Geldgeber Maudets offenbar an schwerem Raubüberfall beteiligt

Per Geiselnahme knackten drei Männer einen Geldtransport in der Waadt. Jetzt zeigt sich: Einer von ihnen will Pierre Maudet mit Geld unterstützt haben.

Gegen Staatsrat Pierre Maudet läuft eine Strafuntersuchung wegen des Verdachts auf Vorteilsnahme im Amt. Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

Gegen Staatsrat Pierre Maudet läuft eine Strafuntersuchung wegen des Verdachts auf Vorteilsnahme im Amt. Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

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Die Verbrecher handelten kaltblütig. Am 8. Februar 2018 nahmen Unbekannte die 22-jährige Tochter eines Chauffeurs als Geisel, der mit einem Geldtransporter auf der Autobahn A1 in Richtung Lausanne fuhr. Sie riefen den Mann an, drohten, seiner Tochter etwas anzutun, und zwangen ihn so dazu, die Autobahn in Chavornay VD zu verlassen. Als der Mann auf einen Parkplatz fuhr, warteten maskierte Männer auf ihn, plünderten den Geldtransporter und flohen mit einer Beute, die auf 10 bis 15 Millionen Franken geschätzt wird. Seine Tochter blieb unverletzt und wurde freigelassen.

Die Waadtländer Staatsanwaltschaft teilte letzte Woche mit, drei Tatverdächtige verhaftet und in Untersuchungshaft gesetzt zu haben. Die französischen Behörden verhafteten ihrerseits 13 mutmassliche Komplizen.

Spenden an den Staatsrat

Journalisten der SRF-Sendung «Rundschau» gelang es, die Identität eines der in der Schweiz Inhaftierten zu lüften. Seine Rechercheergebnisse strahlt SRF am Mittwochabend aus. Beim Inhaftierten handelt es sich offenbar um einen 30-jährigen Geschäftsmann, der dem Genfer Staatsrat Pierre Maudet (FDP) eine Wählerbefragung mitfinanziert hat. Der Mann erklärte bei früherer Gelegenheit, zu diesem Zweck 5000 Franken gespendet zu haben. Über sein Motiv sagte er: «Der Sinn war, dass das helfen würde, wenn man morgen etwas von Maudet braucht.»

Für die Gefälligkeiten zwischen den Männern interessiert sich auch die Genfer Staatsanwaltschaft. Konkret untersucht sie, ob Staatsrat Maudet dem Mann im Schnellverfahren zu einer Betriebsbewilligung für eine Bar verholfen hat.

Escobar heisst das Lokal, in Anlehnung an den kolumbianischen Drogenboss. In der Escobar feierte Maudet seinen 40. Geburtstag. Die Privatparty wurde ihm teilweise offeriert. Die Bar ist aktuell geschlossen.

Untersucht wird, ob der Betrieb der Bar dank Maudet im Schnellverfahren bewilligt worden ist.

Obschon Geldgeber von Maudet, reichte der Escobar-Betreiber im August 2018 eine Strafanzeige gegen den FDP-Staatsrat ein. Die «Rundschau»-Journalisten haben über ihn nun noch einiges mehr erfahren. Sie spürten im Kriminellenmilieu einen Mann auf, der Maudets Geld­geber kennt und vor der Kamera Stellung nimmt. Dem Betreiber der Escobar sagt dieser «gute Kontakte zur ‹Crème der lokalen Banditen› und der Region Lyon» nach. Zudem verfüge er über beste Kenntnisse für grosse Raubüberfälle auf Wechselstuben, Banken, Geldtransporter und Private, die viel Bargeld auf sich tragen. Für seine Mithilfe soll er einen Teil des im Februar 2018 in Chavornay erbeuteten Geldes bekommen haben.

Pierre Maudet sagt, er habe den Mann vor Einreichung der Strafanzeige gegen ihn nicht gekannt. In der schriftlichen Antwort des Staatsrat an SRF heisst es, der Mann habe nach Erstatten der Anzeige gegen ihn in einer Einvernahme mehrere falsche Anschuldigungen eingestanden. «Gewisse Erklärungen sind ganz einfach falsch, andere wenig glaubwürdig», so Maudet. Darüber hinaus wolle er sich zur Angelegenheit nicht äussern.

Die SRF-Recherche wirft nochmals ein neues Licht auf das Dossier Escobar. Dieses ist in der Strafuntersuchung wegen des Verdachts auf Vorteilsannahme im Amt gegen Pierre Maudet zu einem zentralen Element geworden. Das Verfahren wurde ursprünglich wegen Maudets Reise nach Abu Dhabi in Gang gebracht. Die Reise hatte er 2015 mit seinem Kabinettschef und seiner Familie unternommen, wobei das Königshaus der Vereinigten Arabischen Emirate eingeladen und die Kosten übernommen hatte.

Belastende Aussagen

Im Fall der Escobar hat ein ehemaliger Chefbeamter gemäss der Einvernahmeprotokolle gegenüber Maudet einige belastende Aussagen gemacht. Er erklärte, dass Betriebsbewilligungen vergeben wurden, ohne dass die Betreiber der Escobar die nötigen Unterlagen eingereicht hatten. Der Mann sagte: «Pierre Maudet hat mir gesagt, dass das Dossier rasch bearbeitet werden muss. Ich habe das so verstanden, dass ich es zuoberst auf die Beige tun muss. Ich habe dabei einen gewissen Druck verspürt.» Die ­Betriebsbewilligung soll innert eines Monats erteilt worden sein.

Maudets Anwälte Grégoire Mangeat und Fanny Margairaz dementieren diese Darstellung. «Die Untersuchung bestätigt die Position unseres Klienten, dass er nicht in die Vergabe der Betriebsbewilligung eingegriffen hat», schrieb Anwalt Grégoire Mangeat auf Twitter.

Erstellt: 29.05.2019, 07:01 Uhr

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