Ghadhafis Bombe und der Ingenieur aus dem Rheintal

In der Schmuggelaffäre rund um die Familie Tinner wird einem Techniker der Prozess gemacht. Er soll indirekt an der libyschen Atombombe mitgearbeitet haben.

Auftrag der Familie Tinner: Ein Ingenieur sollte eine Steuerung für Gaszentrifugen entwerfen, die für die Urananreicherung genutzt werden können.

Auftrag der Familie Tinner: Ein Ingenieur sollte eine Steuerung für Gaszentrifugen entwerfen, die für die Urananreicherung genutzt werden können. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn der Einzelrichter morgen um 9 Uhr in Bellinzona die Verhandlung gegen einen Ingenieur aus dem Rheintal startet, öffnet sich wohl zum letzten Mal ein Fenster zu einem der bizarrsten Schweizer Justizfälle der letzten Jahrzehnte. Es geht um CIA-Spione, Nuklearwaffen, geschredderte Akten – und den Bundesrat, der in die Bredouille geriet, weil er ins Hoheitsgebiet der Justiz eindrang. Kurz: Es geht um die «Affäre Tinner».

Laut Anklageschrift, die dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, begann der heute 65-jährige Techniker im Jahr 2003, im Auftrag der Familie Tinner eine Steuerung für Gaszentrifugen zu entwerfen. Mit solchen Geräten reichern Wissenschaftler Uran an, das wiederum einen Grundstoff für nukleare Sprengkörper bildet. Für seine Arbeit habe ein Mitglied der Familie Tinner dem Mann 30'000 Franken bezahlt, schreibt der Staatsanwalt. Zudem flossen 100'000 Franken in dessen Firma.

Steuerung für libysches Atomprogramm

Im Sommer 2003 soll der Ingenieur erfahren haben, dass seine Steuerung für das libysche Atomprogramm gedacht war. Einige Wochen später hätten ihm die Tinners gesagt, er solle mit der Entwicklung aufhören. Der Ingenieur habe aber nachgefragt, ob er seine Steuerung an «Karim» verkaufen könne, den Leiter des libyschen Uran-Programms. Entgegen den Anweisungen habe er dann die Schemata der Steuerung vollendet.

Dadurch habe der Ingenieur die Entwicklung von Kernwaffen vorsätzlich gefördert. Im Strafbefehl setzte der Staatsanwalt eine bedingte Geldstrafe von 30'000 Franken fest. Dazu müsste der Mann eine Busse von 6000 Franken, Gebühren von 4500 Franken und die 30 000 Franken bezahlen, die er als Lohn erhalten hatte. Der Techniker hat allerdings Einsprache gegen den Strafbefehl erhoben. Deswegen kommt es nun zum Verfahren vor dem Bundes­strafgericht. Der Angeklagte bestreitet, dass er im Sommer 2003 erfahren habe, wofür seine Steuerung gebraucht würde. Es gilt die Unschuldsvermutung. Weder der Angeklagte noch sein Anwalt waren gestern für den TA zu erreichen.

Für die CIA spioniert

Dass der Rheintaler überhaupt vor dem Richter landet, geht auf seine Verbindung zur Familie Tinner zurück. Vater Friedrich sowie seine beiden Söhne Marco und Urs sind ebenfalls Ostschweizer Ingenieure. Der Vater begann Ende der 70er-Jahre, für das Netzwerk von Abdul Qadeer Khan zu arbeiten. Der Wissenschaftler gilt als «Vater» der Atombombe Pakistans – und verkaufte die von ihm entwickelte Technologie auch an Drittstaaten. Tinner senior war laut einem Buch zweier US-Journalisten zum Beispiel 1987 involviert, als der Iran bei Khan für 10 Millionen Dollar Pläne und Zentrifugen bestellte.

