Interview

«Für die Jungen sind das Trophäen»

Heute lanciert Pro Juventute eine Kampagne gegen Sexting und Cyber-Mobbing. Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet spricht Psychologe Urs Kiener über Liebesbeweise und mögliche «furchtbare Konsequenzen».

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Die Pro Juventute lanciert heute eine nationale Aufklärungskampagne zum Thema Sexting − dem Versenden intimer Fotos und Filme per SMS oder Internet. Warum braucht es sie?
Wir beraten und informieren über die Notrufnummer 147 rund 450 Kinder und Jugendliche täglich. Sprach vor ein paar Jahren noch kein einziger von Sexting, möchte mittlerweile einer pro Tag genau darüber reden. Das Problem nimmt also zu − und kaum einer weiss, wie er damit umgehen soll. Dazu kommt: Zwar handelt es sich bei Sexting nicht um ein Massenphänomen. Doch wenn ein Jugendlicher von einem solchen Vorfall betroffen ist, können die Konsequenzen furchtbar sein.

Inwiefern furchtbar?
Die Hauptproblematik ist die Verletzung der Privatsphäre. Eine solche Nacktaufnahme wird häufig von einem jungen Mädchen auf Aufforderung ihres Freundes gemacht − als eine Art Liebesbeweis. Wenn die Liebe, wie oft bei Jugendlichen, nicht ewig hält, veröffentlicht der Junge das Bild, indem er es an seine Kollegen schickt, vielleicht aus Frustration, vielleicht aus Blödsinn oder weil er damit bluffen will. Weiss plötzlich die ganze Schule von dem Bild, löst das bei der jungen Frau unglaubliche Ohnmachtsgefühle aus.

Was passiert in dieser Situation mit ihr?
Man tuschelt über sie, sie wird gehänselt und − nicht zuletzt von anderen Mädchen − als Schlampe bezeichnet. Im schlimmsten Fall kann das bis zu einem Schulwechsel führen, weil die Betroffene vor lauter Schamgefühlen nicht mehr mit der Situation klarkommt.

Sie sprechen von Liebesbeweis. Was sind andere Gründe, warum Jugendliche solche Bilder von sich verschicken?
Häufig steht Gruppendruck dahinter. Dieser äussert sich bei Jungen und Mädchen unterschiedlich: Für die Jungen sind Nacktbilder Trophäen, mit denen sie auf dem Schulhof angeben und sich eine bessere Position verschaffen. Je mehr Bilder ein Junge besitzt, desto höher ist sein Prestige. Die Mädchen wiederum glauben, dass sie mit solchen Bildern ihre Attraktivität steigern. Bei ihnen ist es umgekehrt: je mehr Bilder von ihnen öffentlich werden, desto schlimmer wird ihr Ruf.

Die heutigen Jugendlichen wachsen mit den neuen Medien auf. Sind sie sich der Risiken, die sie eingehen, denn nicht bewusst?
Die meisten Jugendlichen haben das Gefühl, genau zu wissen, wie sie ihre Privatsphäre im Internet schützen müssen. Tatsächlich ist die Technik undurchsichtiger, als sie meinen. Bei Facebook etwa wechseln die Sicherheitseinstellungen alle paar Monate. Sowieso hapert es bei der Umsetzung: Die Jugendlichen wissen zwar um die Wichtigkeit des Schutzes der Privatsphäre, handeln aber oft nicht danach. Sie denken die Konsequenzen nicht mit.

Was ist Ihre Erklärung dafür?
Die Bilder werden oft in einem romantischen Empfinden aufgenommen, das mehr mit der analogen als mit der digitalen Welt zu tun hat. Man rechnet schlicht nicht damit, dass das Vertrauen einer intimen Beziehung derart missbraucht wird. Auch das will unsere Kampagne aufzeigen: Die moderne Technologie hat von unserem Leben vollständig Besitz ergriffen. Wir müssen uns klar werden, dass daraus Konsequenzen resultieren, die wir nicht geplant haben.

