«Graubünden wird weiter leiden»

Während der Tourismus in den Bergen stagniert, kommen immer mehr Besucher in die Städte. Der Leiter Tourismuspolitik des Bundes erklärt, welche Region es am besten macht.

«Die Schere geht weit auseinander»: In den klassischen Tourismusdestinationen sind die Tourismusprognosen schlechter als in den grossen Städten.

«Die Schere geht weit auseinander»: In den klassischen Tourismusdestinationen sind die Tourismusprognosen schlechter als in den grossen Städten. Bild: Arno Balzarini/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Tourismus in den Städten wächst laut Seco in den nächsten drei Jahren knapp doppelt so stark wie jener im Alpenraum. Konkret wird in den Städten mit Wachstumsraten zwischen 2,2 und 2,7 Prozent gerechnet, in den Bergen jedoch nur mit 1,0 bis 2,1 Prozent. Gegenüber der Nachrichtenagentur SDA sagte Richard Kämpf, Leiter Tourismuspolitik des Staatsekretariates für Wirtschaft (Seco), gestern Montag, der Städtetourismus sei ein regelrechter Wachstumsmotor, wohingegen die Entwicklung im Alpenraum mehr Sorge bereite. «Die Schere geht weit auseinander», so Kämpf. Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet erläutert er die Hintergründe.

Bei Touristen werden die Schweizer Städte immer beliebter, die klassischen Tourismusdestinationen bekunden zunehmend Mühe. Woran liegt das?
Der Städtetourismus ist stark durch den Geschäftstourismus getrieben. Die Besucher kommen in die grossen Schweizer Städte für Meetings und Kongresse. Sie machen inzwischen 70 bis 80 Prozent des Volumens aus. Ein zweiter Grund für das überdurchschnittliche Wachstum in den Städten ist aber, dass die Städte auch für Freizeittourismus attraktiver geworden sind und kurze Städtereisen zu einem Megatrend im Tourismus geworden sind. Letzteres liegt unter anderem daran, dass die Reise- und Mobilitätskosten seit dem Aufkommen von Billigairlines massiv gesunken sind.

Was machen die Städte anders als früher?
Die Tourismusorganisationen verstehen es zunehmend, das bestehende Angebot touristisch zu verwerten. Das Kulturangebot in Basel zum Beispiel ist schon lange hervorragend, aber es wird erst in der jüngeren Vergangenheit mit dem Slogan «Culture unlimited» touristisch intensiv vermarktet. Im Gegensatz zu ausländischen Stadtdestinationen können Schweizer Städte nicht mit Grösse auftrumpfen, dafür mit Dichte. Das zeigt sich etwa in Zürich: Die Stadt positioniert sich im Markt als urbane Destination, die gleichzeitig ein Tor zu den Bergen darstellt.

Wie wichtig ist der Städtetourismus in absoluten Zahlen?
In Zürich, Bern, Basel, Genf und Lausanne werden jährlich 7,5 Millionen Übernachtungen verzeichnet, das sind 21 Prozent aller 35 Millionen Übernachtungen. Die Wertschöpfung dürfte noch höher liegen, weil die Hotelpreise in den Städten höher sind und der Geschäftstourismus sehr ausgabefreudig ist. Die Besucher tätigen die Ausgaben zwar nicht selbst, aber sie werden oft mit Caterings und Dinners versorgt, mit denen die Anbieter einen grossen Umsatz erzielen können. Im Freizeit-Tourismus tragen zudem hohe Ausgaben fürs Shopping zu einer beachtlichen Wertschöpfung des Städtetourismus bei.

Von den Alpenregionen steht laut dem Bericht von BAK Basel die Zentralschweiz noch am besten da. Was macht man dort besser?
Die Zentralschweiz profitiert davon, dass sie traditionell viele Touristen aus den grossen Fernmärkten Amerika und Asien beherbergt. Für chinesische Gäste zum Beispiel gehört während eines Aufenthalts in der Schweiz ein Besuch in Luzern zum Pflichtprogramm. Es sind genau diese Märkte, die in den letzten Jahren am stärksten gewachsen sind.

Samih Sawiris’ Investitionen in Andermatt schlagen sich nicht in den günstigen Prognosen nieder?
Noch nicht. Aber es ist schon so, dass in der Zentralschweiz mehrere interessante Projekte für mehr Dynamik sorgen werden. Auf dem Bürgenstock wird – finanziert aus Katar – knapp eine halbe Milliarde in den Bau eines Resorts investiert. Auch davon wird die Region profitieren.

Welche Regionen bereiten Ihnen die grössten Sorgen?
Grundsätzlich ist es für jene Regionen am schwierigsten, die am stärksten im europäischen Markt verankert sind. Graubünden etwa ist stark auf Touristen aus Deutschland ausgerichtet, die Region hat stark gelitten und wird auch in unmittelbarer Zukunft weiter leiden.

Stark betroffen war auch die Schweizer Sonnenstube Tessin mit einem Rückgang von 3,5 Prozent. Warum?
Das Tessin steht stärker in Konkurrenz mit internationalen Badedestinationen. Auch hier spielt die Verbilligung der Mobilität eine grosse Rolle. Aber das Tessin hat erkannt, dass es investieren muss, um touristisch überlebensfähig zu bleiben.

Seit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative spricht man in einigen Berggebieten von einem eigentlichen Überlebenskampf. Wie schlimm steht es um diese Gebiete wirklich?
Das ist schwierig zu sagen. Wir haben nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative die Lage untersucht und können bis jetzt erst verlässlich sagen, dass ein Abbau in der Baubranche stattfindet. Aber bevor die Gesetzgebung vorliegt, ist es noch zu früh, um die konkreten Auswirkungen zu beurteilen. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass es für eine Region wie Graubünden nicht einfach wird.

Viele Berggemeinden leben von Tourismus. Braucht es die Politik, um diese Gemeinden zu unterstützen?
Wir werden dem Parlament im kommenden Jahr ein Impulsprogramm vorschlagen, um die Alpenregionen dabei zu unterstützen, den Strukturwandel abzufedern. Konkret wollen wir für die Jahre 2016 bis 2019 im Rahmen der «Neuen Regionalpolitik» 325 Millionen Franken investieren, die Kantone werden Beiträge in gleicher Höhe leisten. Zudem sollen die Mittel für die touristische Innovationsförderung des Bundes für die Jahre 2016 bis 2019 um 50 Prozent auf insgesamt 30 Millionen Franken erhöht werden. Modernisiert und erweitert werden zudem die Fördermöglichkeiten der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit (SGH), welche subsidiär zu privaten Banken Darlehen für Hotelinvestitionen gewährt.

Erstellt: 21.10.2014, 17:00 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Tourismus geht optimistisch in den Winter

Die Tourismus-Branche rechnet für die kommende Saison mit einem ansehnlichen Plus. Mehr...

Zürich – die Tourismus-Boom-Region der Schweiz

Die klassischen Tourismusregionen der Schweiz vermelden schlechte Zahlen. Ganz anders die Grossstädte. Mehr...

Österreicher laufen Schweizer Alpenorten den Rang ab

Schwierige Jahre für den Tourismus: Die beliebtesten Alpendestinationen liegen fast ausschliesslich in Österreich. Im Sommer-Ranking hingegen belegt eine Schweizer Stadt den ersten Platz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Never Mind the Markets Chinas Aufstieg zur digitalen Macht

Geldblog Wann sich eine Lohnausfallversicherung lohnt

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...