Gratis-Parkplätze an Autobahnen gegen den Stau

Der Bund soll Fahrgemeinschaften fördern: Wie die SVP das Stauproblem lösen will.

Die A 1 auf der Nordumfahrung Zürich ist mit mehr als 100'000 Fahrzeugen pro Tag notorisch überlastet. (Bild: 26. Juni 2017)

Die A 1 auf der Nordumfahrung Zürich ist mit mehr als 100'000 Fahrzeugen pro Tag notorisch überlastet. (Bild: 26. Juni 2017) Bild: Keystone

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Als die SVP-Politikerin Sylvia Flückiger vor einiger Zeit mit einer Kollegin nach Baden fahren wollte, verabredeten sie sich an der Autobahnauffahrt Aarau West, wo einige Dutzend kostenlose Parkplätze für Fahrgemeinschaften (Carpooling) zur Verfügung stehen. Doch die beiden Frauen konnten keines ihrer beiden Autos zurücklassen, wie sie es geplant hatten: Das Parkfeld war bereits belegt.

So wie ihr ergehe es vielen anderen Autofahrern, sagt die Nationalrätin. «Die Nachfrage ist zu Stosszeiten grösser als das Angebot.» Eine Erhebung des Kantons Aargau aus dem Jahr 2014 wies für das besagte Parkfeld eine Auslastung von 109 Prozent aus, es standen also Autos gar neben den Parkfeldern; jüngere Zahlen waren auf Anfrage nicht erhältlich.

Support von Verkehrsexperten

Solche Engpässe soll es künftig nicht mehr geben. Der Bund, so verlangt Flückiger in einer unlängst eingereichten Motion, soll mehr Gratisparkplätze schaffen, und zwar auf jenen Landstrichen an Autobahnauffahrten, die er selber besitzt. Flückiger will so eine «bessere Grundlage» für Fahrgemeinschaften schaffen. Der Verkehr wachse seit Jahren stark, die Situation auf den Strassen sei teils prekär. Daher taxiert es Flückiger als «dringend nötig», die Strassen vom Privatverkehr zu entlasten. Dies nütze nicht zuletzt der Umwelt, so Flückiger. In der Schweiz ist ein Auto mit durchschnittlich 1,6 Personen belegt; bei den Pendlerfahrten allein ist der Wert mit 1,1 Personen noch tiefer.

Unterstützung erhält Flückiger von Timo Ohnmacht. Der Verkehrssoziologe an der Hochschule Luzern spricht von einer Massnahme, «die einen effizienteren Individualverkehr unterstützt». Ohnmacht verweist auf Deutschland, wo das Parkieren und Mitfahren bereits stark verbreitet sei. Auf der A 81 zwischen Singen und Stuttgart etwa gibt es laut Ohnmacht kaum Autobahnauffahrten ohne entsprechende Parkfelder. Arbeitnehmer von Daimler etwa täten sich zusammen, um gemeinsam ins Mercedes-Werk nach Stuttgart-Sindelfingen zu fahren. Zupass kommt ihnen dabei die Digitalisierung, wie Ohnmacht sagt. Diese vereinfache die Koordination zwischen den Gleichgesinnten.

Unklar ist, inwieweit Gratisparkplätze an Autobahnauffahrten tatsächlich Entlastung bringen. Im letzten Jahr staute sich der Verkehr auf den Schweizer Nationalstrassen während rekordhoher 24'000 Stunden – 5,4 Prozent mehr als 2015. Dass ihr Vorschlag allein das Stauproblem nicht lösen wird, sagen Flückiger und ihre Mitstreiter denn auch offen. Doch sei es immerhin ein erster kleiner Schritt und überdies einer, der einfach zu realisieren sei, sagt Andreas Burgener, Direktor von Auto-Schweiz. Die Parkfelder müssten nicht vergoldet werden, also nicht zubetoniert und aufwendig gestaltet werden. «Ein paar Fuder Kies tun es auch.»

Mobilität managen statt Strassen bauen

Burgener sieht nun das Parlament in der Pflicht: «Die Politik in Bern kritisiert seit Jahren, dass durchschnittlich zu wenige Personen in einem Auto sitzen.» Nun werde sich weisen, ob die Parlamentarier im Bundeshaus Hand böten für eine Massnahme, die das Problem angehe.

Flückiger hat 2010 bereits einmal einen Anlauf genommen. Damals schlug sie allerdings vor, Parkplätze für Fahrgemeinschaften auf Autobahnraststätten zu schaffen. Der Nationalrat stimmte der Motion zu, der Ständerat hingegen lehnte sie ab – ebenso wie der Bundesrat, der daran zweifelte, dass die «erzielbare Entlastungswirkung in einem sinnvollen Verhältnis zu den zu tätigenden Investitionen steht». Flückiger erhofft sich nun bessere Chancen auf einen Durchbruch, weil das Stauproblem seit 2010 nochmals stark gewachsen sei und ihr Vorschlag nicht mehr auf den begrenzten Platz bei den Raststätten ziele.

Bürgerliche Kreise signalisieren denn auch Support. «Der Vorstoss geht in eine gute Richtung», sagt Thierry Burkart, FDP-Nationalrat und Vizepräsident des Touring-Club Schweiz (TCS). Es gehe darum, kurzfristige Lösungen zu suchen für stark belastete Abschnitte, deren Ausbau in den nächsten Jahren kaum realisiert werden könne. Auch aus dem Lager der Linken kommen ermutigende Signale. Nationalrätin Evi Allemann (SP) findet den Ansatz der Motion «interessant». «Carpooling bietet als einfache Massnahme die Chance, die Mobilität nachhaltig zu organisieren, statt neue Strassen zu bauen», sagt die Präsidentin des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS).

Aargau bietet 520 Plätze

Wie das Beispiel von Aarau-West zeigt, gibt es entlang des Nationalstrassennetzes heute schon Carpooling-Parkplätze. Doch liegen diese in der Hoheit der Kantone. Eine gesamtschweizerische Planung aus einer Hand wird damit faktisch verunmöglicht. Im Kanton Zürich etwa existiert kein Konzept für Gratisparkplätze an Autobahnauffahrten.

Der Regierungsrat erachtet es nicht als seine Aufgabe, Fahrgemeinschaften zu unterstützen. 2016 hat er einen entsprechenden Vorstoss aus dem Kantonsrat abgelehnt. Er verwies auf die ETH Zürich, die 2011 im Auftrag des Bundes diverse in- und ausländische Versuche zum Carpooling untersucht und bewertet hatte. Sowohl was die Durchführbarkeit als auch die Akzeptanz anbelange, seien die Schlussfolgerungen «ernüchternd», so der Regierungsrat: «Die Motivation von Einzelpersonen, ihr Mobilitätsverhalten zu verändern, ist eher gering.»

Auch für den Kanton Bern bilden Gratisparkplätze kein tragendes Element der Gesamtmobilitätsstrategie. Der Kanton setze vielmehr auf den öffentlichen Verkehr, die effizienteste Form der Fahrgemeinschaft, heisst es beim Tiefbauamt des Kantons Bern.

Im Kanton Aargau dagegen geniessen Gratisparkplätze mehr Priorität. An acht Standorten stehen rund 520 Parkplätze für Fahrgemeinschaften bereit, je vier an der A 1 und der A 3. Die Auslastung bewegt sich je nach Standort zwischen 109 Prozent (Aarau-West 1) und 37 (Lenzburg), wie die besagte Erhebung aus dem Jahr 2014 ergeben hat. Insgesamt betrug sie 67 Prozent. Es gab also noch freie Plätze – allerdings nicht immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2017, 21:14 Uhr

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