
Wir haben keine Anzeichen dafür, dass hier real etwas passiert. Ich sehe deshalb zurzeit keinen Handlungsbedarf. Ich habe den Eindruck, dass es sich um eine Zeitungsente handelt.

Muss Economiesuisse vermehrt gesellschaftspolitischen Themen Rechnung tragen, um weiteren Abstimmungsschlappen vorzubeugen?
Sowohl bei der Initiative gegen Masseneinwanderung wie auch bei Ecopop ging es um die Zuwanderung. Dabei spielen Ängste in der Bevölkerung eine grosse Rolle. Um sie besser zu verstehen, suchen wir auch den direkten Kontakt zur Bevölkerung.

Wie tun Sie das?
Indem wir mit den Leuten reden. Am Dienstag vor dem Abstimmungswochenende waren wir im Hauptbahnhof Zürich. Mit dabei waren nebst mir unser Präsident, sieben Vorstandsmitglieder und weitere Leute. Wir haben einerseits zugehört und andererseits den Beitrag der Wirtschaft zum Wohlstand erklärt.

Das hat es noch nie gegeben, dass die Economiesuisse-Spitze in die Kälte rausgeht und das Gespräch mit Bürgern sucht.
Ja, das ist neu. Alle beteiligten Vorstandsmitglieder haben ein sehr positives Fazit gezogen, sodass wir künftig vermehrt solche Anlässe durchführen werden.

Wie waren die Reaktionen, die Sie erhalten haben?
Viele sagten, sie hätten schon Nein gestimmt. Einige lobten unser Engagement. Dann gab es auch die Befürworter, welche die starke Zuwanderung kritisierten.

Vermehrt sind in der Schweiz auch wachstumskritische Stimmen zu hören. Wie gehen Sie damit um?
Economiesuisse hat im August eine Broschüre und eine Website unter dem Titel «Warum noch weiter wachsen?» lanciert. Hier zeigen wir mit guten Beispielen auf, weshalb Wachstum für die Schweiz grundsätzlich positiv ist. Und warum es nicht zwingend mit mehr Ressourcen- und Platzverbrauch verbunden ist.

Was sagen Sie den Menschen, die unter steigenden Mietzinsen leiden oder sich über zu wenig Platz in öffentlichen Verkehrsmitteln ärgern?
Wir engagieren uns neu auch in der Raumpolitik, was für Economiesuisse ebenfalls unüblich ist. Über die Plattform Nextsuisse stehen wir auch hier in einem offenen Dialog mit der Bevölkerung. Die Resultate fliessen in ein Papier ein, das wir im Sommer 2015 veröffentlichen.

Vor Ihrem Amtsantritt hatte Economiesuisse ein Glaubwürdigkeitsproblem. Was hat aus Ihrer Sicht dazu geführt?
Während meiner Tätigkeit in der Bundesverwaltung ist mir immer wieder aufgefallen, wie wenig die Wirtschaftsvertreter darüber wissen, wie die Politik funktioniert. Umgekehrt gilt das auch. Das hat zu einem gegenseitigen Vertrauensverlust geführt, was auch Economiesuisse zu spüren bekam. Es ist deshalb mein Ziel, diesen Austausch zu stärken sowie die Kommunikation mit der breiten Bevölkerung zu intensivieren.

Der Bundesrat arbeitet an einer Lösung für die Umsetzung der Initiative gegen Masseneinwanderung. In welche Richtung sollte diese gehen?
Das klare Nein zu Ecopop interpretiere ich so, dass das Schweizer Stimmvolk die bilateralen Verträge mit der EU nicht aufs Spiel setzen will. Denn diese wären bei einem Ja zu Ecopop gemeinsam mit der Personenfreizügigkeit hinfällig geworden. Das Ziel muss jetzt sein, die Personenfreizügigkeit zu retten.

Halten Sie die Ventilklausel, gemäss der Kontingente ab einer bestimmten Menge an Zuwanderern möglich sind, für einen gangbaren Weg?
Ja, aber das muss die Diplomatie jetzt ausloten.