Nach der Jahrtausendwende – inzwischen waren auch die Söhne Tinners im Geschäft aktiv – trat mit Libyen ein neuer potenzieller Kunde Khans auf den Plan. Parallel begannen die Tinners, mit dem US-Geheimdienst CIA zusammenzuarbeiten. Dank Tinner-Informationen gelang es 2003, den deutschen Frachter BBC China im Mittelmeer abzufangen. Im Bauch des Schiffes: Bauteile von Zentrifugen, getarnt als «Landwirtschaftsmaschinen». Destination: Libyen. Kurz nach dieser gescheiterten Lieferung gestand Diktator Muammar al-Ghadhafi sein geheimes Atomprogramm öffentlich ein und verkündete dessen Abbruch.

Die erfolgreiche Kooperation der Tinners mit den USA hinderte die Schweizer Justiz nicht daran, gegen die Ingenieure vorzugehen. 2004 und 2005 liessen die Strafverfolger des Bundes das Trio verhaften. Der Vorwurf: Verstösse gegen das Güterkontroll- oder das Kriegsmaterialgesetz. Bis zu vier Jahre sassen die drei Familienmitglieder in Haft.

Der Fall löste mehrere politische Erdbeben aus. Erstens, weil der Bundesrat 2007 kurzerhand per Notrecht ins Strafverfahren eingriff und anordnete, Akten zu vernichten. Es handelte sich unter anderem um Baupläne von Atomwaffen; die Bundesräte wollten verhindern, «dass die Akten in unbefugte Hände fallen und damit zu einer Gefahr für die internationale Sicherheit werden». Tatsächlich war indes der Druck der USA auf die Schweiz ausschlaggebend. Die Geschäftsprüfungsdelegation des Parlaments untersuchte den Entscheid und kam zu einem vernichtenden Urteil: «Nicht nachvollziehbar». Zweitens kam heraus, dass sechs CIA-Agenten Marco Tinners Wohnung durchsucht hatten – fremder Nachrichtendienst auf Schweizer Boden. Die Behörden weigerten sich, gegen die US-Geheimdienstler zu ermitteln.

Als 39 Ordner auftauchten

Am Ende kam doch eine Anklage gegen die Tinners zustande, weil im Archiv der Bundesanwaltschaft 39 Ordner mit Aktenkopien aufgetaucht waren. Die Ingenieure liessen sich auf einen Deal ein. Sie bekannten sich schuldig und erhielten dafür eine milde Strafe. 2013 schien der Fall abgeschlossen. Aber nur fast. Nun sorgt das Dossier nochmals für Nervosität bei den Strafverfolgern. Die Akten des Verfahrens Tinner befänden sich «in speziell gesicherten Räumlichkeiten» der Bundesanwaltschaft, schreibt der Staatsanwalt dem Gericht. «Sollte der Beizug eines Teils dieser Akten als notwendig erachtet werden, wäre unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen ein Transport der Akten oder besser eines Datenträgers [...] nach Bellinzona zu organisieren.» Nur nicht noch ein Zwischenfall, scheint der Staatsanwalt zu denken, jetzt, nach fast zehn Jahren Arbeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 20:34 Uhr

Artikel zum Thema

Weiterer Beschuldigter im Fall Tinner angeklagt

Die Affäre um die Gebrüder Tinner und ihren Vater beschäftigte während Jahren die Schweizer Politik. Nun kommt es noch einmal zu einer Verhandlung vor dem Bundesstrafgericht. Mehr...

«Wir haben gut verhandelt, wir haben hart verhandelt»

Im Fall Tinner hat das Bundesstrafgericht ein abgekürztes Verfahren gegen die drei Angeklagten genehmigt. Diese bleiben auf freiem Fuss. Bundesanwalt Michael Lauber ist dennoch zufrieden. Mehr...

Die Schweizer Mechaniker des Abdul Qadeer Khan

Vater und Söhne Tinner belieferten den pakistanischen Atomwaffen-Bauer. Kooperierten mit der CIA. Brachten die Schweiz an den Rand einer Staatskrise. Ihr Prozess wird aufgrund des Deals mit dem Staatsanwalt kurz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...