Gewerbeverband gibt Älteren beste Chancen

Vor der Rentendebatte markiert der Gewerbeverband die bürgerliche Extremposition: Ältere Arbeitnehmer seien so begehrt, dass sich die AHV allein über ein höheres Rentenalter sichern lasse.

Es gebe genügend Arbeit für Ältere, sagt der Gewerbeverband: Ein älteres Paar am Bürkliplatz in Zürich. (Archivbild)

Es gebe genügend Arbeit für Ältere, sagt der Gewerbeverband: Ein älteres Paar am Bürkliplatz in Zürich. (Archivbild) Bild: Keystone

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Am Mittwoch wird der Bundesrat voraussichtlich die Reform der Altersvorsorge ans Parlament schicken. Das Grossprojekt von Sozialminister Alain Berset enthält folgende Eckpunkte: Zur Finanzierung der steigenden Zahl von AHV-Rentnern sollen die Mehrwertsteuer um 1,5 Prozentpunkte und das Frauenrentenalter auf 65 Jahre erhöht werden. In der zweiten Säule ist geplant, den für die Rentenhöhe massgebenden Umwandlungssatz von 6,8 auf 6,0 Prozent zu senken und Renteneinbussen durch höhere Beiträge aufzufangen.

Während sich CVP, FDP und Arbeit­geberverband zumindest für eine moderate Steuererhöhung zugunsten der AHV offen zeigen, nimmt der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) mit der SVP die bürgerliche Radikalposition ein. Zur Sanierung der Altersvorsorge brauche es keine Steuern und Abfederungen, sondern eine Rentenalterhöhung um jeweils ein bis zwei Monate pro Jahr, sagte SGV-Präsident Jean-François Rime gestern. Bersets Reform koste im Endausbau jährlich 11 Milliarden Franken, was untragbar und politisch chancenlos sei.

Die Rechnung, dass sich die Altersvorsorge allein mit der Rentenaltererhöhung in Monatsschritten sichern lässt, präsentierte der SGV zwar nicht. Dafür unterstrich er seine Forderung mit der Behauptung: «Der Schweizer Arbeitsmarkt ist für ein höheres Rentenalter bereit.» Entgegen gängiger Vorstellungen seien ältere Arbeitnehmende gut in den Arbeitsmarkt integriert, sagte SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler. Dies zeigten sowohl die Statistiken des Bundes wie auch internationale Erhebungen. Diese Daten werden allerdings vom Gewerbeverband und dessen Gegenspieler, dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB), höchst unterschiedlich interpretiert:

Arbeitslosigkeit: Die leicht unterdurchschnittliche Arbeitslosenquote der 50- bis 65-Jährigen in der Schweiz ist für Bigler ein Beleg, dass die Älteren auf dem Arbeitsmarkt erwünscht seien. Weiter verweist der SGV auf die unterdurchschnittliche Erwerbslosenquote der älteren Arbeitnehmer. Die Erwerbslosenstatistik erfasst im Gegensatz zur Arbeitslosenquote auch Ausgesteuerte. Zwar sind laut Bigler die Älteren unter den Langzeitarbeitslosen etwas stärker vertreten. Aber das führt er vor allem darauf zurück, dass über 55-Jährige zwei statt wie die anderen nur eineinhalb Jahre Arbeitslosengeld beziehen können. Wer länger Arbeitslosengeld erhält, ist auch länger arbeitslos, so die Logik.

Der Gewerkschaftsbund hält diese statistischen Belege für ungenügend. «Der Gewerbeverband pickt aus allen Statistiken nur das heraus, was ihm passt», sagt Doris Bianchi, beim SGB zuständig für Sozialpolitik. Tatsächlich seien ältere Arbeitnehmende statistisch nicht häufiger arbeitslos als Jüngere. Tatsache sei aber, dass sie viel seltener die Stelle wechselten, weil sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt würden.

Diskriminierung: Bianchi verweist auf eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die kürzlich die Diskriminierung älterer Arbeitnehmer in der Schweiz feststellte. Wenn über 50-Jährige die Stelle verlören, brauchten sie viel länger, um wieder eine Arbeit zu finden. Deshalb setzen sie laut Bianchi alles daran, ihre Stelle zu behalten.

Bigler liest die OECD-Studie dagegen umgekehrt: Qualifizierte und leistungsfähige ältere Arbeitnehmer seien in der Schweiz wenig mobil und zeigten keine Lust, die Stelle zu wechseln. Deshalb seien die über 55-jährigen Stellenbewerbern häufig Leute mit Defiziten, deren Chancen geringer seien.

Frühpensionierungen: Bundesrat und Gewerkschaften verweisen darauf, dass viele Arbeitnehmende nicht bis zum offiziellen Rentenalter von 64 oder 65 arbeiten. Deshalb müsse zunächst versucht werden, dass mehr Arbeit­nehmer bis zum offiziellen Rentenalter arbeiten. Das geht für den Gewerbe­verband zu wenig weit. Denn die meisten Frühpensionierungen erfolgten laut ­Bigler nicht unter Zwang, sondern seien «gewollte, vorzeitige Pensionierungen». Laut Bianchi gehen dagegen viele Arbeitnehmer in den vorzeitigen Ruhestand, weil sie die Arbeitsbelastung dazu zwingt oder die Firmen auf diesem Weg einen Stellenabbau ohne Entlassungen vornehmen können.

Trotz positiver Einschätzung des Arbeitsmarkts sieht aber auch der Gewerbeverband Verbesserungspotenzial. So müssten «Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmern abgebaut» und mehr in Weiterbildung investiert werden. In der Schweiz gebe es genügend Arbeit für Ältere. Dies habe die Erhöhung des Frauenrentenalters von 62 auf 64 gezeigt, die der Arbeitsmarkt problemlos aufgefangen habe. Die Pensionierung der Babyboomer werde nun die Nachfrage nach Arbeitskräften noch verstärken.

Bianchi zweifelt an der Bereitschaft der Arbeitgeber, auf Ältere zu setzen. So habe eine Umfrage unter Unternehmen gezeigt, dass diese zuerst auf Frauen, dann auf ausländisches Personal und erst an dritter Stelle auf Ältere setzten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2014, 23:20 Uhr

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