Frauen erobern die Stadt – per Verkehrsschild

In Genf werden Fussgängerstreifen neu mit Frauensymbolen angezeigt – eine Premiere. Das befeuert eine alte Diskussion: Unsere Städte sind für Männer gebaut.

Obwohl die klassische Rollenaufteilung je länger, je mehr aufweicht, lässt sie sich in der Nutzung des öffentlichen Raums immer noch nachweisen.

Obwohl die klassische Rollenaufteilung je länger, je mehr aufweicht, lässt sie sich in der Nutzung des öffentlichen Raums immer noch nachweisen.

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Sie ist etwas nervös, es ist ihre erste richtige Sitzung mit Erwachsenen, und dann gleich mit der Schulleitung! Lily ist 11 Jahre alt, sie geht in die 5C im St.-Johann-Schulhaus in Basel, und gemeinsam mit drei Freundinnen hat sie eine Idee: Sie möchte mehr Sitzgelegenheiten auf dem Pausenhof. Für sich, für die Freundinnen. Heute sieht der Platz vor ihrer Schule aus wie ganz viele Pausenplätze in der Schweiz: Pingpongtisch, Basketballkorb, Fussballtore.

In Genf, einen Tag später, sitzt Stadtpräsidentin Sandrine Salerno (SP) in einem schicken Sitzungszimmer des Ethnografischen Museums und präsentiert ebenfalls eine Idee. In Genf gibt es rund 500 Schilder, die einen Zebrastreifen anzeigen. Darauf bis heute: ein eiliger Mann mit Hut direkt aus den 50er-Jahren. Salerno will die Hälfte dieser Schilder abhängen und mit sechs neuen Motiven ersetzen: einer schwangeren Frau auf dem Zebrastreifen, einer alten Frau, einem Frauenpärchen, einer eher dicken und einer eher dünnen Frau, einer Frau mit einem Afro. Es ist ein kleiner Eingriff im Stadtbild. Aber einer mit grosser Symbolkraft. Keine andere Stadt in der Schweiz hat das bisher gewagt.

Serge Dal Busco und Sandrine Salerno bei der Präsentation der neuen Schilder in Genf. (Bild: Martial Trezzini/Keystone)

Lily in ihrem Schulhaus in Basel und Stadtpräsidentin Salerno im Museum in Genf machen im Grunde das Gleiche: Sie erhöhen die Sichtbarkeit von Mädchen und Frauen im öffentlichen Raum. «Mädchen spielen öfter in kleinen Gruppen, kleinräumig und in vielfältiger Weise. Knaben sind häufiger in grossen Verbänden mit raumgreifendem Spiel wie Fussball oder Spasskämpfen beschäftigt», heisst es in einer schon etwas älteren Studie zum Thema aus Basel. Buben brauchen Raum - und drängen die Mädchen an den Rand.

In Genf sagt Stadtpräsidentin Salerno, dass die Omnipräsenz von männlichen Figuren im öffentlichen Raum – unter anderem auf Verkehrsschildern – die Vorstellung verstärke, dass Frauen in jenem Raum weniger erwünscht seien als Männer. Das müsse sich ändern. «Historisch gesehen, sind unsere Städte von und für Männer gebaut. Wir aber wollen einen öffentlichen Raum für alle – darum müssen wir die Sichtbarkeit von Frauen vergrössern.»

«Historisch gesehen, sind unsere Städte von und für Männer gebaut. Wir aber wollen einen öffentlichen Raum für alle – darum müssen wir die Sichtbarkeit von Frauen vergrössern.»Sandrine Salerno, Genfer Stadtpräsidentin

Neben Salerno sitzt ein Mann, es ist Staatsrat Serge Dal Busco (CVP), in der Genfer Regierung für die Infrastruktur zuständig. Dal Busco erzählt jetzt etwas ausschweifend, es sei gar nicht so einfach gewesen, diese neuen Schilder zu entwerfen, ohne Bundesrecht zu brechen. Der Kanton unterstütze die Aktion der Stadt aber voll und ganz, sie sei ein Symbol, ein wichtiges Symbol!, und hoffentlich mache die Idee Schule. In anderen Genfer Gemeinden, in der Schweiz. «Die neuen Schilder sind ein Schritt hin zu einem nötigen Mentalitätswandel. Hin zu einer Gleichstellung in allen Aspekten unserer Gesellschaft.»

Die Sichtbarkeit von Frauen und Minderheiten im öffentlichen Raum ist in Schweizer Städten schon länger ein Thema – spätestens seit viele Städte von rot-grünen Mehrheiten regiert werden. In den 90er-Jahren drehte sich die Debatte vor allem um «Angsträume». Unausgeleuchtete Ecken, dunkle Unterführungen, unheimliche Parkplätze im dritten Untergeschoss, versiffte Parks, in denen sich (nicht nur) Frauen fürchteten. Damals wurde einiges unternommen, präventiv und auch mit baulichen Massnahmen. Bessere Beleuchtungen, Frauenparkplätze. «Doch danach war es lange still. Jetzt passiert endlich wieder etwas. Spätestens seit dem Frauenstreik wissen wir, dass das ein Bedürfnis einer breiten Masse ist», sagt Anja Derungs, welche die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich leitet.

