«Ganz klar: La Pâquerette braucht es unbedingt»

Selbst langjährige Unterstützer kritisieren das Genfer Zentrum La Pâquerette. Zum Beispiel der ehemalige Genfer Strafrechtsprofessor Christian-Nils Robert: Die Direktorin habe wohl zu viel Macht gehabt.

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Herr Robert, Sie haben als Strafrechtsprofessor das sozialtherapeutische Zentrum La Pâquerette seit der Gründung beobachtet. Zum ersten Mal üben nun auch Sie Kritik an der Institution. Warum?
Ja, ich bin sehr kritisch. Und zwar finde ich die Grundidee, die Straftäter auf die Normalität vorzubereiten, sehr gut. Aber in La Pâquerette wurden offenbar die Regeln nicht eingehalten. Freigänge der Insassen sind nur sicher, wenn Auflagen eingehalten werden.

Ein Gefängnis ist ja in der Regel eine hierarchisch organisierte Institution. Wie konnte so etwas passieren?
Das weiss ich auch nicht. Ich habe viele Fragen. Zum Beispiel möchte ich gerne wissen, ob die getötete Sozialtherapeutin Adeline eine Supervision hatte.

Was bringt eine Supervision?
Alle Therapeuten und Wärter sollten von Supervisoren beaufsichtigt werden. Diese Experten müssen eingreifen, wenn zum Beispiel das Verhältnis zwischen Therapeuten und Insassen zu innig wird. Ein Supervisor hätte auch dafür gesorgt, dass Fabrice A. nach seinem Ausraster gegen eine Sozialtherapeutin im August zumindest vorübergehend aus La Pâquerette entfernt worden wäre. Täter, die Betreuer attackieren, haben in La Pâquerette nichts zu suchen.

Warum nicht? Das ist doch ein Gefängnis.
Aber eben ein besonderes Gefängnis. Die Straftäter sollen auf die Zeit nach der Haft vorbereitet werden. Die Freigänge sind dabei wie ein Test, ob der Straftäter nicht mehr rückfällig wird. Natürlich braucht es Sicherheitsmassnahmen, um die Gesellschaft nicht zu gefährden.

Nun werden die Direktorin des Amts für Strafvollzug und die Direktorin von La Pâquerette für die Fehler verantwortlich gemacht. Trifft es die Richtigen?
Der Verantwortungsbereich der Direktorin von La Pâquerette ist mit den Jahren zu gross geworden. Sie hat wahrscheinlich funktioniert wie ein freies Elektron. Aber wissen Sie, es ist doch immer so: Am Ende müssen die sichtbaren Chefinnen den Kopf hinhalten. Die Verantwortlichen im Genfer Gesundheitsdepartement und dem Universitätsspital kommen ungeschoren davon.

Wird der Fall Adeline auch Folgen für die Straftäter haben? Wird das Konzept der Wiedereingliederung überleben?
Ganz klar: La Pâquerette braucht es unbedingt. Aber ich befürchte, dass die Anzahl der bewilligten Freigänge deutlich sinken wird. Ohne die Freigänge, eigentliche Tests für die Straftäter, ist das Konzept von la Pâquerette nicht mehr dasselbe. Das ist sehr, sehr schade. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2013, 11:06 Uhr

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Christian-Nils Robert ist Honorarprofessor der Universität Genf. Vor seiner Emeritierung war er Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Genf. Er unterrichtete auch zusammen mit Professor Jacques Bernheim, dem Gründer von La Pâquerette. (Bild: Screenshot RTS)

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