Freysinger bekommt Applaus von links

Der Walliser Sicherheitsdirektor Oskar Freysinger hat sich als Autor eines justizkritischen Romans geoutet. Jetzt bekommt er Lob von unerwarteter Seite.

Vertieft ins eigene Buch: Oskar Freysinger liest eine Passage in seinem Buch über den Fall Luca mit dem Titel «Canines» («Eckzähne»), das er unter dem Pseudonym Janus verfasst hat.

Vertieft ins eigene Buch: Oskar Freysinger liest eine Passage in seinem Buch über den Fall Luca mit dem Titel «Canines» («Eckzähne»), das er unter dem Pseudonym Janus verfasst hat. Bild: Screenshot SRF Rundschau

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Im Infomagazin «Rundschau» des Schweizer Fernsehens vom Mittwoch bestätigt der SVP-Politiker Oskar Freysinger, dass er der Autor eines Buches zum Fall Luca Mongelli (siehe Infobox) ist. Im Roman «Canines» («Eckzähne») geht er mit der Walliser Justiz hart ins Gericht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Das Buch hat er drei Jahre vor seinem Amtsantritt als Sicherheitsdirektor geschrieben. Jetzt bekommt er sogar von links Applaus.

Die Präsidentin der SP Oberwallis, Grossrätin Doris Schmidhalter-Näfen: «Es kommt sehr selten vor, dass ich mit Herrn Freysinger einig bin, aber hier hat wohl ein blindes Huhn einmal ein Korn gefunden.» Sie freue sich, dass er sich für eine gute Sache verwendet, und hofft, «dass Luca Mongelli Gerechtigkeit widerfährt».

«Nicht so sympathisch»

Weil das justizkritische Buch schon drei Jahre vor Freysingers Amtsantritt als Sicherheitsdirektor erschienen ist, ergebe sich kein Konflikt mit seinem jetzigen Amt, sagt Anton Andenmatten, Vorstand der Oberwalliser CVP-Kantonalpartei. Etwas anderes stört den christdemokratischen Politiker: «Dass er das Buch unter einem Pseudonym geschrieben hat, finde ich nicht so sympathisch.» Der Roman ist unter dem Pseudonym Janus, dem doppelköpfigen römischen Gott des Anfangs und des Endes, erschienen. «Er hätte sich mit seinem Namen hinstellen sollen.»

Freysinger hat 2010 zusammen mit der Familie Mongelli und dem Verleger entschieden, das Buch anonym zu schreiben, «um nicht mit seinem bekannten Namen die Wahrheitsfindung zu erschweren». Im Buch kommen die Ermittler schlecht weg. Andenmatten legt deshalb auch Wert auf die Feststellung, dass die Walliser Justiz sich «sonst eines sehr guten Rufs erfreut», aber dass im Fall Luca Mongelli wohl «teilweise unsauber gearbeitet worden sei».

«Täterschaft im Walliser Establishment»

Unter den Lesern von Tagesanzeiger.ch/Newsnet kommt Freysingers Kampf für Gerechtigkeit im Fall Luca Mongelli gut an. Weniger gut kommen die Walliser Ermittler weg: «Ich frage mich, ob die Walliser Behörden ernsthaft glauben, dass der eigene Hund Luca zuerst ausgezogen und dann zum Invaliden gekratzt haben soll», schreibt Daniel Probst. Viele vermuten, dass die Täter Zöglinge von mächtigen Wallisern sind: «Dass Freysinger hier an die Öffentlichkeit gelangt ist, obschon die Täterschaft im Walliser Establishment anzusiedeln ist, verdient Respekt», schreibt Kurt Müller.

Leser Erwin Enz macht allerdings nicht viel Mut: «Der bisherige Staatsanwalt hat doch wohl kein Interesse, seine eigenen Fehler oder die seiner Parteikollegen aufzudecken, deshalb müsste dieser Fall ausserhalb des Kantons VS gelöst werden.» Heinz Schmid drückt stellvertretend für viele Leser die Daumen: «Ich wünsch dem Oskar Freysinger bei der Mission ‹Luca und Staatsanwaltschaft› alles Gute und viel Erfolg. Meine Unterstützung hat er!»

Versagen der Behörden unerträglich

Leser Marcel Senn wird aus dem SVP-Mann nicht schlau: «Freysinger ist wirklich der schillerndste, aber auch der kontroverseste Politiker der SVP. Dieses Engagement in seinem Roman für Luca oder sein Buch über die Rettung der Bienen finde ich bemerkenswert. Der gleiche Freysinger hängt aber auch eine Reichskriegsflagge auf, hält Reden vor Rechtsnationalen in ganz Europa und komponiert schlüpfrige Lieder. Eine erfrischend spannende Person!»

Freysinger erklärte im «Rundschau»-Interview seine Beweggründe, das Buch zu verfassen: «Ich ertrug die Ungerechtigkeit nicht, die hier geschehen ist. Je mehr ich das Dossier gelesen habe, umso mehr dachte ich mir, das kann doch nicht möglich sein.» Das mutmassliche Versagen der Walliser Behörden schreibt er einem «Apparatschik» zu, der seine Arbeit als Ermittler nicht korrekt macht. Die Staatsanwaltschaft Wallis hat den Fall Luca Mongelli noch nicht abgeschlossen. In diesen Tagen finden Befragungen statt. Weitere Informationen würden erst nach Abschluss der Ermittlungen gegeben.

Erstellt: 06.06.2013, 16:04 Uhr

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