Gefährlicher Seitenwechsel

Heikel, wenn Journalisten zu Spin-Doctors für Regierungen werden. Das musste David Cameron schmerzlich erfahren. Seitenwechsler gibt es aber auch in der Schweiz. Einer fiel besonders auf.

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Als der damalige Militärminister Adolf Ogi im Sommer 1996 den Bundeshausjournalisten des Boulevardblatts «Blick», Thomas Suremann, in sein Team holte, war die Verwunderung unter Branchenkennern einigermassen gross. Was man bisher aus dem angelsächsischen Raum kannte, hielt damit auch in der Schweiz Einzug: Erfahrene Journalisten wechseln die Seite und arbeiten fortan für diejenigen, welche sie bis anhin kritisiert hatten.

Suremann bekam den Auftrag, die Politik des EMD im Sinne Ogis zu verkaufen. Konkret: Er sollte dem unbeliebten Nato-Dossier «Partnership for Peace» zu einem besseren Image verhelfen. Das ging nicht ohne Einbezug der Medien. Suremann übernahm damit die klassische Rolle des sogenannten Spin-Doctors.

Der Job des Spin-Doctors ist negativ belastet

Der Spin-Doctor ist in den USA und in Grossbritannien ein seit Jahrzehnten etablierter Job, bei dem es darum geht, im Hintergrund die Fäden zu spinnen, ausgewählte Player mit den richtigen Informationen zu versorgen, um so einem Geschäft den richtigen Dreh zu verleihen. Die Arbeit grenzt an Manipulation, und das ist wohl auch der Grund, warum der Spin-Doctor mit negativen Attributen belegt ist.

Geradezu zum Debakel wurde die Anstellung des früheren Chefredaktors des inzwischen abgeschossenen Boulevardblattes «News of the World», Andy Coulson, für den britischen Premier David Cameron. Statt zum hilfreichen Spin-Doctor entwickelte sich der ehemalige Top-Journalist zur schweren Belastung.

Von so viel Zugängen träumt jeder Top-Journalist

Nicht, dass es Regierungsleuten verboten sein sollte, Vollprofis als PR-Berater anzustellen. Nur, wenn sich höchste Politiker und Medienleute in ein Bett legen, dann kann das fürs gemeine Publikum verdächtig nach Klüngel riechen. Kann ein Journalist, der eben noch die unerlaubten Machenschaften des Spitzenpolitikers aufdeckte, plötzlich sein Freund und Helfer sein? Und das, ohne sein Insiderwissen zum Nachteil der öffentlichen Sache zu verwenden?

«Er kann es», sagt einer, der früher selber vom Journalisten zum Bundesratssprecher wurde, aber nicht beim Namen genannt werden möchte. Allerdings müsse man diesen Wechsel ganz bewusst vollziehen. Denn plötzlich stünden einem grosse Möglichkeiten offen. Man verfüge über Telefonnummern und Kontakte, «von denen jeder Top-Journalist träumt».

Der Klüngel-Vorwurf

Natürlich erreicht die Intensität des Strippenziehens in der Schweiz nicht angelsächsische Dimensionen. Den Typus eines Alastair Campbell, Tony Blairs Infochef und Spin-Doctor, sucht man in der Schweiz vergebens. Campbell hatte gar den Übernamen eines heimlichen Vize-Premiers. Es sei besser, die Finger von Machtspielen zu lassen, sagt der inzwischen nicht mehr als Bundesratssprecher tätige Kommunikationsexperte. Und: Der Schuss könne auch nach hinten losgehen. Schweizerische Zurückhaltung also.

Nichtsdestotrotz gab es auch hierzulande den Vorwurf des Klüngels. «Da beginnt man zu vermauschen und zu vermengen», sagte etwa Alexander Tschäppät damals zum Deal Ogis mit dem «Blick»-Journalisten.

Misstrauen des Volks

Die Wut der Briten gegen Andy Coulson gründet nicht nur darin, dass der frühere Journalist in seinem Redaktionsjob mit unlauteren Methoden gearbeitet hat. Sie schäumt wohl auch darum auf, weil man diesem Seitenwechsel misstraut. Der Journalist – zumal eines Revolverblatts –, der noch vor kurzem den Regierenden auf die Finger schaute, hat plötzlich den Auftrag, Medien und Bürger einzuseifen. Diese Ausgangslage ist praktisch darauf angelegt, schiefzugehen. Und geht es schief, trifft es beide Seiten. Siehe Cameron. Er holte einen vermeintlichen «Kenner der Volksseele» und bekam eine «Zeitbombe».

Erstellt: 12.07.2011, 15:39 Uhr

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