«Geweint hat sie nie»

Treffpunkt Pizza-2000 in Aarau: Stunden bevor Funda Yilmaz endlich Schweizerin wird, sprechen wir mit der 25-Jährigen und ihrem Freund. Wie hart waren diese letzten Wochen?

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Sie erkannte es am Applaus. Dann flogen ihr die Hand und die Wange ihres Anwalts entgegen. Das Gesicht der 25-Jährigen leuchtete auf, ihre Schultern sackten vornüber, sie wollte sich sofort setzen. Stoisch liess sie das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen. Mehr als ein Jahr hatte das Einbürgerungsverfahren von Funda Yilmaz gedauert, jetzt war es vorbei. Ihr Verlobter stupfte sie strahlend in die Seite.

Die Gesuchsteller mussten draussen warten, als der Einwohnerrat im aargauischen Buchs innert weniger Minuten alle sieben Einbürgerungsgesuche der aktuellen Sitzung abhandelte. Die meisten mit einstimmiger Annahme. Bei Yilmaz liessen sich einige Einwohnerräte auch bei dieser zweiten Abstimmung nicht erweichen: 7 stimmten Nein, 28 Ja, 2 enthielten sich.

Einwohnerratspräsident Martin Gysi räumte nach der Sitzung Fehler ein: «Es handelte sich um ein missglücktes erstes Gespräch», sagte er. «Wir sind eine Laienbehörde, auch uns passieren Fehler.» Es sei Funda Yilmaz gutes Recht gewesen, sich zu wehren. «Der mediale Druck», und hier zögerte Gysi lange, er erbat sich Zeit zum Nachdenken, «der war am Ende gut, weil mehr Fakten auf den Tisch kamen.»

Die Suche nach Worten

Ein paar Stunden zuvor, Pizza-2000-Imbiss in Aarau, Plastikstühle, werbebedruckte Papiertischsets, Take-away-Theke. Funda Yilmaz trifft sich mit ihrem Freund zum Mittagessen. Vorsichtig schneidet sie die Ränder ihrer Curry-Poulet-Pizza ab, macht kleine Stückchen, legt das Besteck zum Sprechen wieder ab.

Die rosa schimmernden Fingernägel sind das Auffälligste an ihrer ganzen Person. Die 25-Jährige ist keine Frau der vielen Worte. Sie wägt sie lange ab, manchmal fehlen sie ihr ganz. «Es fällt mir schwer, mit Fremden zu sprechen», sagt Yilmaz.

Ein halbes Jahr ist es her, dass Yilmaz an jenem Montagabend zu ihrem ersten Einbürgerungsgespräch fuhr. Sie war alleine im Auto. Innerlich versuchte sie sich darauf vorzubereiten, dass sie gleich mit sieben fremden Politikern sprechen, sich Mühe geben musste, aufgeschlossen zu wirken.

Im Ingenieurbüro, wo sie seit ihrer Lehre als Tiefbauzeichnerin arbeitete, hatte sie niemandem etwas von dem Gespräch erzählt. Die junge Frau ist sich ihrer Schüchternheit bewusst. Doch ablegen konnte sie diese nicht – besonders dann nicht, als es besonders darauf ankam.

«Es fällt mir schwer, mit Fremden zu sprechen», sagt Funda Yilmaz. Foto: Doris Fanconi

In 50 Minuten beantwortete sie die 92 Fragen der Kommission, merkte manchmal nicht, dass sie sie falsch verstanden hatte, wusste plötzlich keine Antworten mehr, war gestresst, wollte gegen Ende nur noch raus. Raus aus diesem tristen Sitzungszimmer im Gemeindehaus von Buchs, wo die CVP-, FDP- und SVP-Politiker sassen und die Fragen stellten, über die sich später das halbe Land wunderte:

Frage 12: Haben Sie Ihr Auto geleast? Frage 24: Warum haben Sie das Hausarztmodell? Frage 26: Gibt es noch andere Varianten zum Prämiensparen? Frage 63: Haben Sie schon einmal Ferien in der Schweiz gemacht? Frage 66: Wandern Sie? Frage 70: Möchten Sie lieber Genf oder die Region am Genfersee besuchen? Frage 83: Gibt es in Engelberg einen bestimmten Berg? Frage 88: Was finden Sie gut am Tun und Machen von Präsident Erdogan? Frage 91: War es ein Thema zu Hause, dass Sie einen nichttürkischen Freund haben?

Sie sei danach sehr still gewesen an diesem Abend, sagt ihr Freund Nico Mignogna, «noch stiller als sonst». Dennoch konnte sich Yilmaz nicht vorstellen, den Test nicht bestanden zu haben.

