«Frauen sind oft nicht bereit»

Johann Schneider-Ammann propagiert die Chancengleichheit. Doch gerade die Rekrutierung von Frauen für Kaderpositionen sei oft schwierig. Was er selber als Firmenchef erlebt hat.

Im Departement von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann ist jede zweite Person im Topkader eine Frau. Foto: Keystone

Im Departement von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann ist jede zweite Person im Topkader eine Frau. Foto: Keystone

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In Ihrem Departement ist jede zweite Person im Topkader eine Frau. Damit sind Sie im Bundesrat Spitzenreiter. Was machen Sie anders als die andern?
Wir haben einen überdurchschnittlichen Frauenanteil, weil wir ihn bewusst fördern. Schon meine Vorgängerin hat das getan, und auch ich habe ein Auge darauf. Denn ich bin überzeugt, dass es Chancengleichheit braucht. Übrigens bestimmt die Kultur eines Unternehmens oder eines Departements, ob Frauen in Führungspositionen sind oder nicht. Ein wichtiger Faktor ist auch der Frauenanteil in den installierten Teams.

Warum?
Stellen wir uns vor, in meinem Departement ist eine Stelle neu zu besetzen. Dafür habe ich in der Regel ein Team am Werk. Und weil im WBF über die Hälfte der Kaderleute bereits weiblich ist, können potenzielle neue Mitarbeiterinnen mit Goodwill rechnen. Anders gesagt: Unter solchen Voraussetzungen ist das Geschlecht der Bewerber weder ein Vor- noch ein Nachteil.

Wie schwierig ist es, Frauen für Führungspositionen zu finden?
Das kommt auf die Domäne an. Ein aktuelles Beispiel: Wir haben eine Bildungsreferentin gesucht. In der Bildung ist das Interesse und das Reservoir an Frauen gross. Knapp die Hälfte der Bewerbungen kam von Frauen, und in der Schlussrunde hatten wir vier Frauen und zwei Männer. Nun hat eine Frau das Rennen gemacht. Wenn es technischer wird, ist das Rekrutierungspotenzial kleiner, da wird es schwierig.

Wie schwierig war es bei der Ammann-Gruppe?
Dort hatten wir im Verwaltungsrat und in der Konzernleitung je eine Frau. Ich habe immer darauf geachtet, dass unter den jährlich 30 beginnenden Lehrlingen einige Lehrtöchter dabei waren, auch in den technischen Berufen. Das war immer eine Diskussion und konnte kaum verbessert werden. Man fand Frauen für die kaufmännische Lehre, aber nicht als Polimechanikerin. Hier fanden wir pro Jahr im Schnitt eine. Wenn der Frauenanteil an der Basis klein bleibt, bleibt er es auch an der Spitze.

Manche sprechen von der Teilzeitfalle. Ist Teilzeitarbeit wirklich karrierehemmend?
Teilzeit, Jobsharing und Homeoffice entsprechen dem Zeitgeist. Grundsätzlich glaube ich, dass Teilzeitarbeit Frauen hilft, sie ins Erwerbsleben integriert. Doch je anspruchsvoller ein Job ist, je mehr Wissen und Know-how vorausgesetzt wird, desto schwieriger ist ein Job zu teilen. Mit gutem Willen geht es, aber am Ende zählt die Wirtschaftlichkeit.

Die Botschaft ist klar: Teilzeitjob und Karriere geht nicht.
Konzernchef wird man nicht als Teilzeitangestellter. Ich hatte kürzlich ein Treffen mit einer Gruppe Unternehmerinnen der FDP. Alle sind Firmengründerinnen oder operative Chefinnen und arbeiten weit über die durchschnittlichen 100 Prozent. Je höher die Verantwortung, desto höher das Pensum. Mit den FDP-Frauen habe ich auch über die Fachkräfteinitiative gesprochen. Wir appellieren an die öffentlichen Körperschaften, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.