Mehr als Angsträume

Dass jetzt wieder etwas passiert, ist Frauen wie der Genfer Stadtpräsidentin zu verdanken – oder Frauen wie Martina Dvoracek. Die Geografin arbeitet im Büro für Mobilität in Bern und ist Co-Präsidentin des Vereins Lares. Der Verein hat zum Ziel, «gendersensibles» Planen und Bauen zu fördern. Bauen für alle Nutzerinnen und Nutzer. Für Frauen, Männer, Alte, Junge. Gleichberechtigung im öffentlichen Raum gehe weit darüber hinaus, Angsträume für Frauen zu beseitigen, sagt Dvoracek.

Sie steht beim Haupteingang des Bahnhofs Bern, vor einem der breitesten Zebrastreifen der Schweiz. «Rund um den Bahnhof wäre eigentlich nur ein einziger Zebrastreifen geplant gewesen. Jetzt sind es fünf», sagt Dvoracek. Der Umbau des Berner Bahnhofs vor zwanzig und vor zehn Jahren ist der eigentliche Ursprung ihres Vereins. Nach einem politischen Vorstoss durfte eine Frauengruppe die Planung begleiten – und verbessern. Dass das öffentliche WC heute ebenerdig und nicht im zweiten UG versteckt ist; dass bei der Unterführung immer der nächste Ausgang zu sehen ist; dass es unten Notsitze und ebenerdig Sitzgelegenheiten aus Holz gibt; dass der Lift auf die grosse Schanze über dem Bahnhof aus Glas besteht und das Treppenhaus daneben mit offenen Stufen gebaut wurde: Es ist der Verdienst der beigezogenen Planungsfachfrauen.

Die klassische Rollenaufteilung

Der Verein macht Beratungen in der gesamten Schweiz, und er trifft immer ähnliche Problemlagen an. Städte in der Schweiz (oder in Europa und anderswo) sind mehrheitlich von Männern gebaut worden – und sind auf typisch männliche Bedürfnisse ausgerichtet. Im traditionellen Rollenbild der Schweizer Kleinfamilie geht der Mann morgens aus dem Haus, setzt sich in ein Auto, fährt zur Arbeit, fährt vielleicht noch zum Sport (früher: zur Beiz) und danach wieder heim. Die Frau geht andere Wege durch die Stadt. Bringt die Kinder in die Tagesstruktur, macht Einkäufe, besucht Freundinnen, mit dem ÖV, dem Velo, oft zu Fuss.

«Es ist eine Benachteiligung für die Frauen, wenn in einer Stadt die Strassen perfekt ausgebaut sind, die Trottoirs aber voller Hindernisse und viel zu schmal sind. Der Planer musste halt wahrscheinlich nie mit einem Kinderwagen durch die Stadt zum Bahnhof.»Martina Dvoracek, Geografin

Und obwohl die klassische Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau je länger, je mehr aufweicht, lässt sie sich in der Nutzung des öffentlichen Raums immer noch nachweisen. Beispielsweise fahren Männer im Schnitt pro Tag fast doppelt so weit mit dem Auto wie Frauen, wie Zahlen aus dem aktuellen Mikrozensus zum Verkehrsverhalten der Bevölkerung zeigen, erhoben im Jahr 2015. Frauen benützen öfter den öffentlichen Verkehr, Frauen sind eher zu Fuss unterwegs, Frauen reisen pro Tag grundsätzlich weniger als Männer. «Darum ist es eine Benachteiligung für die Frauen, wenn in einer Stadt die Strassen perfekt ausgebaut sind, die Trottoirs aber voller Hindernisse und viel zu schmal sind. Der Planer musste halt wahrscheinlich nie mit einem Kinderwagen durch die Stadt zum Bahnhof», sagt Dvoracek.

Die Schweiz befinde sich in Sachen «nutzergerechtes Planen und Bauen» irgendwo im Mittelfeld, sagt die Geografin. Städte wie Berlin, Wien oder Barcelona seien schon viel weiter. «Aber auch in der Schweiz passiert einiges. Es wachsen viele einzelne Pflänzchen – eine Wiese ist es noch nicht.» Die neuen Schilder in Genf seien ein Mosaiksteinchen in diesem Prozess, ein Schritt in die richtige Richtung. Ähnlich tönt es auf dem Amt für Gleichstellung in Zürich oder bei der Stadtentwicklung Basel, wo der oberste Stadtentwickler Lukas Ott sagt: «Neue Signalisationen können ein wirkungsvoller Beitrag der Städte zur Geschlechtergerechtigkeit sein.»

Manchmal braucht es dafür nicht einmal neue Schilder. Manchmal reicht weniger. Neue Sitzgelegenheiten auf einem Pausenplatz zum Beispiel. Die Sitzung sei einigermassen gut verlaufen, lässt Lily aus der 5C mitteilen. Nun wartet sie gespannt auf den Entscheid der Schulleitung.

Erstellt: 16.01.2020, 16:38 Uhr

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