Die EU sieht bei der Personenfreizügigkeit keinen Verhandlungsspielraum. Ist es nicht eine Illusion, auf eine Lösung mit Kontingenten zu hoffen, wie es die Initiative vorschreibt?
Wir müssen anerkennen, dass der Grundsatz der Personenfreizügigkeit nicht verhandelbar ist. Die Diskussionen mit der EU müssen nun zeigen, wo es einen Verhandlungsspielraum gibt.

Laut EU gibt es keinen.
In der Vergangenheit hat die Schweiz auch in schwierigen Situationen immer wieder Lösungen gefunden.

Selbst EU-Länder haben Mühe mit der Personenfreizügigkeit, so zum Beispiel Grossbritannien. Hilft das der Schweiz?
Innerhalb der EU-Staaten gilt die Niederlassungsfreiheit ohne Arbeitsvertrag – das ist ein grundlegender Unterschied. Die Debatte zeigt aber, dass in diesen Ländern ähnliche Ängste kursieren. Ob das der Schweiz in ihrer Position gegenüber Brüssel hilft oder schadet, ist derzeit noch unklar.

Wie trägt Economiesuisse dazu bei, dass die Schweiz ihre Probleme mit der EU lösen kann?
Wir wollen in den ersten Monaten des nächsten Jahres Kontakt mit unseren Schwesterverbänden in den anderen europäischen Ländern aufnehmen, um sie für unser Anliegen zu sensibilisieren. Unsere Hoffnung ist, dass diese Wirtschaftsdachverbände bei ihren Regierungen vorstellig werden und diese bitten, eine Lösung für das Problem zu suchen. Das ist eine unterstützende Aktion für die offiziellen Gespräche.

Geht Economiesuisse auch auf die Wirtschaft zu, um sie für Fragen der Zuwanderung und der Nutzung von Schweizer Arbeitskräften zu sensibilisieren?
Es braucht keine neuen gesetzlichen Vorgaben. Aber wir führen mit unseren Mitgliedern Gespräche, beispielsweise über eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder über die längere Beschäftigung von älteren Arbeitnehmenden. Bei der Rekrutierung von ausländischen Fachkräften spielt aber auch der öffentliche Bereich eine wichtige Rolle. Dabei spreche ich die Bildung an, das Gesundheitswesen oder die Verwaltung. Von diesen erwarten wir, dass sie ebenfalls aktiv werden und als Arbeitgeber Verantwortung übernehmen.

Sie meinen also, dass zum Beispiel Spitäler vermehrt Ärzte und Pflegepersonal aus der Schweiz einsetzen?
Soweit diese im Inland vorhanden sind oder hier ausgebildet werden können – ja. Es braucht die gleichen Anstrengungen in der Privatwirtschaft wie im öffentlichen Bereich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.12.2014, 12:08 Uhr

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Schon bevor Monika Rühl Anfang September ihre Stelle als neue Geschäftsführerin des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse angetreten hatte, wurde sie mit Kritik eingedeckt. Aufgrund ihrer bisherigen Laufbahn in der Bundesverwaltung warfen ihr unter anderen einige anonyme Quellen vor, in der Privatwirtschaft zu wenig Erfahrung und Kontakte zu haben. Die so gestreuten Zweifel schufen einen Erwartungsdruck, der immer noch präsent ist. Doch im Gespräch ist davon wenig zu spüren. Rühl lässt das Gegenüber stets ausreden, sie antwortet ruhig und mit freundlicher Stimme. Der Klang ändert nicht, egal, ob sie zustimmt oder entschieden widerspricht.
Rühl verkörpert so ziemlich genau das Gegenteil eines Polterers. Überraschende und schlagzeilentaugliche Aussagen sind nicht ihre Sache, in diplomatisch geschliffenen Worten vertritt sie die bekannten Verbandspositionen.
Monika Rühl ist ab fünf Jahren in Uster aufgewachsen und besuchte später das Gymnasium in Wetzikon. Nach dem Studium von Italienisch, Französisch und Germanistik schlug sie eine diplomatische Laufbahn ein, die sie in die Verwaltung führte. Rühl wurde Mitarbeiterin von Alt-Bundesrat Joseph Deiss und Generalsekretärin von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Sie ist geschieden und hat keine Kinder. Diese Woche wird sie 51 Jahre alt. ki

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