«Glauben Sie, jemand würde mich wählen?»

CVP-Nationalrat Gerhard Pfister über die Zukunft seiner Partei und den Grund, warum die bürgerliche Schweiz links regiert wird.

«Die CVP ist schwer totzukriegen»: Nationalrat Gerhard Pfister in seinem Büro in Zug. Foto: Urs Jaudas

«Die CVP ist schwer totzukriegen»: Nationalrat Gerhard Pfister in seinem Büro in Zug. Foto: Urs Jaudas

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Seit ein paar Monaten reden die Schweizer Konservativen vom «bürgerlichen Schulterschluss», auch Sie haben es kürzlich in einem Essay getan, der in der «Basler Zeitung» erschien. Es scheint das rechte Wahlkampf-Narrativ zu werden.
Das ist doch legitim. Die Schweiz ist nominell ein wahnsinnig bürgerliches Land, wohl eines der bürgerlichsten Länder überhaupt. Und trotzdem kommen vielfach Entscheidungen zustande, die nicht bürgerlich sind.

Warum sind die Bürgerlichen so schwach?
Die Entfremdung zwischen den bürgerlichen Parteien begann bereits in den 90er-Jahren, der Ausdruck dieser Entfremdung waren die Bundesratswahlen von 2003 und 2007. Die Abwahl von Ruth Metzler, die Wahl und spätere Abwahl von Christoph Blocher haben eine neue Architektur der Kräfte geschaffen, die von den Sozialdemokraten bestens ausgenützt wird.

Seit 2007 werfen die Konservativen dem Bundesrat eine linke Haltung vor. Daran sei auch Doris Leuthard schuld, Ihre Bundesrätin.
Sie werden von mir keine Kritik an Doris Leuthard hören.

Leuthard ist die Bundesrätin der Energiewende, die Sie vehement ablehnen.
No comment.

Dann fragen wir anders: Hat die Schweiz Ihrer Meinung nach eine linke Regierung?
Wir haben eine nominell bürgerliche Mehrheit im Bundesrat. Faktisch gibt es aber relativ viele Entscheidungen, die von Mitte-links geprägt sind.

Wie erklären Sie sich das?
Das hat mit den Parteien zu tun. Wenn man die stärkste Partei des Landes aussen vor lässt, treibt man sie in eine Radikalisierung und in eine Distanzierung von den anderen bürgerlichen Parteien. Diesen Mechanismus erleben wir im Parlament, und die erlebt auch der Bundesrat. Wenn man als Mittepartei ein Projekt durchziehen möchte, und die rechte Seite steht nicht zur Verfügung, dann orientiert man sich nach links – und macht entsprechende Konzessionen.

Eine bürgerliche Zusammenarbeit setzt starke Partner voraus. Kann man das für FDP und CVP sagen?
Die FDP ist besser aufgestellt, als man meinen könnte. Der Freisinn hat in den letzten vier, fünf Jahren auf Bundesebene eine gute Entwicklung durchgemacht. Ist profilierter, akzentuierter, geschlossener geworden. Auch bei der CVP gibt es Grund für Optimismus. Wir könnten durchaus Wähleranteile gewinnen, aber das sage ich rein intuitiv.

Das passt nicht zu Ihrer Aussage, die CVP sei «programmatisch beliebig». Was meinten Sie damit?
Wir laufen manchmal Gefahr, uns zu überdehnen und die Flügel der Partei gegeneinander auszuspielen.

Sie sagen: überdehnen. Sie meinen: zu weit nach links neigen.
Ja, das ist eine klar feststellbare Tendenz in der CVP. Schauen Sie sich die Ratings an: Es gibt in fundamentalen Geschäften eine Neigung der CVP nach links. In der Frage der Energiewende etwa, aber auch in Finanzplatzfragen.

Trotzdem glauben Sie, die CVP sei gut aufgestellt. Dabei ist die Partei seit Jahren im Rückwärtsgang.
Der «Tages-Anzeiger» hat nie richtig begriffen, was die CVP ist. Und ich verstehe das auch: Aus der urbanen Agglomerationssicht und aus linksliberaler Sicht ist die CVP ein fremder Planet. Darum ist der Tagi immer extrem kritisch mit uns. Kein Problem. Aber wir sind schwerer totzukriegen, als Sie meinen. Wenn wir es richtig machen, nicht diesen Herbst, aber 2019, dann möchte ich gern wieder mit Ihnen zusammensitzen. Ich glaube, wir haben eine Zukunft.

Das Problem ist doch, dass die historische Mission nie durch eine neue ersetzt worden ist.
Daran müssen wir arbeiten. Die beiden Initiativen sind ein Teil dieser Strategie, die uns von einer Milieupartei zu einer Partei der Ideen macht. Der Wandel von der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) zu einer SVP zürcherischen Prägung, das ist genau so ein Beispiel. Die BGB hat den Wandel geschafft von einer Milieupartei zu einer Partei der Ideen. Es gibt ein Feld in diesem Land, das man thematisch besetzen kann.

Wo?
Die FDP ist liberal-progressiv, progressiv-sozial sind die Linken. Liberal-konservativ wird stark von der SVP besetzt. Der sozial-konservative Teil ist frei.

Und wie wollen Sie dahin?
Konkret hiesse das beispielsweise, dass es nicht unsere Aufgabe ist, liberale Ideen durchzudenken. Wir müssten hier der Ausgleich sein. Beispielsweise: Familien entlasten, die in einem konservativen Modell leben.

