Für Nichtraucher sind Gefängnisse «die Hölle»

Im Kanton Bern herrscht überall Rauchverbot – ausser im Gefängnis. Die Nichtraucher leiden.

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Reinhard Hunzinger ist 43 Jahre alt, Nichtraucher, fährt leidenschaftlich gern Rennvelo – und kürzlich war er Gefängnisinsasse. Weil er die 4400 Franken Busse für ein Verkehrsdelikt nicht zahlte, sass er 44 Tage im Regional­gefängnis Biel.

Dass der Gefängnisaufenthalt keine Ferien sein würden, war Reinhard Hunzinger klar. Dass er, wie er sagt, «in eine Raucherhölle» geraten und 23 Stunden am Tag von Zigarettenrauch eingenebelt würde, damit rechnete er jedoch nicht. «Überall wurde ununterbrochen geraucht», erzählt Hunzinger, mittlerweile wieder in Freiheit.

Frische Luft schöpfen konnte er nur während des erlaubten einstündigen Aufenthalts im Spazierhof. Auch dort darf geraucht werden. Doch als Hunzinger im Freien statt einer Zigarette einen Apfel auspackte und essen wollte, wurde ihm dieser abgenommen. Die Begründung: wegen der Abfälle, die liegen bleiben.

Noch mehr getroffen hat ihn das Reglement des Gefängniskiosks: Von den angebotenen Artikeln dürfen die Gefangenen je maximal drei Stück pro Woche kaufen. Einzige Ausnahme sind die Zigaretten: Diese dürfen die Gefangenen unbeschränkt erwerben.

Das geht Hunzinger nicht in den Kopf: Rauchen ist jederzeit erlaubt, Essen jedoch stark reglementiert. Er isst gerne abends Schokolade. «Erlaubt waren mir aber nur drei Tafeln pro Woche. Ich wurde als Nichtraucher von A bis Z benachteiligt.»

«Entzug macht aggressiv»

In der Tat sind die Berner Gefängnisse beim Rauchen sehr grosszügig. Die Gefängnisdirektoren entscheiden, wo geraucht werden darf. Ein absolutes Rauchverbot gibt es ausser in den Spitalgefängnissen jedoch nirgends. In der Regel ist Rauchen in den Zellen und im Spazierhof erlaubt.

Das hat einen Grund: Rauchen beruhigt. Und weil in den Berner Gefängnissen 80 bis 90 Prozent der Gefangenen Raucher sind, wäre es den Verantwortlichen zu riskant, ein Rauchverbot durchsetzen zu müssen.

Marcel Klee, Direktor des Regionalgefängnisses Burgdorf, sagt: «Würde man das Rauchen verbieten, hätte das teure Folgen. Die Gefangenen würden Mobiliar demolieren. Denn der plötzliche Nikotinentzug macht aggressiv.» Wer kein Geld hat, erhält in den Berner Gefängnissen sechs Gratiszigaretten pro Tag. «Das sichert den ­sozialen Frieden», sagt Ulrich Kräuchi, Direktor des Regionalgefängnisses Thun.

«Der Spielraum ist gering»

Das Nachsehen hat die kleine Minderheit der Nichtraucher. Denn für spezielle Nichtraucherzellen hat es in keinem der fünf Berner Regionalgefängnisse Platz. Einzige Ausnahme ist die Bewachungsstation am Inselspital. Dort herrscht in allen Räumen ein striktes Rauchverbot. Rund die Hälfte der Raucher erhalten dort aber auf Verordnung des Arztes einen Nikotinersatz.

In den anderen Gefängnissen wird zwar darauf geachtet, Nichtraucher nicht mit Rauchern in der gleichen Zelle unterzubringen. «Doch es gibt so viele andere Auflagen für die gesonderte Unterbringung von Häftlingen, dass der Spielraum sehr gering ist», erklärt Marcel Klee.

So dürfen Gefangene, die am selben ­Delikt beteiligt waren, nicht in derselben Zelle wohnen. Jugendliche müssen von Erwachsenen getrennt werden. Und je nach Nationalität und Haftart müssen die Gefangenen ebenfalls separat untergebracht werden.

«Es wäre schön, wenn wir reine Nichtraucherzellen anbieten könnten. Aber die anderen Vorgaben haben Vorrang. Wegen der vielen Wechsel müssen wir jede Zelle nach dem jeweiligen Bedarf einsetzen können. Deshalb gibt es im Gefängnis nicht wie im ­Hotel garantierte Nichtraucherzimmer», erklärt Monika Kummer, Direktorin des Regionalgefängnisses in Bern.

Doch völlig im Stich lassen die Berner Gefängnisse die Nichtraucher nicht: Als Reinhard Hunzinger die Hälfte seiner Busse abgesessen hatte, beklagte er sich bei den Behörden in Bern, worauf er ins Regionalgefängnis Burgdorf verlegt wurde. Dort erhielt er eine Nichtraucherzelle zugeteilt.

E-Zigaretten in England

Mit ihrem grosszügigen Umgang mit rauchenden Häftlingen steht die Schweiz nicht allein da. Auch andere Länder nehmen Gefängnisse vom Rauchverbot aus. Mit einer Ausnahme: Seit Anfang Jahr darf in englischen Haftanstalten nicht mehr geraucht werden. Allerdings gilt das Verbot nur für Tabak. Damit es keine Aufstände gibt, erhalten die Raucher elektronische Zigaretten und werden beim Entzug unterstützt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2016, 09:20 Uhr

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Bussen-Absitzer sind anspruchsvoll und teuer

Es kommt immer wieder vor, dass Verurteilte lieber einige Tage ins Gefängnis gehen, als eine Busse zu zahlen. Kürzlich sass auch der Burgdorfer Heinz Schär eine 100-Franken-Busse mit einem Tag im Gefängnis ab. Das Essen fand er nicht schlecht. Was ihn aber störte, war, dass die Mithäftlinge in der Dreierzelle geraucht haben.

Sind Gefangene, die eine Busse absitzen, statt sie zu zahlen, anspruchsvoller? Dazu sagt Monika Kummer, die Direktorin des Regionalgefängnisses in Bern: «Personen, die sich weigern, eine Busse zu zahlen und diese lieber mit einzelnen Tagen im Gefängnis absitzen, unterscheiden sich in der Tat von anderen Gefangenen. Sie sind häufig gut informiert über ihre Rechte und versuchen bewusst, das System auszureizen.»

Dass Verurteilte geringe Geldstrafen mit einem Kürzestaufenthalt im Gefängnis absitzen, ist für den Kanton aufwendig und teuer: Wer beispielsweise eine Busse von 200 Franken nicht zahlen will und dafür zwei Tage ins Gefängnis geht, kostet den Kanton neben dem entgangenen Bussgeld noch mindestens 300 Franken für den Aufenthalt.em

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