Gasspeicher im Grimselfels soll die Schweiz unabhängiger machen

Die Schweizer Gasindustrie plant im Berner Grimselgebiet den Bau von vier riesigen unterirdischen Erdgasspeichern. So wollen die Versorger unabhängiger werden von den Schwankungen beim Gaspreis.

Umleitung beim Spreitengraben: Pipeline-Spezialist bei der Arbeit.

Umleitung beim Spreitengraben: Pipeline-Spezialist bei der Arbeit. Bild: Bruno Petroni

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In der Gasindustrie herrscht derzeit Goldgräberstimmung: Mehrere Schweizer Gasversorger planen den Bau von bis zu vier riesigen Erdgasspeichern im Fels des Grimselmassivs in der Berner Oberländer Gemeinde Innertkirchen. Das Projekt ist so gut wie unbekannt – befindet sich aber schon auf der Zielgeraden. Die geologische Prüfung des Gesteins ist positiv ausgefallen. Auch die Wirtschaftlichkeit ist gegeben, wie Recherchen jetzt zeigen. «Von der Rentabilität her ist das Projekt für die Schweiz interessant», bestätigt René Bautz, Chef des federführenden Gasversorgers Gaznat aus Vevey VD.

Das Baugesuch für vorerst zwei der vier Riesenspeicher könnte bereits Anfang 2013 vorliegen. Es fehlt nur noch die Einwilligung der involvierten Unternehmen: Nebst der Gaznat sind dies die Gasverbund Mittelland (GVM) AG, die Erdgas Ostschweiz (EGO) AG sowie die Erdgas Zentralschweiz (EGZ) AG. Beteiligt ist aber auch der überregionale Verbund Swissgas AG. Die nötigen Mittel würden sich die Partner laut Bautz «sehr wahrscheinlich» auf dem Kapitalmarkt beschaffen. Die exakten Kosten will er indessen noch nicht nennen. Auszugehen ist von einem dreistelligen Millionenbetrag.

Platz für 1000 Autobusse

Wie einzigartig die Pläne für den Felsspeicher sind, zeigt sich an den Dimensionen. Derzeit gibt es in der Schweiz nur kleine Speicher, die nach ein paar Stunden bereits leer sind. Die Speicher im Grimselfels indes könnten selbst monatliche Schwankungen auffangen. Geplant ist, dass eine einzige Kaverne ein Volumen von 120 000 Kubikmetern fassen soll. Darin fänden mehr als 1000 Autobusse Platz. Gespeichert werden könnten so unter hohem Druck rund 28 Millionen Kubikmeter Gas. Damit liessen sich mehr als 31 000 Haushalte während eines Jahres heizen.

Gebaut werden sollen die Riesenspeicher im Gebiet Urweid, oberhalb Innertkirchens in Richtung Guttannen. Die Wahl des Standorts hängt zum einen mit der Beschaffenheit des Gesteins zusammen, das im Grimselgebiet besonders dicht ist und damit einem hohen Druck standhalten kann. Zum andern verläuft die transeuropäische Gasleitung in der Nähe. Die Gasautobahn führt aus dem Norden über den Kanton Bern ins Wallis.

Walliser Standort fällt weg

Ursprünglich hatten die Versorger um Gaznat zwei weitere Standorte für einen Speicher entlang der transeuropäischen Leitung geprüft – einen zusätzlichen im Grimselgebiet sowie einen bei St-Maurice im Wallis. Beide eigneten sich laut Gaznat-Direktor Bautz aber nicht.

Schon seit Jahren ist die Gasindustrie auf der Suche nach einem Standort für einen Grossspeicher. Derzeit sei die Schweiz sehr stark vom Ausland abhängig und müsse sich das Gas über langfristige Verträge oder ausländische Speicher sichern, sagt Direktor Bautz. Mit anderen Worten: Die Schweiz muss stets Gas kaufen, selbst im Winter, wenn die Nachfrage gross und die Preise hoch sind. Ein inländischer Grossspeicher würde es erlauben, im Sommer das Gas günstiger zu kaufen und für den Winter zu speichern.

Schliesslich dürften auch politische Überlegungen eine Rolle spielen: Mit einem grossen Speicher könnte die Schweiz Lieferengpässe von Gas wegen politischer Wirren etwa in Russland einfacher meistern. Dass nun im Zuge der Energiewende selbst der Bundesrat den Bau einiger grosser Gaskraftwerke als Ersatz der Atomenergie ins Auge fasst, befeuert die Pläne der Gasindustrie zusätzlich. «Wenn wir Gaskraftwerke bauen, ist ein grosser Speicher hilfreich», sagt Gaznat-Direktor Bautz. Vor allem wenn ein Kraftwerk kurzfristig hoch- oder runtergefahren werden müsse.

Kann das Gas explodieren?

Trotzdem ist es für die vier Partner noch ein weiter Weg. Nach dem Einreichen des Baugesuchs rechnet Bautz mit einer Verfahrensdauer von bis zu zwei Jahren. Frühester Termin für die Inbetriebnahme ist 2018. Unter anderem ist für das Projekt eine Umweltverträglichkeitsprüfung nötig. Noch offen ist, ob von aussen viel zu sehen sein wird. Laut Bautz wäre es möglich, die Anlagen zur Steuerung der Speicher im Fels zu versenken.

Detailstudien zum Bau des Erdgasspeichers sollen mit dem Energiekonzern GDF Suez aus Frankreich gemacht werden. Das Unternehmen hat auch den weltweit bisher einzigen Gasspeicher dieser Art in Schweden erstellt. Das Prinzip ist an sich simpel: Der Fels wird ausgehöhlt und die unterirdische Kaverne mit Stahl ausgekleidet. Und weil der Speicher bis zu 100 Meter tief im Fels liegt, besteht laut Bautz auch keine Gefahr beispielsweise bei Flugzeugabstürzen. Auch eine Explosion des Gases im Berginnern sei nicht möglich, beteuert der Gaznat-Direktor.

Die Gemeinde wartet ab

Noch offen ist, was mit dem ausgehobenen Felsmaterial passiert – allein beim Bau von zwei Kavernen fallen nicht weniger als 650 000 Tonnen Gestein an. Ein möglicher Abnehmer ist die Betonindustrie. Interesse hat offenbar aber auch die Kraftwerke Oberhasli (KWO) AG, die regionale Energieversorgerin.

Den Behörden von Innertkirchen sind die Pläne bekannt. «Wir haben aber noch nicht abschliessend darüber diskutiert», sagt Gemeindepräsident Walter Brog. Zuerst müssten die Details vorliegen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.11.2012, 14:08 Uhr

Der geplante Erdgasspeicher im Grimselgebiet (Bild: sgb / Quelle: erdgas.ch)

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