Geld ist für sie ein wichtiges Symbol

Die Anerkennung der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen steht in der Schweiz trotz Entschuldigung der Justizministerin am Anfang.

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Die vielen Medienberichte über Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen: Bis vor wenigen Jahren gab es in unserer Gesellschaft keinen Platz für die Stimmen der Opfer. Die Menschen, die Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt hatten, trauten sich nicht, laut darüber zu sprechen. Zu lange war ihnen eingetrichtert worden, dass ihr persönlicher Eindruck nicht zählt. Kürzlich rief eine 81-jährige Frau aus dem Raum Zürich die Redaktion an. Sie hatte einen Bericht zur Wiedergutmachung für die Opfer gelesen und sich dann entschieden, erstmals über ihre Geschichte zu sprechen. Die Erzählung machte traurig. Ein Leben als Aneinanderreihung von Missbrauch, Unrecht und Pech. Am schockierendsten war aber etwas anderes: die Tatsache, dass die Frau jahrzehntelang geschwiegen hatte.

Die Anerkennung der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen steht in der Schweiz trotz Entschuldigung der Justizministerin am Anfang. Um die finanzielle Wiedergutmachung wird nach wie vor gefeilscht. Als Nächstes wird der Bundesrat dem Parlament einen Lösungsvorschlag vorlegen. Forscher der Universität Zürich zeigen nun auf, wie berechtigt die Geldforderung ist. Jedes vierte ehemalige Heim- oder Verdingkind leidet im hohen Alter weiter. Posttraumatische Belastungsstörung heisst das im Fachjargon. Stark Traumatisierte haben offenbar auch ein höheres Risiko, an Demenz zu erkranken. Die Forscher legen zudem dar, dass die gesellschaftliche Anerkennung wichtig ist. Wer sich als Opfer anerkannt fühlt, kann eher mit der Vergangenheit umgehen.

Aus den bisherigen Befunden lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Erstens ist es Zeit, auch über die gesundheitlichen Folgeschäden der Leute zu sprechen. Zweitens sollten sich jene Parlamentarier, die noch knausern, bewusst werden: Geld kann zwar niemals alles wiedergutmachen. Aber es ist gerade für Betroffene ein wichtiges Symbol. Ein Symbol, das zumindest spätes Leiden lindern kann. Das sollte einem Land wie der Schweiz mindestens 300 Millionen Franken wert sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2015, 23:01 Uhr

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