Geiz, der Bruder der Gier

Immer mehr Schweizer werden als Fleischschmuggler erwischt – das Fleisch in Deutschland ist billiger. So wie seine Käufer.

Deutsches Fleisch – das Objekt der Begierde vermeintlich schlauer Schweizer.<br />Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Deutsches Fleisch – das Objekt der Begierde vermeintlich schlauer Schweizer.
Foto: Sean Gallup (Getty Images)

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Das muss man sich einmal anhören: Menschen aus einem wohlhabenden Land fahren über die Grenze und kaufen dort billiges Fleisch – und zwar in solchen Mengen, dass sie es bei der Rückfahrt vor den Zöllnern verstecken müssen. Zu Hause werfen sie es dann lachend auf den Grill, lachen über ihr epochales Schnäppchen und über den Nervenkitzel, den sie sich dabei verschafft haben: Sie waren einen Nachmittag lang echte Schmuggler! Fleischpiraten auf Kaperfahrt! Irgendwie cool. Und wenn der Zoll sie doch erwischt, lästern sie vermutlich auf dem ganzen restlichen Heimweg über den biederen Staat, der ihnen immer mehr verbiete.

An die Umstände, die Fleisch billig machen, allem voran eine gänzlich mitleidlose, weil auf Kostenoptimierung ausgerichtete Tierhaltung, denken sie dabei keine Sekunde. Sie denken einzig und allein an ihr Vergnügen und – das vervielfältigt ihren Genuss noch – den erfreulich geringen Preis, den sie dafür bezahlen. Sie wollen alles haben, natürlich sofort, und wenig dafür geben. Am liebsten überhaupt nichts. Sie sind geizig, und sie kommen sich dabei auch noch gut vor. Sie glauben ernsthaft, wer all die Sonderangebote nutze, gehöre einem exklusiven Kreis besonders schlauer Leute an. Das ist letztlich, was ihnen die Werbung verspricht, und zwar wörtlich.

Schonend geschlachtet

Doch zwischen einem besonnenen Umgang mit Geld und der rücksichtslosen Kleinlichkeit, die unsere Kultur zu zerfressen begonnen hat, falls sie nicht schon längst zu einer eigenen geworden ist, besteht ein gewaltiger Unterschied. Denn alles hat seinen Preis, und für die unnatürlich billigen Dinge wird er einfach anderswo bezahlt: Während wir hier jeden Tag viel mehr kaufen, als wir je verbrauchen können, und ständig Dinge ersetzen, die noch fünf oder zehn Jahre lang anstandslos funktioniert hätten, schwitzen und hungern als direkte Konsequenz davon in Entwicklungsländern Massen von Arbeiterinnen und Arbeitern, es werden Urwälder im grossen Stil abgeholzt und die Meere leergefischt, zumindest dort, wo solcherlei noch möglich ist, es werden Böden vergiftet und Millionen von Tieren auf kleinstem Raum ge­halten und schliesslich so schonend wie eben möglich abgeschlachtet.

Von all dem lesen wir dann in den Nachrichten und sind ein bisschen entsetzt. Aber nur ein bisschen. Es fällt uns leicht, diese Probleme zu ignorieren, denn sie spielen sich in weiter Ferne ab, wozu übrigens auch die Küste Siziliens gehört.

Und wenn man bedenkt, wie geschickt wir darin sind, unsere eigenen privaten Nöte zu verdrängen, dann verwundert es nicht weiter, dass die Übel, die unser pathologisches Discount-Shopping auf anderen Kontinenten erzeugt, in unserer Wahrnehmung nichts weiter sind als eine ästhetisch unvorteilhafte Anhäufung von Pixeln.

Vehikel des Niedergangs

Dabei ist gegen den Konsum an sich nichts zu sagen. Der Mensch braucht Kleider und Essen, sein Auto braucht Benzin, und wenn er Bücher und Zeitungen kauft, verschafft er sich Freude und anderen ein Einkommen.

Zu sagen ist allerdings etwas gegen den Konsum jener Façon, wie wir sie betreiben; einen vollständig entfesselten Konsum, der allein deshalb entfesselt wurde, um ein paar wenigen gigantische Profite zu bescheren und allen anderen die bizarre Illusion, daran teilzuhaben.

So ist es doch: Wer sein iPhone 5 gegen ein iPhone 6 austauscht, glaubt, er sei jetzt reich, denn nur reiche Menschen besitzen derart schöne Dinge. Und wenn er dabei einen Handyvertrag unterschreibt, der ihn in zwei Jahren über 3000 Franken kosten wird, ihm aber ermöglicht, das neue Gerät für 249 statt 759 Franken zu kaufen, glaubt er auch noch allen Ernstes, er habe soeben 550 Franken verdient.

Wir haben dem Geiz, der nichts anderes ist als der Bruder der Gier und genau gleich ekelhaft, völlig zu Unrecht ein strahlendes Prestige verliehen. Wir glauben, Geiz sei Erfolg. Eine zivilisatorische Errungenschaft. Dabei ist er im Gegenteil das Vehikel unser aller Niedergangs. Er ist eine Pestilenz, die vor nichts haltmacht. Und längst sind wir ja auch innerlich geizig geworden. Wir missgönnen einander sogar die Liebe und die Freude.

Wir brauchen Mindestpreise

Es müsste für alles Mindestpreise geben. Ein Gegenstück zum Wucherverbot, gekoppelt an knallharte Kriterien bei der Herstellung. Bio-Labels sind ein guter und wichtiger Schritt in diese Richtung, doch es müsste für sämtliche Produkte und Dienstleistungen entsprechende Gütesiegel geben. Ware, die nicht nach fairen, umweltschonenden und tierfreundlichen Bedingungen hergestellt worden ist, dürfte niemals in den Verkauf gelangen. Die Dinge müssten so viel kosten, wie sie nun mal eben kosten, wenn sie so entstehen, dass daraus niemandem ein Schaden erwächst.

Wer ein T-Shirt der Schweizer Marke «Erfolg» kauft, zahlt dafür rund 80 Franken. Das ist der wahre Preis für ein T-Shirt. Und wissen Sie was? Das ist nicht teuer. Sondern in erster Linie ein guter Anlass, sich zu fragen, wie viele T-Shirts man wirklich braucht, um glücklich zu sein.

Erstellt: 22.05.2015, 22:59 Uhr

Der Autor

Thomas Meyer, Schriftsteller in Zürich, ist Autor der Romane «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» und «Rechnung über meine Dukaten»

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