Freunde, es ist vorbei

FDP und CVP sind keine Volksparteien mehr. Wo früher Erziehung und Herkunft die politische Heimat definierten, herrscht heute Pragmatismus.

Mitteparteien haben bei Kantonalwahlen massiv verloren: Wahlplakate in Zürich.

Mitteparteien haben bei Kantonalwahlen massiv verloren: Wahlplakate in Zürich. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man möchte ihnen laut zurufen, man möchte sie schütteln, man möchte sie ein bisschen ohrfeigen. Damit sie endlich aufhören: Hilflos und an der Grenze zur Peinlichkeit irrlichtern die Exponenten der FDP und der CVP in diesen Tagen durch die politische Schweiz. Sie haben keine guten Ideen mehr nach den kantonalen Wahldebakeln in Zürich, im Baselbiet und im Luzernischen. Aber dafür ganz viele. Ein bisschen populistischer sollte man werden, meint ein FDP-Nationalrat, ein bisschen klarer, ein bisschen besser, ein bisschen anders als diese neuen Parteien, die ihnen jetzt überall die Stimmen wegnehmen. Man möchte ihnen zurufen, jenen Pellis und Darbellays: Freunde, es ist vorbei – der eidgenössische Wahlkampf ist gelaufen, bevor er überhaupt richtig begonnen hat.

Unbemerkter Wandel

Abgesehen vom nicht klar bezifferbaren Fukushima-Effekt, haben die kantonalen Wahlen in diesem Frühjahr ein ziemlich genaues Bild davon ergeben, wie die Wählerstimmen am 23. Oktober verteilt werden dürften. Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung wählt rechtskonservativ und damit die SVP. Ein weiteres Drittel verortet sich links und hat die Auswahl zwischen den Grünen (die bei etwa zehn Prozent stagnieren werden) und der SP (die minime Verluste erleiden wird). Es ist das letzte Drittel, jenes der Mitte, das den Freisinnigen und den Christdemokraten Probleme bereitet. Im Umfeld jener Wählerinnen und Wähler, die sich grundsätzlich als die politische Mitte verstehen, hat sich in den vergangenen Jahren ein Gesellschaftswandel vollzogen, dem die FDP und die CVP ohnmächtig zusehen.

In einer Zeit der Vereinzelung, der disparaten Lebensentwürfe, der unbegrenzten Möglichkeiten und damit der zunehmenden Individualisierung spielt die Tradition eine immer unbedeutendere Rolle. Protestant oder Katholik, Stadtbewohner oder Landschäftler, Unternehmer oder Angestellter: Wo früher Erziehung und Herkunft die politische Heimat definierten, herrscht heute eine neue Sachlichkeit. Die Mitte-Wähler, die von Exponenten der FDP und CVP immer als «pragmatisch» bezeichnet wurden, handeln nun tatsächlich auch entsprechend. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn die Grünliberalen (GLP) in den meisten Kantonen die vergessene Berufsgruppe der Wissenschaftler anzieht, sowohl als Mitglieder der Partei wie auch als deren Wähler.

Nicht Ideologien bestimmen das Wahlverhalten dieser von den traditionellen bürgerlichen Parteien Abgefallenen, sondern rationale Argumente. Klare Haltungen in der Energiefrage, klare Haltungen in der Europa-Frage, klare Haltungen in der Frage der Schweizer Finanz- und Steuerpolitik. Diese Entwicklung in der Mitte der Gesellschaft – weg von Ideologie und hin zu Pragmatismus – hat Lücken aufgetan. Die Grünliberalen und in ihrem Sog die BDP sind hineingestossen und werden dafür im Herbst belohnt werden. Mit etwa acht Prozent Wählerstimmen und einer eigenen Fraktion die GLP, mit knapp fünf Prozent die BDP.

Nur noch eine Chance

An diesem Erfolg werden alle Ideen der FDP-Spitze um Präsident Fulvio Pelli und der CVP-Spitze um Präsident Christophe Darbellay nichts mehr ändern können. Besser wäre es für die Freisinnigen und die Christdemokraten, sich im veränderten Umfeld zurechtzufinden und sich von der alten Rolle zu verabschieden: FDP und CVP sind keine Volksparteien mehr. Die Überlebenschance dieser einst grossen Parteien ist es, sich an der neuen Konkurrenz zu orientieren und sich auf Kernpunkte der eigenen Politik zu konzentrieren.

Die Freisinnigen sind eine Wirtschaftspartei – und sollen sich dessen auch nicht schämen. Peinlichkeiten wie der Zickzackkurs bei der Weissgeldstrategie des Bankenplatzes oder der halbgare Richtungswechsel in der Atomfrage blieben dafür der Partei und uns erspart. Was ist anstössig daran, wenn eine Partei die Interessen der Wirtschaft vertritt? Sie muss es nur konsequent tun. Gleiches gilt für die Christdemokraten. Die wollen eine Familienpartei sein? Dann bitte!

Mehr Wähler wird eine solche Strategie weder der CVP noch der FDP bringen. Dafür solche, die es ernst meinen und von der eigenen Partei nicht erwarten, dass sie bei jedem kleinen Meinungsumschwung in der Bevölkerung das eigene Programm auf den Kopf stellt.

Erstellt: 12.04.2011, 16:10 Uhr

Artikel zum Thema

Wählen Sie uns, weil wir schon immer da waren

Nach den jüngsten Wahlschlappen wird bei den Mitteparteien FDP und CVP der Wunsch nach neuen Köpfen laut. Ein Politologe erklärt, weshalb derartige Massnahmen nichts bringen würden. Mehr...

«Es ist immer noch stark, dieses elitäre Element in der FDP»

Steuert die FDP auf eine grosse Wahlschlappe im Herbst zu, weil das Volk ihre Botschaften nicht versteht? Das zumindest glauben einige Parteiexponenten. Die Führungsdebatte kommt nach den Wahlen. Mehr...

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...