Glarus wird den Geist von Anna Göldi nicht los

232 Jahre nachdem die Glarner der letzten «Hexe» Europas den Kopf abgeschlagen haben, wird ein Mahnmal eingeweiht. Am liebsten möchte man in Glarus aber nicht mehr an die «alte Geschichte» erinnert werden.

Sie polarisiert weiter: Anna Göldi, hier auf dem Triptychon «Anna», gemalt von Patrick Lo Giudice. Foto: © 2014 Pro Litteris, Zürich

Sie polarisiert weiter: Anna Göldi, hier auf dem Triptychon «Anna», gemalt von Patrick Lo Giudice. Foto: © 2014 Pro Litteris, Zürich

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Es soll eine besinnliche Feier werden am 13. Juni. Ein Trompetenquartett spielt auf, Reden werden gehalten, und bei Einbruch der Dunkelheit wird das Mahnmal enthüllt – zwei Lichter, die künftig Tag und Nacht aus den kleinen, runden Fenstern unter dem Dach des Gerichtsgebäudes leuchten – zu Ehren von Anna Göldi und allen Opfern von Justizwillkür. Diese andächtige Stimmung, so befürchtet Walter Hauser, Vizepräsident der Anna-Göldi-Stiftung, könnte aber durch dröhnende Bässe zerstört werden; keine hundert Meter entfernt eröffnet die Stadt just an diesem Abend ihr Sommerfest mit Bands und Strassenkünstlern. Für Hauser ist klar: «Die wollen uns schaden.»

Auswärtige sind fasziniert von der Geschichte von Anna Göldi, die 1782 als letzte Frau im mittlerweile aufgeklärten Europa wegen Hexerei getötet wurde. Busse mit Schulklassen aus der ganzen Schweiz fahren jeweils vor dem Göldi-Museum in Mollis vor. Regelmässig gelangen Maturanden und Lehrlinge an Anna-Göldi-Autor Walter Hauser, die eine Arbeit über die frühere Magd schreiben wollen. «Bei uns hinten ist Anna Göldi aber noch immer ein Tabu», sagt er. 232 Jahre nachdem sie hingerichtet wurde, herrsche darob noch immer ein Unbehagen. «Am liebsten würde man das Geschehene verwischen, verwedeln und vergessen.» Und lieber nicht durch ein Mahnmal ständig daran erinnert werden.

Galgenhügel ist Sonnenhügel

Besucher des Kantonsspitals, die ihr Auto nahe der Buchholzstrasse parkieren, ahnen nicht, dass am 13. Juni 1782 genau hier ein Scharfrichter Anna Göldi den Kopf abgeschlagen hat. Sie soll der Tochter ihres Dienstherrn ein Läckerli verabreicht haben, aus dem im Magen «Gufen» wuchsen. Unter Qualen, so hiess es, musste darauf das Anna-Miggeli die Nadeln von sich geben. Tatsächlich wollte sein Vater Anna Göldi aber nur aus dem Weg schaffen, da sie wahrscheinlich ein Kind von ihm erwartete. Nachdem der evangelische Rat sie als «Verderberin» verurteilt hatte, wurde sie durch das Mördergässchen zum Galgenhügel geführt.

Nichts erinnert heute mehr an die Enthauptung. Der Galgenhügel heisst nun Sonnenhügel, das Mördergässchen Asylstrasse. Die Anna-Göldi-Stiftung hätte das Mahnmal deshalb gerne auf dem Parkplatz des Spitals platziert. «Aber bei der Standortsuche sind wir wiederholt auf Widerstände gestossen», sagt Walter Hauser. Es sei klar signalisiert worden: Hier sei das Mahnmal «nicht erwünscht». Letztlich konnte es wohl nur verwirklicht werden, weil es von Privaten finanziert wurde und durch keinen demokratischen Prozess geschleust werden musste.

«Man hat in Glarus hinten noch heute ein schlechtes Gewissen wegen Anna Göldi», sagt Andrea Trümpy, Vizepräsidentin des kantonalen reformierten Kirchenrats, Stadtführerin und ehemalige Gemeindepräsidentin von Glarus. Am liebsten würde man die Sache vergessen. «Hört doch auf mit dieser alten Geschichte», höre sie oft, wenn die Sprache auf Göldi komme. Die alte Geschichte sei aber nie aufgearbeitet worden; das Kantonsparlament wollte dafür kein Geld ausgeben. Das schlechte Gewissen, so sagt Andrea Trümpy, zeige sich nicht an bestimmten Reaktionen. Sie spüre es vielmehr unterschwellig, am Zögern, am Schweigen. Vielleicht habe es auch mit den Rollenbildern zu tun; ein Mann gelte als toller Hirsch, wenn er mehrere Beziehungen habe, eine Frau werde verunglimpft. Göldi sei deswegen gar ein Prozess gemacht worden, der vor Ungerechtigkeit zum Himmel schreie. Dass die Stadt mit ihrem Sommerfest die Einweihungsfeier sabotieren wolle, stimme aber nicht, sagt Trümpy, die es mitorganisiert. Das Datum sei schon vor jenem der Feier festgelegt worden.

Von mehreren angefragten Personen kann keine jemanden nennen, der sich offen gegen das Mahnmal oder gegen die höchst umstrittene Rehabilitierung Göldis durch das Kantonsparlament im Jahr 2007 stellt; nur ein SVP-Landrat wird in den Medien erwähnt, der sich in der Debatte dagegen aussprach. Und der kann sich heute nicht mehr erinnern, je ein solches Votum gehalten zu haben.

Es war nicht echte Reue

«Niemand in Glarus findet, Göldi sei zu Recht verurteilt worden», sagt der Glarner Historiker August Rohr. Das anhaltende Unbehagen erklärt er damit, dass man nicht für etwas verantwortlich gemacht werden wolle, das 232 Jahre zurückliege und für das man nichts könne. Das aber habe eine Rehabilitierung letztlich verlangt. Auch er als Historiker habe Mühe damit, denn die Tat sei nicht nur zu einer anderen Zeit, sondern auch unter anderen Wertvorstellungen geschehen. «Ich glaube nicht, dass Göldi aus echter Reue rehabilitiert wurde», sagt Rohr. Man wollte einfach dem Kesseltreiben durch die Medien ein Ende setzen. Zeitungen aus der ganzen Welt berichteten über die «hinterwäldlerischen Glarner», welche die letzte Hexe Europas hinrichteten, Fernsehteams aus Deutschland, Russland oder Grossbritannien reisten an und stellten ihre Kameras vor den Galgenhügel.

Am 13. Juni nun wird das Mahnmal eingeweiht. Die Auswärtigen werden es wohl mehr schätzen als die Einheimischen. «Sie haben diesem gegenüber ein ambivalentes Gefühl», sagt Ratsschreiber Hansjörg Dürst. Denn es mahne nicht nur, sondern erinnere auch. Es beschwöre das Bild eines rückwärtsgewandten, leicht verschrobenen Volkes. «Und das hat man bei uns hinten nicht gern.» So ist Dürst überzeugt: Auch nach dem 13. Juni kehrt um das Thema Anna Göldi in Glarus keine Ruhe ein.

Erstellt: 03.06.2014, 02:00 Uhr

Hexenrehabilitation

Andere Kantone ziehen nach

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