Der Schock kam mit der Einladung zu einem zweiten Gespräch. «Frau Yilmaz erschien beim ersten Termin sehr zurückhaltend», schrieb die Einbürgerungskommission des Buchser Einwohnerrats danach. «Sie lebt in ihrer kleinen Welt und zeigt kein Interesse, sich mit der Schweiz und der Bevölkerung in der Schweiz auf einen Dialog einzulassen.» Sie habe kein Verständnis für die Eigenheiten der Schweiz, sie wisse nicht genug über die Abfallentsorgung Bescheid und kenne nur Einkaufsmöglichkeiten wie Migros und Aldi. Obwohl sie sagte, sie interessiere sich für Politik, habe sie «keine Ahnung» gehabt, worüber in letzter Zeit abgestimmt wurde und was aktuell diskutiert würde. Einzig die sprachliche Integration sei gut.

Verdikt: Die Einbürgerungskommission beantragte dem Einwohnerrat, ihre Einbürgerung abzulehnen. Yilmaz empfahl sie, ihr Gesuch zurückzuziehen.

Yilmaz war enttäuscht und wütend. Das Land, dessen Verhältnisse, Gepflogenheiten, Bräuche und Geografie sie gemäss Einbürgerungskommission überhaupt nicht kannte, ist ihr Geburtsland. In der Schweiz verbrachte sie ihr Leben, ging in die Meitliriege, in die Frauenfussball-Mannschaft, in die Lehre, zahlte sie Steuern. Hier wollte sie studieren und irgendwann ihre Kinder erziehen. Die Türkei: «Ein Ferienort», sagt sie. Sie musste den Graben, der sich plötzlich auftat, schliessen.

Ihre Erklärung für die Entschlossenheit: «Hier ist mein Leben, ich kenne kein
anderes.»

Yilmaz holte sich Hilfe bei der Migrationsberatung. Die empfahl ihr einen Anwalt. Schriftlich konnte sie sich besser ausdrücken: «Ich arbeite jeden Tag in einem Büro mit Schweizerinnen und Schweizern zusammen. Zudem bin ich oft im Aargau und in der ganzen Schweiz geschäftlich unterwegs und besuche Baustellen. Meine Welt ist nicht klein. Diese Aussage verletzt mich», schreibt sie in ihrem Rekurs. «Ich bringe meinen Abfall, getrennt, ins Recyclingparadies in Hunzenschwil. Das hatte ich auch gesagt.» Dem Rekurs legte sie 120 auf eigene Faust gesammelte Unterschriften von Freunden, Bekannten und Fremden bei. Für ihre Entschlossenheit hat sie heute eine simple Erklärung: «Hier ist mein Leben, ich kenne kein anderes», sagt Yilmaz.

Medienrummel

Ihr Leben war nicht mehr dasselbe. Bereits früh sprangen die lokalen Medien auf ihren Fall auf. Als der Einwohnerrat im Juni ihre Einbürgerung mit 20 zu 12 Stimmen ablehnte, gab sie das erste Mal nach und äusserte sich öffentlich. Ein Sturm der Entrüstung zog über das Land, im «Talk Täglich», bot Yilmaz dem Aargauer SVP-Politiker Andreas Glarner die Stirn. Nach dem Auftritt habe er ihr viel Glück gewünscht. Yilmaz wird plötzlich auf der Strasse erkannt. Irgendwann erschienen die Protokolle des Einbürgerungsgesprächs in den Medien. «Wie werden Sie als Schweizerin Altöl entsorgen?», betitelte die «Süddeutsche Zeitung» einen Artikel zu ihrer Geschichte, «Keine Einbürgerung ohne Altölentsorgungs­kenntnisse» die «Zeit». Bis nach China berichtete man von dem Schweizermacher-Fall aus der Schweiz.

«Geweint hat sie nie», sagt ihr Freund im Pizza-2000-Imbiss und schluckt einen Bissen Döner runter. «Sie las in den Ferien nur dauernd Artikel am Handy.» Eine richtige Schweizerin, eine «Eidgenossin», werde sie für Politiker wie Glarner ohnehin nie sein. Er klingt nicht verbittert, als er das sagt, aber Yilmaz streckt ihre Hand aus und legt sie auf seine. «Man sollte Menschen lieber nach ihrem Menschsein beurteilen», sagt sie. Heimat sei für sie, wo er sei.

Funda Yilmaz wurde mit ihrer Geschichte politisiert. Sie will der SP beitreten. Am Einbürgerungssystem würde sie ändern, dass die verantwortliche Kommission aus Mitgliedern von allen Parteien, auch linken, bestehen müsse. Ein Zahnarzt, der eigentlich SVP wähle, hat sich mit ihr in Verbindung gesetzt und angeboten, ihre Anwaltsrechnungen zu übernehmen. Im nächsten Juni will sie ihren Freund bei einem grossen Fest mit einigen türkischen Elementen heiraten. Danach folgt die standesamtliche Zeremonie im kleinen Kreis nach schweizerischer Tradition. Verändert habe sie die Geschichte nicht: «Vielleicht», sagt sie dann aber noch, «vielleicht bin ich etwas mutiger geworden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2017, 22:46 Uhr

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