Interview

«Gesundheit ist nicht ein Gut wie ein Haselnussjoghurt»

Darf eine medikamentöse Behandlung jährlich 300'000 Franken kosten? Die Politik muss antworten, doch sie drückt sich. Wie weiter? Antworten eines Experten.

Nicht nur bei Medikamenten, auch im Operationssaal stellt sich immer wieder die Frage, wie viel ein Menschenleben wert ist: Chirurgen im Berner Inselspital an der Arbeit.

Nicht nur bei Medikamenten, auch im Operationssaal stellt sich immer wieder die Frage, wie viel ein Menschenleben wert ist: Chirurgen im Berner Inselspital an der Arbeit. Bild: Keystone

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Herr Breuer*, wieder muss entschieden werden, wie viel das Leben kosten darf. Auf welcher Basis können solche Entscheide überhaupt getroffen werden?
Bis jetzt hat sich die Gesellschaft – und als Spiegel davon die Politik – davor «gedrückt», verbindliche Regeln aufzustellen. Wir hatten aber jüngst einen Entscheid des Bundesgerichts, welcher die Zahl für ein Menschenlebensjahr von 100'000 Franken genannt hat. Eigentlich müsste aber die Politik die Regeln festlegen, aufgrund welcher solche Fragen beantwortet werden. ?Aber Antworten rund um die Frage, wie viel sozusagen ein Menschenleben kosten darf, wurden bislang keine gegeben. Auch wenn es grundsätzlich nicht die Aufgabe des Bundesgerichts ist, hat der Entscheid aus Lausanne nun den Vorteil, dass wir wachgerüttelt wurden.

Sehen Sie Anzeichen, dass sich etwas bewegt? ?
Nach dem Bundesgerichtsurteil vom April hat es politische Vorstösse gegeben. Das ist zumindest schon einmal ein guter Anfang.

Nun kommen die Ethiker zum Zug. Worin sehen Sie ihre Aufgabe in diesem Prozess? ?
Wir sind quasi Reflexionsinstanz. Wir können helfen, die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen. Das soll helfen, gute Antworten zu finden.

Was ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Frage? ?
Bis jetzt kann man grob gesagt feststellen, dass die Debatte gesundheitsökonomisch geführt wird. Also mit Zahlen in Franken und Lebensjahren. Hier stellt sich meines Erachtens die Frage, ist dies das einzige Kriterium, aufgrund dessen wir entscheiden wollen? Muss nicht in dieser Debatte auch über Solidarität und Gerechtigkeit gesprochen werden? Stellt die Gesundheitsökonomie nicht nur eine Scheinobjektivität dar? Die Debatte wird so aber natürlich langwierig und komplexer. Und ein absolut klares Regelwerk, das allgemeingültigen Charakter bekommt, wird praktisch verunmöglicht.

Wie komme ich vom Begriff der Solidarität zu verbindlichen Regeln?
Vielleicht geht es jetzt einfach darum, in einem Regelwerk den Prozess zu beschreiben, wie man diese Fragen beantworten kann. Ein erster Schritt wurde vor kurzem mit der Schaffung des Medical Board* getan. Hier wurde methodisch ein Ansatz geschaffen, bei welchem man in einem umfassenderen, nicht nur ökonomisch geprägten Prozess, von einer Problemformulierung zu einer Empfehlung gelangt.

Am Schluss muss jeder Fall einzeln beurteilt werden.
?Bestimmte Regeln sollen gelten. Aber Krankheit und die Behandlung davon kann sowieso nicht über den gleichen Leisten gezogen werden. Nehmen wir Multiple Sklerose: Diese Krankheit tritt nicht bei jedem gleich auf. Und entsprechend wirken die Medikamente möglicherweise verschieden. Da kommt man doch nicht darum herum, den Einzelfall anzuschauen.

Ist es denn vermessen, Obergrenzen festzulegen? ?
Nein, diese Frage muss man diskutieren. Schliesslich hat die Gesellschaft begrenzte Mittel. Es stellt sich einfach die Frage, wie man sich dem annähert. Und hier wären wir wieder beim Thema der Gesundheitsökonomie als einziges Paradigma. Zum Beispiel darf nicht einfach ein Preis für ein Lebensjahr der einzige Massstab sein.

Was kann denn Basis sein für diese Debatte?
? Die Menschenrechtscharta und die Bundesverfassung sagen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Es gibt ein Recht auf ein würdevolles Leben und auf körperliche Unversehrtheit. Davon müssen wir ausgehen.

