Analyse

Gratisstrassen fürs Strassenfest

Heute findet die Street-Parade statt. Nach 21 Jahren hat sich der Umzug die Gleichbehandlung mit anderen Grossanlässen verdient.

Offen für alle, Zeitzeuge der Entkrampfung: Die Parade gehört zu Zürich.

Offen für alle, Zeitzeuge der Entkrampfung: Die Parade gehört zu Zürich. Bild: Keystone

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Wenn heute Hunderttausende ums Seebecken tanzen, sollten sie kurz an Franz Käppeli denken. Obwohl die wenigsten den Mann kennen – nur dank ihm können sie feiern. Die Street-Parade ist die grösste jährliche Party der Schweiz; und die günstigste. Eintritt kostet sie nicht, das schlägt sich in den Finanzen nieder. Seit Jahren leidet das Fest unter Geldknappheit. Weil der letztjährige Hauptsponsor ausgestiegen ist, hilft nun Medizinalunternehmer Käppeli mit einem namhaften Betrag aus. Nicht weil sein Labor so mehr Aidstests verkauft. Käppeli schätzt den Anlass und möchte, dass seine Kinder dort mittanzen können.

Damit die Riesenparty nicht vom guten Willen einiger weniger abhängt, fordern die Veranstalter seit Jahren Gebührenerlass. Gut eine halbe Million liefern sie der Stadt für die Miete des öffentlichen Raums, Reinigung und Sicherheit ab. Könnten sie dieses Geld sparen, wäre die Zukunft der Parade gesicherter. Doch bisher hat die Stadt eine breite Unterstützung verweigert.

Selbst wenn man die Parade als ästhetisches Ärgernis oder Agglo-Fasnacht verschmäht – für eine solche Verweigerung fehlen die Argumente.

Die Street-Parade ist der Emporkömmling unter den Stadtfesten. Jung, erfolgreich, laut. Von Beginn weg musste sie sich gegen Widerstände behaupten. 1993 verbot die Stadt den Umzug, weil er «nur einen unwesentlichen Teil der Bevölkerung» interessiere. Bis heute wird sie nicht gleich behandelt wie Sechseläuten, Knabenschiessen und Züri-Fäscht. Diese gelten als «A-Anlässe», weshalb sie der Stadt keinen Rappen zahlen müssen. Warum die Street-Parade nicht zu dieser Gruppe zählt, bleibt rätselhaft. Nach 21 Jahren hat der Emporkömmling Konstanz bewiesen. Zudem bietet die Parade Offenheit, die Traditionsanlässen fehlt. Die vielen Neo-Zürcher fühlen sich willkommen, während sie den Biedermeierkostümen am Sechseläuten eher ratlos zuschauen.

Weltweite Ausstrahlung

Es geht auch um Lokalgeschichte. Die Street-Parade, so durchpopularisiert sie sein mag, symbolisiert wie kein anderes Ereignis den Sieg des Event- über das Bieder-Zürich.

Das Killerargument lieferte die Stadt unfreiwillig selber, als sie die Sehsendung «SF bi dä Lüt» kürzlich gratis auf dem Turbinenplatz empfing. Grund: Die Show fördere Zürichs Image. Genau das macht die Street-Parade länger und erfolgreicher. Medien aus aller Welt berichten darüber (etwa MTV China), Besucher reisen Züri-euphorisiert in ihre Heimat zurück. Wie weit die Parade ausstrahlt, zeigt die Google-Suche. Sie ergibt zehnmal mehr Einträge als diejenige zum Sechseläuten.

Natürlich mögen nicht alle Zürcher den Massenauflauf, der Strassen, Trams und Pärke verstopft. Doch dieser Einwand trifft alle Grossveranstaltungen. Und schliesslich bleibt der umstrittene Betrag relativ unbedeutend. Mit einer halben Million kann das Schauspielhaus knapp sechs Tage überleben. Ein neues Züri-WC-Häuschen kostet etwa gleich viel.

Wenn sich die Gleichbehandlung durchsetzt, darf Franz Käppeli in den nächsten Jahren sein Konto schonen. Ohne zu befürchten, dass seine Kinder auf die Parade zu verzichten brauchen.

Umgekehrt könnte es passieren, dass Käppeli plötzlich Anfragen bekommt, ob er nicht auch Züri-Fäscht oder Knabenschiessen unterstützen will. Weil die Stadt in umgekehrter Konsequenz allen Festen den Gebührenerlass streicht.

Erstellt: 11.08.2012, 07:59 Uhr

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News-Ticker (ab 12.30 Uhr): Laufend aktualisierte Informationen zum Umzug, News von Polizei und Veranstaltern und mehr.

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