Den Austausch unter Gleichaltrigen gab es doch schon immer. Verrückte Dinge im Teenageralter auch. Könnte man das Sexting nicht einfach unter jugendlichem Übermut abbuchen?
Als Phänomen kann man das durchaus. Was es jedoch dramatisch macht, ist die ungeheure Geschwindigkeit, mit der die neuen Medien das jugendliche Ausprobieren und Ausloten der eigenen Sexualität in die Öffentlichkeit katapultieren. In meiner Jugend kamen die Polaroidkameras auf: Mit ihnen konnte man ebenfalls ganz bestimmte Momente unmittelbar festhalten. Nur gab es weder Negative von diesen Fotos, noch konnten diese mehr als ein paar Kollegen bei einem Treffen gezeigt werden. Das ist ein grosser Unterschied.

Nacktaufnahmen an sich sind also nicht verwerflich?
Nein. Problematisch sind sie nur, weil sie mit Mitteln aufgenommen werden, die die Bilder innert Sekunden ungewollt in die Öffentlichkeit hinauszerren.

Wie können Eltern auf einen Vorfall von Sexting reagieren?
Erzählen ihnen ihre Kinder davon, ist ein grosser und wichtiger Schritt getan. In dieser Situation sollen Eltern ihnen zuhören, statt sie zu verurteilen oder zu bestrafen. Im besten Fall bilden sie eine Art Klagemauer für ihre Kinder. Präventiv können Eltern das Problem des Sexting von sich aus ansprechen. Heute tun sie das leider viel zu wenig, weil sie entweder nichts darüber wissen oder es ihnen peinlich ist.

Wird das Phänomen Ihres Erachtens noch zunehmen?
Es wird massiv zunehmen, da bin ich mir sicher. Bereits heute haben laut der europaweiten Studie «EU Kids Online» 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 8 und 18 Erfahrungen mit Sexting gemacht. Entweder haben sie selbst Nacktbilder von sich verschickt, sie haben diese empfangen oder aber sie werden regelmässig dazu aufgefordert, Bilder von sich zu machen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2013, 06:44 Uhr

Urs Kiener arbeitet als Kinder- und Jugendpsychologe bei Pro Juventute. (Bild: PD)

Das Kampagnenvideo von Pro Juventute.

8 von 10 Schweizer wissen nicht, was Sexting ist

Wissen Sie, was Sexting ist? Wenn Sie diese Frage mit Nein beantworten, geht es Ihnen wie 64 Prozent von 1000 Befragten im Alter zwischen 15 und 74. Auch sie haben keine Ahnung, worum es sich beim Phänomen handelt. Weitere 15 Prozent wissen «nicht so genau, was das ist». Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von Pro Juventute. Sie kommt zum Schluss, dass «dringender Informationsbedarf zu Cyber-Risiken» besteht. Deshalb lanciert die Organisation heute eine nationale Aufklärungskampagne, die Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen sensibilisieren soll.

Mit Sexting – zusammengesetzt aus den Worten «Sex» und «Texting» – ist das Versenden von intimen Fotos und Filmen via SMS oder Internet gemeint. Es birgt für Jugendliche grosse Risiken, etwa dann, wenn erwachsene Unbekannte unter Pseudonymen in Chatrooms Kontakt mit ihnen aufnehmen und sie dann mit ausgetauschten Nacktbildern erpressen.

Eltern sind mit dem Phänomen Sexting häufig überfordert. Wie die Umfrage von Pro Juventute zeigt, wird in den meisten Familien nicht darüber gesprochen (73 Prozent). Jeder Zweite (47 Prozent) weiss nicht, wo er Informationen über Sexting findet. Und jedem Dritten ist nicht bekannt (29 Prozent), dass Sexting auch für die Täter harte Konsequenzen haben kann: So ist das Verbreiten von Material von unter 16-Jährigen, das als pornografisch gilt, strafbar. (sir)

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