Freysinger kritisiert eigene Partei

Der SVP-Nationalrat und Deutschlehrer Oskar Freysinger ist nicht einverstanden mit dem Lehrplan seiner eigenen Partei. Er fordert einen frühen Fremdsprachenunterricht und hält wenig von der Förderung der Mundart.

Englischunterricht in der 2. Klasse ist für die SVP viel zu früh, für Oskar Freysinger dagegen eher zu spät.

Englischunterricht in der 2. Klasse ist für die SVP viel zu früh, für Oskar Freysinger dagegen eher zu spät. Bild: Sophie Stieger

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Im Wahljahr 2011 will die SVP mit ihren umstrittenen Forderungen zur Bildungspolitik auf Wählerfang gehen. Die Partei hat in den letzten Monaten einen eigenen Lehrplan ausgearbeitet und verlangt darin eine Rückbesinnung auf alte pädagogische Werte wie Drill, Frontalunterricht und die Schnürlischrift. Den frühen Fremdsprachenunterricht will sie abschaffen und dafür die Mundart an der Schule fördern. Mit diesen radikalen Ideen stösst die SVP nun aber auch parteiintern auf Widerstand. Zum Beispiel bei ihrem Walliser Nationalrat und Deutschlehrer Oskar Freysinger.

Herr Freysinger, was halten Sievon der Forderung im SVP-Lehrplan, die Hochsprache konsequent aus dem Kindergarten zu verbannen?
Ich habe als Junge im Kindergarten nur Dialekt gesprochen und schreibe heute problemlos Romane und Theaterstücke. Wir sollten unsere deutsche Mundart nicht aufgeben, so wie es die Welschen mit ihrem Patois gemacht haben. Trotzdem ist es wichtig, dass wir bereits im Kindergarten die Kinder ein wenig auf die hochdeutsche Sprache sensibilisieren. Später fällt es ihnen dann leichter, die Hochsprache richtig gut zu lernen.

Ihre Partei will, dass auch in der Primarschule die Mundart gezielt gefördert wird. Ergibt das Sinn?
Nein, da bin ich vollkommen dagegen. Es braucht gar keine Förderung für die Mundart in der Primarschule, da sie keine schriftliche Sprache ist und weder genaue grammatikalische Regeln noch eine klare Rechtschreibung kennt. In der Primarschule sollten die Kinder konsequent Hochdeutsch sprechen.

Wie halten Sie es mit den Fremdsprachen? Die SVP will sie erstin der Oberstufe lehren.
Das ist ein regelrechter Stein des Anstosses. Es ist erwiesen, dass der Erwerb von fremden Sprachen den kleinen Kindern am einfachsten fällt. Am besten wäre es, wenn wir Kinder schon im Kindergartenalter mit verschiedenen Sprachen konfrontieren würden. Gewisse private Institutionen machen das und sind sehr erfolgreich. In der Oberstufe ist das Erlernen von Fremdsprachen viel problematischer. Ich bin der Meinung, dass wir viel Gewicht auf Fremdsprachen im frühsten Kindesalter legen und dafür mehr Geld bereitstellen müssen. Fremdsprachen sind enorm wichtig in der Berufswelt und öffnen den Blick für die persönliche Welterfahrung.

Wie beurteilen Sie die heutige kantonale Fremdsprachenregelung?
Es gibt heute viel Unsinn. Einige Kantone beginnen zwei Jahre früher mit Englisch als mit Französisch – und erwarten dann, dass die Kinder am Ende der Schulzeit gleich gut Französisch und Englisch sprechen. Dabei ist Französisch klar die schwierigere Sprache. Eine solche Schnellbleiche bringt nichts.

Die SVP will zurück zur Schnürlischrift.
Das ist doch keine Priorität. Ausser man will die Kinder dadurch erziehen, sauber zu arbeiten. Heute schreiben die meisten Menschen mit einem Computer. Die Handschrift dient nur noch für Notizen oder persönliche Briefe.

Ihre Partei hält wenig von Gruppenarbeit und individuellem Lernen. Finden es auch Sie richtig, nur auf Frontalunterricht zu setzen?
Der Frontalunterricht war lange verpönt. Ein guter Lehrer kann damit aber viel erreichen. Nur bei Langweilern funktioniert es nicht. Trotzdem bieten auch Gruppenarbeiten und individuelles Lernen gewisse Vorteile. Das Problem ist, dass die Klassen heute oft zu gross sind. Mit 15 Schülerinnen und Schülern können Sie intensiv auf Gruppenarbeiten setzen, mit 25 hingegen nicht. Ich bin dafür, dass ein Lehrer zu zwei Dritteln frontal unterrichtet. Das andere Drittel soll für andere Formen offenstehen.

Die SVP verlangt auch, dass pro Primarklasse nur ein Lehrer und nicht mehrere Personen mit Teilzeitpensen unterrichten. Gibt es genügend Personal, um dieses Postulat umzusetzen?
Das Anliegen ist richtig, und in einer idealen Welt gäbe es pro Klasse nur einen Lehrer. In Zeiten des Lehrermangels müssen viele Schulen aber schlicht froh sein, wenn sie die Stellen besetzen können. Viele Lehrerinnen haben eine Familie und können nur Teilzeit arbeiten. So ist das heute. Ich finde, dass zwei Lehrer für eine Primarklasse kein Problem darstellen. Ab vier bis fünf wird es aber problematisch.

Wirtschaftsbranchenverbände sollen nach dem Willen der SVP künftig entscheiden, was die Lehrer unterrichten. Die Schülerinnen und Schüler würden so besser auf die Arbeit vorbereitet.
Mit dieser Forderung bin ich auf Primarschulniveau nicht einverstanden. Die Schule muss ein Raum ausserhalb von aktuellen gesellschaftlichen Strömungen bleiben. Sonst hinken wir nur noch kurzfristigen Trends hinterher. Das machen wir bereits heute: Alle möglichen Anliegen kommen in den Lehrplan und lenken vom Wesentlichen ab. Ich habe auch viel Respekt vor dem sogenannt Nutzlosen: Es ist wichtig, dass wir Kindern einen Zugang zu Poesie oder Kunst ermöglichen. Ein Gedicht schreiben hilft vielleicht nicht bei der Stellensuche, aber es erhöht die Lebensqualität eines Menschen. In der dritten Sek und in der Berufsschule macht die Forderung der SVP eher Sinn.

Die Verzahnung von Schule und Wirtschaft soll laut der SVP so weit gehen, dass Lehrlinge künftig je nach Noten einen Leistungslohn erhalten.
Dieses Konzept funktioniert nur dann, wenn wir nicht einfach für die Noten einen gewissen Lohn geben, sondern auch individuelle Fortschritte berücksichtigen. Nur so können wir garantieren, dass sich auch schwächere Schüler anstrengen und positive Lernerlebnisse machen können.

Was würde sich in den Schulen ändern, wenn die Schweiz den SVP-Lehrplan ohne Änderungen einführen würde?
Schlimmer als heute kann es nicht mehr werden. Aber im Ernst: Die Schulen würden sich stärker auf die Grundkenntnisse fokussieren und sich weniger in sekundären Anliegen verlieren. Das Wichtigste ist allerdings: Der SVP-Lehrplan löst endlich eine Debatte aus. Wir müssen ihn gar nicht eins zu eins umsetzen. Aber er kann wichtige Inputs geben für die Erarbeitung neuer Lehrpläne.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.01.2011, 21:37 Uhr

Oskar Freysinger (50) ist Walliser SVP-Nationalrat und Gymnasiallehrer.

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