Die Fachkräfteinitiative wurde in den letzten Tagen als nutzloser Papiertiger kritisiert. Können Sie mehr als appellieren, oder bleibt das Engagement freiwillig?
Das sehe ich anders. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren ist zuständig, die Vereinbarkeit von Job und Familie voranzutreiben. Wir haben mit unseren Verbundpartnern, Kantonen und Arbeitgebern, eine Abmachung.

Der Lohngleichheitsdialog ist gescheitert. Was kann der Staat überhaupt ausrichten?
100 Firmen hätten sich beteiligen sollen. Sichtbar haben aber nur 40 Firmen mitgemacht. Ein Mehrfaches davon hat im Hintergrund die Löhne angeglichen, der unsichtbare Erfolg war also grösser. Die Arbeit geht aber weiter. Ich habe eben an die Arbeitgeber appelliert, dass sie sich des Themas annehmen sollen, um zu verhindern, dass der Staat auf die Idee kommt, Normen einzuführen.

Manche sagen, die meisten Frauen würden sich vor Führungsaufgaben scheuen. Wie erleben Sie das?
Als Unternehmer habe ich mich oft gefragt: Warum ist es jetzt nicht möglich, für diese oder jene Aufgabe eine Frau zu gewinnen? Selbst wenn ich auf jemanden direkt zugegangen bin, hat es oft nicht funktioniert. Ich rede jetzt von Jobs mit echten Herausforderungen, sehr attraktiv, mit hohem Engagement und hoher Sichtbarkeit, verbunden auch mit dem ­Risiko, öffentlich kritisiert zu werden. Abteilungs- oder Divisionsleitung beispielsweise, oder Stufe Konzernleitung. Es gibt ein kleines Potenzial an Frauen, selbst die wenigen sind oft nicht bereit dazu.

Weshalb nicht?
Es gibt wohl keine generelle Antwort. Im Einzelfall konnte ich die Beweggründe verstehen, dass die Familie doch Priorität hatte, dass die Person sich nicht zu 150 Prozent engagieren wollte. Oft habe ich gehört: «Ich suche die Öffentlichkeit nicht.» Es gibt auch Männer, die das nicht wollen. Für mich ist klar: Es darf sich niemand in eine Rolle drängen lassen, die ihm oder ihr nicht behagt.

Fangen erfolgreiche Unternehmer nicht oft genauso an? Sie werden in eine Rolle gedrängt, weil der Vater plötzlich ausfällt.
Sprechen Sie meinen persönlichen Fall an? Meine beiden rund 30-jährigen Kinder haben in dem Moment, als ich in die Politik gewechselt habe, gesagt: «Vater, wenn du deinen Kopf riskierst, investieren wir unsere Köpfe ins Unternehmen.» Seit rund vier Jahren arbeiten beide in der Ammann-Gruppe, der Sohn heute als CEO. Das freut mich sehr. Insbesondere auch, wie sich meine Tochter in der Männerwelt behauptet.

Wie arbeitet Ihre Frau?
Sie hat als Tierärztin zuerst kurz Vollzeit gearbeitet. Seit wir Kinder haben, arbeitet sie mit einem flexiblen Teilzeitpensum in einer Gemeinschaftspraxis.

Gemäss Arbeitskräfteerhebung ist das Potenzial an nicht oder Teilzeit erwerbstätigen Frauen gross.
Das ist so. Und wenn man bedenkt, dass die Hälfte der Studierenden Frauen sind, wird dieses Potenzial weiter wachsen. Wir müssen es aktivieren, die Lücken, die drohen, füllen.

Früher haben Sie in Männerteams gearbeitet, heute in gemischten Gruppen. Ist die Arbeit anders?
Auch in der Uhrenindustrie, in der ich tätig war, gibt es viele Frauen. Es ist stimulierend, wenn Frau und Mann miteinander an einer Aufgabe arbei­- ten. Die Kultur wird moderner, inspirierter. Für Nachwuchskader ist die Chefetage dann plötzlich ein Thema. Nehmen Sie als Beispiel die Swatch mit Nayla Hayek als VR-Präsidentin und Nick Hayek, einer originellen Figur, als CEO. Das macht die Firma zu einem attraktiven Arbeitgeber.

Erstellt: 02.07.2014, 06:24 Uhr

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