Das macht die Sache aber nicht einfacher. ?
Diese Debatte ist nicht einfach. Darum wurde sie bis jetzt auch nur stiefmütterlich geführt. Gesundheit ist nicht ein Gut wie ein Haselnussjoghurt.

Die Politik ist also jetzt gefordert.
?Das greift zu kurz. Auch die Gesellschaft ist gefordert. Man könnte die Politik auffordern, redet darüber. Aber gerade weil die Debatte in der Gesellschaft noch nicht geführt wird, drückt man sich auch in der Politik.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Debatte jetzt geführt wird?
?Ich hoffe es, aber ich bin kein Prophet. Zumindest besteht die Chance, dass durch den Bundesgerichtsentscheid vom April der Anstoss erfolgt ist.

Was kann die Ethik in diesem Prozess nicht? ?
Wir können den Verantwortungsträgern den Entscheid nicht abnehmen. Aber genau diese Tendenz ist derzeit en vogue. Für viele schwierige Fragen werden nun Ethikkommissionen gebildet. Siehe etwa in Deutschland die Debatte über einen Atomausstieg. Die Politik will nicht entscheiden, also schiebt sie andere vor. Ich halte das für falsch. Wir Ethiker können die Debatte begleiten und dazu anleiten, den Dingen auf den Grund zu gehen. Aber nicht die Fragen beantworten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2011, 19:02 Uhr

* Markus Breuer ist Fachbereichsleiter Bildung bei Dialog Ethik, dem Institut für Ethik im Gesundheitswesen in Zürich. Und er ist Mitglied der Kantonalen Ethikkommission St. Gallen.

Heikler Entscheid am Dienstag

Wenn die Eidgenössische Arzneimittelkommission am Dienstag, den 24. Mai, zusammentritt, steht ein Traktandum im Vordergrund: Muss die obligatorische Krankenversicherung für das Medikament Myozyme zur Behandlung der seltenen, aber gefährlichen Stoffwechselkrankheit Morbus Pompe aufkommen? Oder ist der Preis von rund 300'000 Franken pro Jahr und Patient nicht zu verantworten? Die Frage ist von grundsätzlichem Interesse. Denn die Pharmafirmen bringen immer mehr hoch spezialisierte Medikamente zu hohen Preisen auf den Markt. Kann die Gesellschaft alle bezahlen? Oder braucht es Grenzen? Für das Bundesgericht ist klar: Nicht alles, was medizinisch machbar ist, ist auch bezahlbar. Jemand müsse definieren, welcher Aufwand noch gerechtfertigt sei, um ein Leben zu retten oder Schmerzen zu lindern. Und weil sich die Politik bisher um solche Fragen foutiert hat, nennt das Gericht in einem kürzlich erlassenen Grundsatzurteil gleich selbst eine Zahl: In der gesundheitsökonomischen Literatur würden «maximal ca. 100'000 Franken pro gerettetes Menschenlebensjahr noch als angemessen betrachtet». Die Richter kamen daher zum Schluss, Myozyme sei zu teuer, um von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt zu werden. Seit diesem Urteil zahlen die Krankenversicherer das Medikament nicht mehr. Nun könnte aber Myozyme doch noch kassenpflichtig werden. Die Herstellerfirma Genzyme beantragt nämlich, das Mittel auf die sogenannte Spezialitätenliste zu setzen. Kommt der Bund dem Begehren nach, müssen die Kassen das Medikament zwingend bezahlen. Dagegen könnte das Bundesgericht nichts unternehmen, weil kein richterlicher Ermessensspielraum mehr bestünde. Definitiv über die Aufnahme auf die Spezialitätenliste entscheiden wird das Bundesamt für Gesundheit (BAG) – auf Antrag der Eidgenössischen Arzneimittelkommission (EAK). (is.)

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* Medical Board

Das Medical Board ist ein von Verwaltung, Leistungserbringern und Industrie unabhängiges Gremium. Seine Aufgabe ist es, diagnostische Verfahren und therapeutische Interventionen aus der Sicht der Medizin, der Ökonomie, der Ethik und des Rechts zu analysieren und
Empfehlungen zuhanden der politischen Entscheidungsträger und der Leistungserbringer zu formulieren. Es wurde in der Schweiz von der Gesundheitsdirektorenkonfernez, dem Ärzteverband FMH sowie der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften geschaffen. Die Einführung erfolgte zusammen mit dem Institut Dialog Ethik sowie den Beratern von Ernst Basler & Partner.

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