Fünf Untersuchungen, die mehr schaden als nützen

Diagnose Überbehandlung: Eine Schweizerische Ärztegesellschaft setzt fünf häufige Untersuchungen und Behandlungen auf eine schwarze Liste. Diese seien meist wirkungslos oder risikobehaftet.

Computertomografien bei unspezifischen Rückenschmerzen gehören zu den häufigen Methoden. Foto: Stefan Thomas Kröger (Laif)

Computertomografien bei unspezifischen Rückenschmerzen gehören zu den häufigen Methoden. Foto: Stefan Thomas Kröger (Laif)

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Schweizer Ärzte verschreiben regelmässig Behandlungen oder ordnen Untersuchungen an, die für den Patienten keinen messbaren Nutzen haben oder gar ein Risiko bergen. Zu diesem Schluss ist die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGIM) gekommen und hat fünf zweifelhafte Methoden in einer Liste zusammengefasst. Diese ist der Kern einer Kampagne, die am Donnerstag unter dem Titel «Smart Medicine» am European and Swiss Congress of Internal Medicine in Genf präsentiert wurde.

Ein konkretes Beispiel: Laut einer britischen Studie werden 60 Prozent aller Antibiotika wegen Atemwegsinfekten verschrieben. Allerdings ist bekannt, dass die Mehrzahl dieser Infekte viralen Ursprungs ist – in all diesen Fällen sind Antibiotika anerkanntermassen wirkungslos. Zweites Beispiel: Vor Operationen wird meist ein Thorax-Röntgenbild angefertigt – Zehntausende Menschen werden deshalb geröntgt. Doch nur bei 2 Prozent ändert die Massnahme etwas an der folgenden medizinischen Versorgung.

Trotz Zweifeln alltäglich

Eine der treibenden Kräfte hinter der sogenannten Top-5-Liste ist der SGIM-Präsident Jean-Michel Gaspoz. In der «Schweizerischen Ärztezeitung» schreibt er, dass es sich bei allen genannten Interventionen um Massnahmen handle, «die es zu vermeiden gilt». Abgesehen vom fehlenden Nutzen können die Massnahmen irrtümlicherweise auch zu ­Zusatzuntersuchungen oder Eingriffen führen, die wiederum unerwünschte Nebenwirkungen haben können.

Um der Problematik der Überbehandlung zu begegnen, stellte die SGIM zunächst eine Vorauswahl von 50 zweifelhaften Untersuchungen zusammen. Anschliessend nahmen 35 Experten eine Beurteilung vor. Die Top-5-Liste repräsentiert jene Tests und Therapien, die besonders häufig verordnet werden. Dabei handelt es sich bei allen um Verfahren, deren mangelhafte Wirksamkeit durch nationale und internationale Studien belegt ist. Trotzdem werden mehrere dieser Methoden heute häufiger angewendet als früher. Eine Studie aus dem Kanton Genf etwa zeigt, dass der Konsum von sogenannten Protonenpumpenblockern innert acht Jahren um das Fünffache zugenommen hat. Exakte Zahlen über den Umfang der Tests und Therapien hat die SGIM nicht erhoben. Ebenso wenig ist bekannt, wie viel sie die Prämienzahler gekostet haben.

«Smart Medicine» ist das schweizerische Pendant zur Initiative «Choosing Wisely», die 2012 in den USA ins Leben gerufen wurde. Im selben Jahr forderte die Schweizerische Akademie für Medizinische Wissenschaften (SAMW) in einem Positionspapier, dass sämtliche medizinischen Fachgesellschaften ebenfalls Listen von Interventionen erstellen sollten, von denen abgeraten wird. Für SAMW-Präsident Peter Meier-Abt verfolgt «Smart Medicine» primär das Ziel, «die Medizin evidenzbasierter zu machen, damit sie dem Patienten einen grösseren Nutzen bringt». Es geht weniger darum, Geld zu sparen.

