Gentests an Embryonen sind in Europa fast überall erlaubt

Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern in Europa, in denen Gentests bei der künstlichen Befruchtung noch verboten sind.

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Am 14. Juni entscheidet das Volk, ob die Schweiz als eines der letzten Länder in Europa die Präimplantationsdiagnostik (PID) zulässt. Mit der PID werden im Reagenzglas gezeugte Embryonen auf die genetische Disposition für schwere, unheilbare Krankheiten getestet. In Grossbritannien, Frankreich oder Belgien wird diese Methode bereits seit über 20 Jahren angewendet. Die meisten anderen Staaten haben die PID im letzten Jahrzehnt legalisiert, sodass in der EU nur noch Litauen ein gesetzliches Verbot kennt. Während die Schweiz und Litauen die PID explizit verbieten, fehlt in Irland und Luxemburg eine Regelung. In beiden Ländern wird die PID aber nicht praktiziert. Ein Spezialfall ist Italien. Im Gesetz sind sowohl die PID wie auch die Untersuchung des Embryos auf Chromosomenanomalien (Aneuploidie-Screening) verboten, jedoch haben Gerichtsurteile diese Verbote als Verletzung der Persönlichkeitsrechte deklariert. Deshalb werden die beiden Methoden in Italien doch angewandt.

Deutschland und Österreich haben mit der Zulassung der PID ebenfalls lange zugewartet. In Deutschland ist sie seit 2014 erlaubt, in Österreich seit diesem Jahr.

In der Schweiz verbietet zurzeit noch eine Bestimmung im Fortpflanzungsmedizingesetz die PID explizit. Aus der Bundesverfassung lässt sich nur indirekt ein Verbot ableiten: Sie begrenzt die Zahl der Embryonen, die in einem Behandlungszyklus hergestellt werden dürfen, auf drei. Mit dieser Begrenzung lässt sich laut den Fortpflanzungsmedizinern die PID nicht anwenden. Denn mit der 3er-Begrenzung würde bei genetisch vorbelasteten Eltern häufig kein Embryo zur Verfügung stehen, der von der schweren Erbkrankheit nicht betroffen ist, weil die Auswahl zu klein ist.

Umstrittener Trisomie-21-Test

Die 3er-Regel ist denn auch die zweite Bestimmung, die die Schweiz im europäischen Vergleich zu einem der restriktivsten Länder macht. Im Juni entscheidet das Volk darüber, ob künftig so viele Embryonen hergestellt werden dürfen, wie «für die medizinisch unterstützte Fortpflanzung notwendig sind».

Noch nicht entschieden wird bei der Verfassungsabstimmung, ob künftig in der Schweiz die Embryonen systematisch auf Chromosomenanomalien untersucht werden dürfen. Mit diesem Aneuploidie-Screening kann unter anderem die Trisomie 21 festgestellt werden, die zum Downsyndrom führt. In der Schweiz soll diese Untersuchung gemäss dem revidierten Fortpflanzungsgesetz erlaubt werden. Dies wird einer der umstrittenen Punkte bei einer allfälligen späteren Referendumsabstimmung über das Gesetz sein. Die meisten Länder in Europa erlauben das Aneuploidie-Screening, aber nicht alle. Frankreich, die Niederlande, Norwegen oder Griechenland verbieten diese Untersuchung.

Weniger Reagenzglas-Kinder

In der Schweiz werden rund 2 Prozent der Kinder im Reagenzglas gezeugt. Seit 2011 ist die Zahl der Kinder, die aufgrund einer in der Schweiz durchgeführten künstlichen Befruchtung zur Welt kommen, leicht rückläufig. 2013 waren es 1891 Kinder, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) gestern mitteilte. 2010 waren es noch 2020 gewesen. Ein Grund für den Rückgang ist, dass sich weniger Patientinnen aus dem Ausland in der Schweiz behandeln lassen. Konkret reisen weniger Italienerinnen für eine In-vitro-Fertilisation in die Schweiz, seit im südlichen Nachbarland aufgrund von Gerichtsentscheiden die Interpretation des Fortpflanzungsmedizingesetzes liberalisiert wurde. Unter anderem darf die PID wieder praktiziert werden.

Aufgrund der restriktiven Gesetzgebung der Schweiz nehmen relativ wenige Frauen aus dem Ausland hierzulande die Fortpflanzungsmedizin in Anspruch. 2013 machten die Paare mit Wohnsitz im Ausland 16 Prozent aller behandelten Paare aus. Im Gegenzug beanspruchen viele Schweizerinnen und Schweizer bei der Erfüllung des Kinderwunsches medizinische Hilfe im Ausland. Das PID-Verbot spielt dabei aber eine untergeordnete Rolle. Der Hauptgrund für eine künstliche Befruchtung an einer ausländischen Klinik ist, dass die Schweiz die Eizellenspende verbietet. Oft reisen Paare, die auf eine solche Spende angewiesen sind, nach Spanien. Allerdings wollen die eidgenössischen Räte die Eizellenspende in der Schweiz nun zulassen. Auch in anderen Bereichen der Fortpflanzungsmedizin ist die Schweiz restriktiver als andere Länder. So ist die künstliche Befruchtung nur verheirateten heterosexuellen Paaren erlaubt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2015, 07:17 Uhr

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