Frauenhäuser in Not

Warum die Frauenhäuser in der Schweiz Hunderte akut bedrohte Frauen und Kinder abweisen müssen. Nun steigt der politische Druck.

Bei häuslicher Gewalt bleibt Frauen oft nur die Flucht ins Frauenhaus.

Bei häuslicher Gewalt bleibt Frauen oft nur die Flucht ins Frauenhaus. Bild: Luis Berg/Keystone

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In der Schweiz ereigneten sich letztes Jahr 15'650 Straftaten hinter verschlossener Haustür. Die schwere sexuelle Gewalt ist dabei auf ein Rekordniveau gestiegen, wie aktuelle Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen. 406 Straftaten registrierte die Polizei demnach in diesem Bereich – der höchste Stand seit fünf Jahren.

Drei Viertel der Betroffenen sind Frauen oder Mädchen. Wenn es ihnen gelingt, der Gewalt ihrer Ehemänner, Ex-Partner oder Väter zu entkommen, finden sie häufig Zuflucht in einem der 18 Frauenhäuser in der Schweiz. Doch diese stossen zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen: Jährlich müssen Hunderte akut bedrohte Frauen und Kinder an der Tür abgewiesen werden. Ein Anfang Juni veröffentlichter Bericht zur Situation der Frauenhäuser zeigt detailliert auf, was die Gründe dafür sind und wo Handlungsbedarf bestünde und was sich ändern müsste:

Platzmangel: Die durchschnittlichen Auslastungsquoten der Frauenhäuser von 70 bis 90 Prozent sind zu hoch. Auf Notfälle ausgerichtete Opferschutzangebote müssten kurzfristig mehr Plätze zur Verfügung haben, damit dringende Fälle nicht abgewiesen werden müssten. Denn in Hotels oder Pensionen ist der Schutz der Frauen und Kinder nicht gewährleistet. Ursache für den Platzmangel ist unter anderem die lange durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Frauen. Weil es nicht ausreichend Anschlusslösungen wie etwa betreute Wohnformen gibt, müssen viele Betroffene länger als nötig in den Frauenhäusern bleiben. Dadurch stehen weniger Plätze für Frauen in akuter Not bereit.

Lückenhafte Finanzierung: Den Frauenhäusern fehlen die finanziellen Mittel. Ihr Betrieb kann oft nur durch Spenden sichergestellt werden. Die Beiträge der öffentlichen Hand unterscheiden sich je nach Kanton stark – und sind nicht kostendeckend. In den letzten Jahren fielen sie zudem in manchen Kantonen den Sparbemühungen zum Opfer. Das hat zur Folge, dass die gewaltbedrohten Frauen und Kinder je nach Region besser oder schlechter geschützt sind.

Mangelhafte Koordination: Die Dachorganisation der Frauenhäuser (DAO) verfügt über zu wenige Ressourcen, um die Arbeit der kantonalen Frauenhäuser zu vernetzen und zu koordinieren. Im Bericht wird daher für die Schaffung einer professionellen Geschäftsstelle plädiert. Eine solche könnte die Schutzangebote interkantonal weiterentwickeln – und gäbe den Frauenhäusern auch politisch eine Stimme.

Aufgrund des Berichts, der im Auftrag der Sozialdirektorenkonferenz (SODK) und des eidgenössischen Gleichstellungsbüros (EBG) erstellt wurde, sollen die Kantone nun prüfen, wie es um die Versorgungslage auf ihrem Gebiet steht. Ziel ist es, mehr und besser finanzierte Schutzplätze für die Frauen und ihre Kinder zu schaffen. «Diese Bemühungen müssen vom Bund unterstützt werden», findet Grünen-Co-Präsidentin Regula Rytz. Darum hat sie heute einen Vorstoss eingereicht, in dem sie den Bundesrat anregt, zusammen mit den Kantonen eine nationale Strategie gegen Gewalt an Frauen und Kindern zu erarbeiten. Zudem solle sich der Bund finanziell an einer professionellen Geschäftsstelle der DAO beteiligen, etwa mit einer Anstossfinanzierung.

«Ein solches nationales Konzept würde den angemessenen Schutz Gewaltbetroffener in allen Kantonen gleichermassen sicherstellen, weil es einen minimalen Versorgungsstandard festlegen würde. Es kann doch nicht sein, dass die Opfer häuslicher Gewalt je nach Wohnort Schutz und Hilfe erhalten oder nicht», sagt die Berner Nationalrätin.

Bundesrat steht international unter Druck

Auch Marlies Haller hält eine nationale Strategie gegen häusliche Gewalt für dringend nötig. Als Geschäftsführerin der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kinder betreibt sie zwei Frauenhäuser und zwei Opferberatungsstellen im Kanton Bern. Sie sagt: «Unsere Frauenhäuser sind meist zu mehr als 90 Prozent ausgelastet. Manchmal benötigen wir viel Zeit, um für betroffene Frauen einen Platz zu finden.» Es mache daher Sinn, die Schutzangebote schweizweit zu koordinieren und abzugleichen. Dass viele Frauenhäuser dringend auf Spenden angewiesen sind, sei zudem keine nachhaltige Finanzierung. «Sie müssen viel Energie in die Spendensammlung investieren. Diese Ressourcen fehlen dann bei der Betreuung der Opfer.» Haller ist auch im Vorstand der Dachorganisation der Frauenhäuser. Dieser fehlten die finanziellen und personellen Möglichkeiten, um etwas bewegen zu können. «Häusliche Gewalt ist ein Problem mit epidemischen Ausmassen. Angesichts der hohen Gesundheits- und Strafjustizkosten, die damit verbunden sind, wäre die finanzielle Stärkung der Dachorganisation geradezu billig – aber effektiv», ist sie überzeugt.

Rytz ist nicht die erste Parlamentarierin, die vom Bund ein verstärktes Engagement für gewaltbetroffene Frauen und Kinder verlangt. Doch bis jetzt lehnte der Bundesrat entsprechende Vorstösse immer ab – mit der Begründung, die Kantone seien für die Einrichtung und Finanzierung von Schutzplätzen verantwortlich. Rytz ist zuversichtlich, dass die Ausgangslage diesmal günstiger ist: «Zum einen zeigt der Bericht den dringenden Handlungsbedarf auf. Zum anderen steht der Bundesrat auch international unter Druck.» Vor zwei Jahren hat die Regierung die Istanbul-Konvention des Europarats unterzeichnet. Dieses Übereinkommen verpflichtet die Mitgliedstaaten, ausreichend Schutzplätze für gewaltbetroffene Frauen zur Verfügung zu stellen. Zurzeit laufen in der Schweiz die Vorarbeiten zur Ratifizierung.

Trotzdem dürfte es das Anliegen im Parlament schwer haben. Eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes lehnen breite politische Kreise mit Verweis auf die kantonalen Zuständigkeiten nach wie vor ab. So sagt etwa Natalie Rickli, die sich intensiv für die Opfer sexueller Gewalt einsetzt: «Die Finanzierung der Schutzplätze liegt meines Erachtens klar in der Kompetenz der Kantone.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2015, 15:08 Uhr

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