«Gestöhne über die Zuwanderung ist ein Problem von Verwöhnten»

Bundesrätin Sommaruga entdeckt ihre Liebe für die Verdichtung und macht damit dem Basler Stadtentwickler Thomas Kessler eine Freude. Dieser fordert schon länger, die Schweiz als eine grosse Stadt zu denken.

Thomas Kessler war von 1991 bis 1998 Drogendelegierter und von 1998 bis 2008 Integrationsbeauftragter des Kantons Basel-Stadt. Seit 2009 ist er der Leiter der Abteilung Kantons- und Stadtentwicklung im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt.

Thomas Kessler war von 1991 bis 1998 Drogendelegierter und von 1998 bis 2008 Integrationsbeauftragter des Kantons Basel-Stadt. Seit 2009 ist er der Leiter der Abteilung Kantons- und Stadtentwicklung im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Bundesrätin Simonetta Sommaruga schwärmt neuerdings für Verdichtung und fragt sich, ob jeder Schweizer ein Auto brauche. Verschwindet der alte Schweizer Wunsch nach einem eigenen Haus im Grünen?
Nein, der Nachkriegstraum vom Hüsli, vom Auto und der Kleinfamilie ist in der Schweiz noch lange nicht ausgeträumt. Diese Sehnsucht, deren innerer Kern die Idealisierung des Bauernlebens ist, wurde über Generationen kultiviert und in der Gesetzgebung festgeschrieben. Das System stilisiert das Eigenheim im Grünen und die Kleinfamilie zum Ideal. Schauen Sie sich doch nur die Steuererklärung an: Abzüge für die Familie: danke CVP. Abzüge fürs Eigenheim: danke FDP und Hauseigentümerverband. Abzüge fürs Pendeln: danke Autogeneration.

Was also tun?
Man kann nicht auf der einen Seite das Pendeln begünstigen und auf der anderen Seite den Schutz der Natur und des Kulturlands fordern. Natürlich soll jeder nach seiner eigenen Fasson leben dürfen. Aber die Behörden müssen die Fehlanreize aus dem System rausnehmen. Der Pendelabzug ist ein Anachronismus.

Der wurde ja kürzlich auf 3000 Franken beschränkt. Reicht das nicht?
Der Pendelabzug von 3000 Franken ist relevant, die Senkung hat nur eine Minderheit tangiert.

Ihre Vorschläge dürften nicht auf grossen Zuspruch stossen. Die Masseneinwanderungsinitiative und die Debatte über Ecopop zeigen doch, dass die Menschen die Schweiz als immer enger empfinden.
Das Problem der Schweiz ist nicht die Anzahl ihrer Einwohner. Auch nicht die Zunahme der Wohnbevölkerung. Im Vergleich zur Generation unserer Urgrosseltern sind das alles sehr moderate Entwicklungen. Das allgemeine Gestöhne über die Zuwanderung, die Hektik und die raschen Veränderungen unserer Zeit sind die Wohlstandsprobleme von Verwöhnten. Unser Problem ist der Wohlstandskonsum. Wir erleben eine Kumulation von höchsten Ansprüchen. Wir haben den höchsten Wohnungsbestand der Geschichte, den höchsten Wohnflächenkonsum der Geschichte und möchten gleichzeitig in einer Idylle leben, die in der Schweiz so gar nie existierte.

Sie können den Schweizerinnen und Schweizern nicht vorschreiben, wo sie leben sollen.
Nein, ihr Traum muss auch gar nicht geopfert werden. Wer am Samstag immer noch Rasen mähen will, der soll das auch weiterhin tun können. Die Veränderung braucht es in den bereits erschlossenen Gebieten, in den kleinen und mittleren Städten, die bereits heute schon vollständig für eine Bevölkerung von zehn Millionen Menschen reichen würden. 1970 lebten in den Städten mehr Menschen als heute. Es braucht nur eine moderate Verdichtung in den erschlossenen Gebieten und einen rigorosen Schutz der nicht erschlossenen Freiflächen. Ich habe schon vor drei Jahren angeregt, das Prinzip des Waldschutzgesetzes auf sämtliche Grünflächen ausserhalb der bestehenden Infrastruktur auszuweiten.

Wie soll diese sanfte Verdichtung aussehen?
Wenn wir unseren durchschnittlichen Wohnflächenverbrauch von 45 Quadratmetern um vier Quadratmeter verkleinern, wird niemand Komforteinbussen erleiden, niemand Dichtestress verspüren. Es braucht die richtigen Anreize – ein geringerer Flächenkonsum muss honoriert werden – und die richtigen Angebote. Generationenwohnungen wie sie im Moment auf der Basler Erlenmatte entstehen oder seit längerer Zeit in St. Gallen angeboten werden. Zehn Minuten vom Stadttheater entfernt leben dort Menschen ab 50 in kleinen Eigentumswohnungen, erleben Privatheit und soziale Kontakte in Gemeinschaftsräumen. Gleichzeitig geben sie so mit einem Umzug ihre grossen Häuser und Wohnungen für Familien frei. Das ist das Zukunftsmodell.

Also doch ein neuer Traum.
Ja. Die Lebensqualität in den Städten ist heute so hoch, wie sie es früher in der idealisierten Vorstellung vom Leben auf dem Land war. Was die Menschen suchen – Sauberkeit, Sicherheit im Verkehr, Familiarität und soziale Kontakte, jene Elemente, die man früher auf dem Land wähnte, werden heute in den Städten angeboten. Das wird einem immer wieder bewusst, wenn man mit den Zuzügern über die Schweiz spricht. Für sie ist die Schweiz eine Stadt der kurzen Wege mit 8 Millionen Einwohnern. Eine Stadt mit einem perfekten Verkehrssystem, grossen grünen Zwischenräumen und einer riesigen Freizeitzone in den Alpen. Die Menschen leben in überschaubaren Quartieren wie Basel, Bern oder Zürich, und können in diesen Quartieren alles zu Fuss oder mit einem super öffentlichen Verkehr machen. Darum kommen die Forscher so gerne nach Basel: Sie gewinnen über zwei Stunden Lebenszeit pro Tag wenn sie hier statt in Shanghai oder Boston arbeiten und leben. Wir Schweizer müssten uns öfter vor Augen führen, wie gut es uns eigentlich geht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.10.2014, 14:33 Uhr

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