Viele Ihrer Parteikollegen werden sich nicht im konservativen Bereich einordnen wollen.
Die letzten Jahre sind unter sozial- liberalen Zeichen gestanden. Und für viele hat der konservative Bereich eine negative Konnotation. Aber es gibt in der CVP auch die anderen – und das bin nicht nur ich. Im konservativen Bereich hat es noch genügend Platz – das progressiv-soziale Feld ist auch genügend gross für die Grünen und die So­zialdemokraten.

Wie schwierig es diese Position in der CVP hat, sieht man am Streit um die Heiratsstrafeninitiative.
Das war eine schwierige Phase. Bis zum Nationalrat hatten wir eine klare Haltung, dann gab es Hinweise, dass der Ehebegriff auch innerhalb der Partei auf Kritik stösst. Wir mussten uns neu ausrichten.

Für welches Familienbild steht die CVP heute? Die Ehe für alle oder so, wie es in der Initiative steht?
Da müssen Sie die Leute in der CVP ­fragen. Wo ich stehe, ist relativ klar.

Sie sind in der CVP eine relativ solitäre Figur, auch wegen Ihrer konservativen Ansichten.
Ich fühle mich nicht einsam. Ich bin nicht so allein, wie das manchmal von aussen wirkt und wie mir das zugeschrieben wird. Ich habe gemerkt, dass ich unter Umständen meine Überzeugungen in der Fraktion in einer anderen Tonalität einbringen muss.

Sie rennen nicht mehr schimpfend aus der Sitzung?
Das habe ich nie gemacht. Ich bin in der internen Argumentation heftig, aber weniger heftig als früher. Ich ecke nach wie vor an, empfinde das aber immer spannend, solange es auf einer politischen Ebene bleibt.

Christophe Darbellay tritt nach den Wahlen als Parteipräsident zurück. Wollen Sie CVP-Präsident werden?
Ich kenne meine Grenzen und meine ­Fähigkeiten.

Sie schliessen es aus?
Ja. Was ich jetzt mache, ist sehr befriedigend und ein grosses Privileg. Ich liebe das Amt des Nationalrats. Ich gehöre damit zu einer sehr privilegierten Gruppe von Menschen, die in diesem Parlament mitgestalten dürfen. Ausserdem habe ich für die CVP schon einige Projekte machen können, die enorm Spass gemacht haben. Der Rest sind pure Ehrgeizveranstaltungen.

Es wäre originell, wenn Sie jetzt sagen würden: Ich möchte Bundesrat ­werden.
Haben Sie allen Ernstes das Gefühl, irgendjemand in dieser CVP würde mich zum Präsidenten und zum Bundesrat wählen? Wie gesagt, ich kenne meine Grenzen. Und bezogen auf das Parteipräsidium ist mir auch deutlich signalisiert worden, wo meine Grenzen liegen.

Apropos Bundesrat: Warum hassen Sie Eveline Widmer-Schlumpf?
Ich hasse sie nicht. Hass ist mir in der Politik fremd. Mein Problem mit ihr ist politisch. Erstens: Ich habe sie als Vorsteherin des Justizdepartements erlebt. Im Bundesamt für Migration veranstaltete sie ein dreijähriges Blutbad. Die schweizerische Migrationspolitik hat danach zwei Jahre gebraucht, bis sie sich wieder erholt hat. Zweitens bin ich dezidiert der Meinung, dass sie als Finanzministerin in ihrer Grundhaltung eine Etatistin ist, die mit einer grundsätzlichen Misstrauenshaltung auf den Finanzplatz zugeht. Der dritte Punkt: Einer Splitterpartei einen Sitz zu geben, erträgt unser System nicht und hat eine grosse Instabilität zur Folge.

Wie oft werden Sie gefragt, ob Sie zur SVP wechseln wollen?
Periodisch. Parteiintern nie mit einem wohlwollenden Unterton, da heisst es: Geh doch. Eigentlich trifft mich dieser Vorwurf nicht mehr, nur noch von Leuten, bei denen ich glaube, dass ich für die CVP mehr gemacht habe als der, der das sagt. Ein Wechsel war für mich nie ein Thema. Nie.

Fühlen Sie sich wohl in der CVP?
Ja, sehr. Meine Herkunft ist von der CVP geprägt, und besonders im Kanton Zug fühle ich mich von der Partei unterstützt und getragen.

Sie politisieren aber national.
Auch in Bern fühle ich mich wohl, weil ich die Vielfalt dieser Partei nicht als Problem, sondern als Chance sehe. Ich schätze es, dass man in der CVP kontrovers diskutieren kann. Ich schätze es, dass man mich immer noch erträgt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2015, 23:32 Uhr

Zur Person

Gerhard PfisterDer 52-Jährige sitzt seit zwölf Jahren für die CVP des Kantons Zug im Nationalrat. Davor politisierte er fünf Jahre im Zuger Kantonsrat, rund zehn Jahre lang präsidierte er die CVP des Kantons Zug. Im Nationalrat ist Pfister Mitglied der Staatspolitischen Kommission sowie der Aussenpolitischen Kommission. Der in Oberägeri ZG wohnhafte Gerhard Pfister ist Lehrer für Deutsch und Philosophie. Seit sechs Jahren ist er Delegierter des Verwaltungsrats des Internats Montana Zugerberg AG. Seine eigene Privatschule, das Institut Dr. Pfister, hat 2012 den Betrieb eingestellt. (los/bl)

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