Freizeit ist für Verlierer

Fünf Wochen Ferien, freie Samstage: Schweizer arbeiten viel weniger als früher. Warum sind wir trotzdem gestresst?

Die meiste Knochenarbeit ist durch Denkjobs ersetzt worden. Doch auch die laugen aus. Foto: iStock

Die meiste Knochenarbeit ist durch Denkjobs ersetzt worden. Doch auch die laugen aus. Foto: iStock

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Ist es Ihnen auch aufgefallen? Wenn zwei sich begegnen, auf der Strasse, im Zugabteil, in der Beiz, dann fragen sie immer noch: «Wie gehts?», antworten aber nicht mehr standardmässig mit «Gut» oder «Es muss», sondern öfter mit: «Viel zu tun», «Bitz im Stress», «Müde halt». Wir sind bemüht, uns zu Beginn eines Gesprächs als sehr beanspruchte Teilnehmer des Erwerbslebens auszuweisen. Stress ist ein Leistungsindiz. Wer nicht erschöpft ist, wird wohl zu wenig gebraucht.

In früheren Jahrhunderten war das anders. Wer konnte, machte frei: Müssiggang war ein Zeichen des Erfolgs, wer Freizeit hatte, hatte auch Geld. Das ist vorbei. Untätigkeit ausserhalb der klar designierten Ferienzeitzonen ist nichts Erstrebenswertes mehr, sondern ein Problem, ein Hinweis auf Nutzlosigkeit. Laut des «American Time Use Survey» arbeiten heute in den USA die Reichen stundenmässig mehr als die ärmsten Bevölkerungsteile. Freizeit ist für Verlierer.

Unangenehm also, wenn uns dieser Tage die Nachricht erreicht, dass die Schweiz so viel freie Zeit geniesst wie nie zuvor. Gemäss einer Studie des Volkswirtschaftlers Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle KOF ist die Jahresarbeitszeit im Land stark zurückgegangen. Kam eine erwerbstätige Person 1950 auf rund 2400 Arbeitsstunden im Jahr, so leistete sie 2015 nur noch 1500 Stunden. Das erschüttert das nationale Selbstbild: «Schweizer sind weniger fleissig, als sie meinen» titelte die «NZZ am Sonntag».

Als die Teilzeiter kamen

Die Zahlen der KOF-Studie künden eindrücklich von der harten Nachkriegszeit. Im Gastgewerbe arbeiteten um 1950 viele Angestellte 58 Stunden die Woche, im Durchschnitt waren es 50 Wochenstunden. Heute sind es nur noch 42 Stunden.

Die Gründe für diese Abnahme sind die Fünftagewoche mit dem freien Samstag, die Erhöhung der Ferien von anderthalb auf heute meist fünf Wochen sowie die Verbreitung der Teilzeitarbeit, gerade durch den Einbezug der Frauen. Rund 60 Prozent der erwerbstätigen Frauen in der Schweiz arbeiten heute Teilzeit, bei den Männern sind es 17 Prozent.

Ist dieser Rückgang an Stunden nun Anlass zur Sorge, werden die Schweizer faul? Kaum. Denn kürzere Tage können die Arbeitsleistung durch- aus fördern, wie der Stanford-Ökonom John Pencavel anhand von Daten aus einer englischen Munitionsfabrik des Ersten Weltkriegs gezeigt hat. Die Arbeiterinnen dort waren produktiver, wenn sie nur an sechs statt sieben Tagen pro Woche und weniger Stunden am Tag schufteten.

«Arbeitszeit ist nicht gleich Arbeitsintensität»

In der Tat hat in der Schweiz die Produktivität seit 1950 stark zugenommen. Laut der KOF-Studie leisteten die 4,5 Millionen Erwerbstätigen des Jahres 2007 zusammen gleich viele Arbeitsstunden wie die 3 Millionen Erwerbstätigen von 1964. Das bedeutet: Die viel einwohnerstärkere Schweiz von 2007 konnte mit derselben Zahl von Arbeitsstunden wie 1964 im Schuss gehalten werden. Die einzelnen Stunden geben mehr her.

Dies allerdings birgt Probleme. «Arbeitszeit ist nicht gleich Arbeitsintensität», sagt Autor Michael Siegenthaler im Gespräch. Die Arbeitsstunden werden weniger, aber dichter, anspruchsvoller. Nicht körperlich, das nicht; schliesslich haben Denk- und Bürojobs in der Schweiz die meiste Knochenarbeit ersetzt. Doch die Denkjobs, so interessant sie sein mögen (interessanter vielleicht als viele Freizeitaktivitäten), erzeugen Druck. Das spürt die Arbeitnehmerschaft. Eine Stressstudie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) stellte 2010 amtlich fest: 34 Prozent der Erwerbstätigen sind gestresst, jeder dritte. Weil die E-Mails sie schon im Schlafzimmer anspringen und am Büropult ständige Online-Unterbrechungen die Konzentration stören.

Studienautor Siegenthaler hat den Verdacht, dass die erhöhte Arbeitsintensität mit ein Grund ist für den Rückgang der regulär geleisteten Stunden: «Wir müssen uns vielleicht einfach mehr erholen von der Arbeit.» Das klingt nicht nur schön. Sondern auch danach, als würde der Arbeitnehmer die produktiveren Stunden seiner Firma mit unbezahlter Erholungszeit subventionieren. Wie gehts? Müde halt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2017, 07:32 Uhr

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