Gehörnte Selbstbestimmer

Was Herr und Frau Schweizer zur Selbstbestimmungsinitiative zu sagen haben könnten.

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Herr Schweizer: Das regt mich auf!

Frau Schweizer: Was?

Herr Schweizer: Das ist mein Land! Da bestimme ich!

Frau Schweizer: Es ist unser Land.

Herr Schweizer: Sag ich ja, unser Land. Und ich lasse nicht zu, dass irgendwelche Fremden bestimmen, was gut und schlecht für uns ist, nein! Ich bestimme das selbst!

Frau Schweizer: Wir.

Herr Schweizer: Sag ich ja, wir.

Frau Schweizer: Aber Schatz, diese fremden Richter, die wollen gar nicht über uns bestimmen, die wollen unsere Rechte schützen.

Herr Schweizer: Schützen? Bestimmt nicht.

Frau Schweizer: Doch, es stimmt.

Herr Schweizer: Ich kann aber selbstbestimmt entscheiden, ob ich geschützt werden möchte oder nicht! Und wir wollen diesen Schutz nicht.

Frau Schweizer: Wer bestimmt das?

Herr Schweizer: Wir selbst.

Frau Schweizer: Aber wenn du selbst etwas bestimmst und ich selbst etwas anderes bestimme: Welche Selbstbestimmung stimmt dann?

Herr Schweizer: Wir wünschen uns ja die selbige Bestimmung.

Frau Schweizer: Bestimmt nicht. Ich will die Selbstbestimmungsinitiative nicht.

Herr Schweizer: Nicht?

Frau Schweizer: Selbstbestimmt nicht.

Herr Schweizer: Jetzt, wo du als Frau auch stimmen darfst, willst du dich fremdbestimmen lassen?

Frau Schweizer: Jetzt, wo die Frau endlich ihre Grundrechte bekommen hat, wäre sie doof, für die Schwächung ebendieser Grundrechte zu stimmen.

Herr Schweizer: Du spinnst.

Frau Schweizer: Und dieselben, die die Selbstbestimmungsinitiative lancierten, hatten beim Ehegesetz 1985 gegen die Selbstbestimmung der Frau gestimmt. Und heute lächelt auf ihren Plakaten eine Frau, die selbstbestimmt abstimmen will. Da stimmt doch etwas nicht.

Herr Schweizer: Ach, wirst schon sehen, die Mehrheit wird für die Selbstbestimmung stimmen.

Frau Schweizer: Und die Minderheit wird dann fremdbestimmt?

Herr Schweizer: Aber die werden ja selbstbestimmt fremdbestimmt, weil wir für die Selbstbestimmungsinitiative gestimmt haben.

Frau Schweizer: Du verstehst mich nicht. Wer schützt deine Rechte, wenn die Mehrheit gegen dich stimmt?

Herr Schweizer: Wenn ich bestimme, muss mich niemand schützen. Der fremde Richter kann mich ja nicht vor mir selbst schützen.

Frau Schweizer: Aber vor denen, die über dich bestimmen.

Herr Schweizer: Aber wenn ich selbst bestimme, bestimmt ja keiner über mich!

Frau Schweizer: Doch, natürlich. Es bestimmen ja auch die Kantone, das Parlament, die Regierung, die Gerichte und Behörden über dich. Wir als Volk bestimmen gar nicht so viel.

Herr Schweizer: Nicht?

Frau Schweizer: Eben nicht. Ganz viele fremde Schweizer bestimmen über dich.

Herr Schweizer: Aber immerhin Schweizer.

Frau Schweizer: Aber das nützt dir nichts, wenn sie was gegen deine Grundrechte bestimmen.

Herr Schweizer: Dann müssen wir also die Parlamente, die Regierungen, die Gerichte und alle fremden Schweizer Richter abschaffen, damit wir selbst bestimmen?

Frau Schweizer: Richtig. Aber dann gäbe es keine Demokratie mehr.

Herr Schweizer: Stimmt.

Frau Schweizer: Komm Schatz, lass uns weiterhin nicht selbst, sondern gemeinsam bestimmen und Nein zur Selbstbestimmungsinitiative stimmen. Und was stimmst du bei der Hornkuhinitiative?

Herr Schweizer: Natürlich stimme ich Ja. Stell dir mal vor, wie furchtbar sich das für die Kuh anfühlen muss. Irgendeine Mehrheit bestimmt über deinen Körper, deine Hörner. Die arme Kuh, die hat ja niemanden, die ihre Grundrechte schützt.

Frau Schweizer: Stimmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2018, 20:11 Uhr

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