Für Temposünder gibt es bald keine Schlupflöcher mehr

Die Radartechnik auf den Strassen wird immer raffinierter. Wer zu schnell fährt, kommt kaum mehr ungeschoren davon.

Die neue Superfalle: So soll Tempobolzern das Handwerk gelegt werden.

Die neue Superfalle: So soll Tempobolzern das Handwerk gelegt werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch ein Monat, und der Testradar im Arisdorftunnel Richtung Süden auf der A 2 in Baselland geht in Betrieb. Mit der neuen Technologie messen die Radargeräte nicht mehr die Geschwindigkeit eines Autos an einem bestimmten Punkt. Sie erfassen zu Beginn einer 1,8 Kilometer langen Strecke die Nummernschilder. Beim Ausfahrtsportal nehmen die Kameras ein zweites Bild auf, und der Computer in der Tunnelzentrale errechnet die Durchschnittsgeschwindigkeit. Ist diese zu hoch, werden die Temposünder gebüsst (siehe Grafik unten).

Das Bundesamt für Strassen (Astra) will diese «Sektionskontrolle» auch zwischen Aigle und Bex VD und bei Baustellen testen. In Italien, Österreich und Holland haben sich die schweren Unfälle auf solchen Strecken nahezu halbiert. Gleichzeitig bleibe das abrupte Abbremsen mit «Handorgeleffekt» vor den Radarkästen aus, sagt Sprecher Thomas Rohrbach. Die Geräte könnten auch gesuchte Fahrzeuge und Vignettensünder erspähen. Vorerst will das Astra mit dem 1,6 Millionen Franken teuren Versuch klären, ob sich die Technik für die kleinräumige Schweiz eignet.

Keine Chance für Raser

Radarfallen auszutricksen, wird wegen solcher Innovationen immer schwieriger. In den 60er-Jahren reichten warnendes Lichthupen und Abbremszeichen aus dem Fenster. Dann kam die Funkvernetzung mit dem Citizens-BandRadio in den 70ern. Heute warnen vor Radars aktuelle Standortverzeichnisse im Internet, elektronische Sensoren im Auto, Pager-Systeme, SMS-Alarm-Klubs und iPhone-Apps – auch wenn solche technischen Hilfsmittel seit 30 Jahren verboten sind.

Doch die Gesetzeshüter haben die Nase in diesem Räuber-und-Poli-Spiel gegenüber den Tempobolzern vorn; und und zwar nicht erst, seit sie ihre Radargeräte wie in Schwyz in einem Grüngutcontainer oder wie in Obwalden in einem Abbruchhaus versteckten. Die neuste Generation von Überwachungsgeräten ist unüberwindbar: Im Boden eingelassene Induktionsschwellen und nicht «vorhersehbare» Lasergeräte mit 1000 Meter Reichweite lassen den Uneinsichtigen keine andere Wahl, als den Gasfuss zu entspannen.

Wettern gegen «Abzockerei»

Die neuste Entwicklung des Schweizer Marktleaders für Radargeräte, der Multanova in Uster, wird zurzeit in Genf getestet und ist gemäss der «SonntagsZeitung» bald für den Ernstfall bereit: eine 75 000 Franken teure Anlage, die den Verkehr auf Kreuzungen mit vierspurigen Strassen mit hieb- und stichfesten Beweisbildern zu überwachen vermag. Der Tracking-Radar hält mit Sequenzenfotos ganze Verkehrssituationen fest. Er kann 22 Fahrzeuge aufs Mal erfassen und registriert ab 2011 nicht nur Geschwindigkeitsübertretungen und die Missachtung von Rotlichtern.

Das Gerät hält auch fest, wer ein Stoppsignal oder eine Sicherheitslinie überfährt, wer ein Abbiegeverbot missachtet oder in eine Einbahnstrasse fährt. Zudem misst es den Abstand zwischen zwei Fahrzeugen und registriert Überholmanöver.

Kontrollgegner wie die Radar-InfoZentrale oder der Baselbieter FDP-Landrat Patrick Schäfli fürchten den totalen Überwachungsstaat und wettern gegen die «Abzockerei» des Staates auf Strassen. Für Multanova-Chef Stefan Guggisberg, der seinen Profitvorteil nicht abstreitet, macht der Ausbau der Kontrollen aber auch aus Sicherheitsgründen Sinn. Verkehrsminister Moritz Leuenberger habe sich hinter jeder Hausecke einen Radarkasten gewünscht. Er habe diesen Wunsch zwar im übertragenen Sinn geäussert – aber durchaus zu Recht, wie Guggisberg sagt: «Je mehr Radargeräte es gibt und je weniger die Autofahrer wissen, wo sie stehen, desto wirksamer. Dann haben sie dauernd das Gefühl, anständig fahren zu müssen.» Er kann sich gut vorstellen, dass Abschnittskontrollen dereinst auch kleinräumig in Dörfern eingesetzt werden.

Erstellt: 03.08.2010, 07:37 Uhr

Verkehrskontrollen

Klagen aus Deutschland

Dass die Schweiz in Sachen Radarfallen aufrüstet, hat sich auch im Ausland herumgesprochen, speziell in Deutschland. Ein deutsches Online-Reisebüro hat den Eidgenossen kürzlich gar vorgeworfen, der «Abkassiermeister der deutschen Autofahrer» zu sein. Der Grund liegt bei den vielen Bussen, die sich deutsche Autofahrer hierzulande wegen Tempo-, Park- und anderen Verkehrssünden einhandeln, – und die nach deutschem Empfinden zu schnell zu hoch ausfallen: «Wer nur 20 km/h auf der Autobahn zu schnell fährt, dem werden rund 200 Euro aufgebrummt», klagte der Pressesprecher von Ab-in-den-Urlaub.de. Es solle auch vorkommen, dass Polizisten Deutsche direkt zur nächsten Bank bitten, um das Geld an Ort und Stelle einzukassieren.

Tatsächlich gehen den kantonalen Polizeikorps jede Woche zwischen 4000 und 7000 mutmassliche deutsche Verkehrssünder ins Netz. So häufig jedenfalls fragen sie beim Bundesamt für Strassen nach den Namen und Adressen von erwischten Autofahrern. Bei einer geschätzten Bussenhöhe von durchschnittlich 80 Franken bringt dies pro Jahr immerhin Einnahmen zwischen 16 und 30 Millionen Franken ein – vorausgesetzt, die Gebüssten zahlen auch. Zumindest nach Erfahrung der Zürcher Stadtpolizei ist dies indes bei den Deutschen meist der Fall. «Ihre Zahlungsmoral ist hoch», heisst es.

Artikel zum Thema

Auch Nagelbrett kann Raser nicht stoppen

Eine wilde Verfolgungsjagd führte teils mit Tempo 200 quer durch den Kanton Aargau. Mehr...

Raser muss fünfjährige Strafe absitzen

Ein junger Berner Autolenker, durch dessen Schuld 2006 zwei junge Frauen starben, blitzte vor dem Bundesgericht ab. Mehr...

Das hat Autobahn-Raser Hamilton zu befürchten

Lewis Hamilton hat damit geprahlt, durch die Schweiz gerast zu sein – und Road Cross Anzeige erstattet. Auch gegen Lindsay Vonn ist die Schweizer Strasseopferstiftung vorgegangen. Mehr...

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...