Intuition statt Evidenz

Es sei bekannt, dass rund 50 Prozent der Behandlungen nicht auf Evidenz basierten, sondern auf der Intuition des behandelnden Arztes, sagt der SAMW-Präsident. «Darunter gibt es Massnahmen, die zu einem üblichen Vorgehen geworden sind, obwohl sie wirkungslos sind. Das müssen wir kritisch hinterfragen.» Meier-Abt geht davon aus, dass noch weitere Massnahmen auf die schwarze Liste gesetzt werden. Angesichts des Umstandes, dass nur bei jeder zweiten Behandlung die Wirksamkeit erwiesen sei, «ist die Zahl der Behandlungen, die man infrage stellen kann, gross».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2014, 08:17 Uhr

Bund und Kassen schieben sich die Verantwortung zu

Bei unnützen, riskanten Tests und Therapien sind nicht bloss die betroffenen Patienten Leidtragende, sondern auch die Prämienzahler. Nachdem jetzt die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGIM) eine Liste der verfemten Behandlungsmethoden publiziert hat, hoffen die Krankenkassen auf den Bund: Gesundheitsminister Alain Berset (SP) solle dafür sorgen, dass die überflüssigen Leistungen nicht mehr so leicht über die obligatorische Krankengrundversicherung abgerechnet werden könnten. Die Versicherer entschieden nicht selbst, wofür sie bezahlten, betont Paul Rhyn, Sprecher des Dachverbands Santésuisse: «Es liegt in der Kompetenz des Eidgenössischen Departements des Inneren, Behandlungen mit entsprechenden Limitationen zu versehen.»

Doch das zuständige Bundesamt für Gesundheit (BAG) winkt ab. Die von der SGIM aufgelisteten Leistungen seien je nach Patient und Krankheit angemessen oder auch nicht: Jeden Einzelfall gelte es zu überprüfen. Diese Überprüfung sei «Sache der Krankenversicherer», hält eine Sprecherin des BAG fest. Das Gesundheitsamt versteht die SGIM-Liste als Aufruf an Spitäler und Ärzte, die aufgeführten Methoden «gezielter» einzusetzen. Für die Gremien des Bundes, die über den Leistungskatalog der Krankengrundversicherung entscheiden, ergebe sich kein weiterer Handlungsbedarf.

«Peinliches Schwarzpeterspiel»

Das BAG betreibe ein «peinliches Schwarzpeterspiel», kritisiert Felix Schneuwly vom Krankenkassenvergleichsdienst Comparis. Er findet es unverständlich, dass die Verwaltung nicht reagieren will: «Wenn die Ärzte von sich aus eine solche Liste veröffentlichen, müsste der Bund den Ball unbedingt aufnehmen.» Schneuwly weist darauf hin, dass der Gesetzgeber schon heute bei vielen Behandlungsmethoden festschreibe, unter welchen Voraussetzungen die Versicherer zu zahlen hätten. Eine Magenbandoperation beispielsweise werde nur ab einem bestimmten Body-Mass-Index des Patienten vergütet. «Im aktuellen Fall überlässt es das BAG nun einfach den einzelnen Kassen, wie streng sie das Gesetz auslegen wollen», so Schneuwly.

Nationalrat Toni Bortoluzzi (SVP, ZH) zeigt für die Einwände des BAG zwar ein gewisses Verständnis. Die Kassenpflicht von Behandlungsmethoden anhand allgemeiner, medizinischer Kriterien auf faire Weise einzugrenzen, sei teilweise sehr schwierig. Doch auch Bortoluzzi wäre dafür, dass der Bund jetzt «Klarheit schafft». Für die Versicherungen sei es «mühsam, wenn sie wegen der offenen Regeln jedes Mal über die Kassenpflicht streiten müssen». Bortoluzzi kann sich vorstellen, dass die Untätigkeit des Bundes politisch noch zu reden geben wird. Fabian Renz

(Tages-Anzeiger)

Die Top-5-Liste

Was mehr schadet als nützt

Computertomografie oder Magnetresonanztomografie in den ersten sechs Wochen bei Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen.

Prostatakrebs-Screening (PSA-Screening), ohne den Patienten über Risiko und Nutzen aufgeklärt zu haben.

Verschreiben von Antibiotika gegen unkomplizierte Infekte der oberen Luftwege mit viralem Ursprung.

Durchführen eines präoperativen Thorax-Röntgenbildes, ausser bei Verdacht auf eine intrathorakale Pathologie.

Weiterführen einer medikamentösen Langzeitbehandlung bei Magen-Darm-Problemen mit Protonenpumpenblockern ohne Reduktion auf die tiefste wirksame Dosis.

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