Grenzwächter wegen Totgeburt vor Gericht

Schwangerer Syrerin Hilfe verweigert: Heute beginnt der Prozess gegen einen Schweizer Grenzwächter.

Falls das Kind in Brig noch gelebt hätte und falls eine rasche Entbindung möglich gewesen wäre, so der Gutachter, könnte das Kind mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit noch leben.

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Drei Jahre und vier Monate ist es her, dass die Syrerin Suha Alhussein Jneid bei der Rückführung von der Schweiz nach Italien eine Totgeburt erlitt. Heute nun beginnt der Prozess gegen den Mann, der an dem Tag als ranghöchster Grenzwächter im Einsatz stand. Die Anklage wirft ihm vor, den Tod des Kindes mindestens in Kauf genommen zu haben. Es drohen ihm maximal 20 Jahre Haft.

Über den Angeklagten ist kaum etwas bekannt. Es gehe ihm «nicht gut, besonders psychisch», sagte sein Anwalt Franz Müller dieser Zeitung im letzten Sommer. Das lange Verfahren und die Vorwürfe belasteten ihn, er bestreite diese. Seit den Ereignissen im Juli 2014 arbeitet der Grenzwächter nicht mehr in Brig, wo er und die 26-köpfige syrische Familie aufeinandertrafen. «Er war, soweit es seine gesundheitliche Verfassung zugelassen hatte, in Bern tätig.»

Über die gesundheitliche Verfassung von Suha Alhussein Jneid ist Genaueres bekannt. Vor sechs Monaten erlitt sie einen psychischen Zusammenbruch, wie diese Zeitung bei einem Besuch im Sommer erfahren hat – mit Lähmungserscheinungen im Gesicht, am Arm und am Bein. Auch fallen ihr seit der Totgeburt die Haare aus. «Extreme Stresssymptome», diagnostizieren die Ärzte. Zum Verhalten des Grenzwächters sagt sie: «Er hat mich behandelt, als sei ich kein Mensch.» Die Syrerin Suha Alhussein Jneid mit ihrer Familie. (Bild: Dominik Asbach)

Vorgefallen ist dies: Bei der Durchreise mit dem Zug von Mailand nach Paris in der Nacht auf den 4. Juli 2014 holen Grenzwächter die syrische Familie in Vallorbe VD aus dem Zug. Die Visa fehlen. In Kleinbussen wird die Familie zurück nach Brig VS gebracht, von dort im Zug ins italienische Domodossola. Die Schwangere verliert Fruchtwasser, sie klagt über Blutungen und starke Schmerzen – doch die Grenzwächter verweigern jegliche Hilfe. Auf dem Perron in Domodossola bricht die Syrerin zusammen. Im Spital kann nur noch der Tod des Kindes festgestellt werden, ein Mädchen.

Urteil für Freitag erwartet

Die Verhandlung vor dem Militärgericht in Bern ist auf drei Tage angesetzt, das Urteil wird für Freitag erwartet. Der Auditor – der Ankläger in Militärstrafsachen – wirft dem Angeklagten Tötung vor. Er habe seit der Ankunft der Familie in Brig gewusst, dass die Syrerin schwanger war und Hilfe benötigte. Trotzdem habe er ihr nicht geholfen. Der Auditor schlägt dem Gericht aber zusätzlich eine ganze Reihe von möglichen Verurteilungen vor: fahrlässige Tötung, versuchte Tötung, schwere Körperverletzung, einfache Körperverletzung, Aussetzung, Unterlassung der Nothilfe, Gefährdung des Lebens, Schwangerschaftsabbruch.

Die unterschiedliche Schwere der Delikte zeigt sich auch in der im Gesetz angedrohten Höchststrafe: Sie reicht von 20 Jahren für vorsätzliche Tötung bis zu 3 Jahren für einfache Körperverletzung. Die Strafanträge gibt der Auditor erst morgen Donnerstag bekannt. Welcher Beurteilung das Militärgericht folgt, hängt entscheidend von der Frage ab, ob das ungeborene Mädchen in Brig noch gelebt hat. Dabei ist auch die Frage zu beantworten, wann – strafrechtlich betrachtet – das Leben eines Ungeborenen beginnt. Laut einem von der Militärjustiz in Auftrag gegebenen medizinischen Gutachten: mit Beginn der Eröffnungswehen.

Vor Gericht aussagen werden neben dem Ehemann und der Schwester von Suha Alhussein Jneid mehrere Grenzwächter, die an besagtem Tag mit dem Angeklagten im Einsatz standen. Sie sind als Zeugen geladen. Das Strafverfahren wurde aufgrund der Kommandostruktur einzig gegen den ranghöchsten Grenzwächter eröffnet. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Untergebenen strafrechtlich nichts haben zuschulden kommen lassen. Es ist durchaus denkbar, dass als Folge des Prozesses weitere Grenzwächter angeklagt werden.

Auch die Frau war in Gefahr

Hätte das Eingreifen des Grenzwächters – oder der Grenzwächter – das Kind gerettet? Der medizinische Gutachter ist sich nicht sicher. Das Kind sei weniger als zwölf Stunden vor der Geburt gestorben – infolge Sauerstoffmangels, weil sich die Plazenta teilweise abgelöst hatte. Falls das Kind in Brig noch gelebt hätte und falls eine rasche Entbindung möglich gewesen wäre, so der Gutachter, könnte das Kind mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit noch leben.

Auch die Syrerin selbst hätte sterben können: Eine vorzeitige Plazentaablösung kann zu schweren Blutungen mit Schockzustand führen – oder zum Tod. Heute lebt die Frau mit ihren mittlerweile vier Kindern in Deutschland. Trotz des anerkannten Flüchtlingsstatus in Italien haben ihr die deutschen Behörden kürzlich eine Aufenthaltsbewilligung für ein Jahr erteilt. Dies hatte sie sich gewünscht, um näher bei ihren Verwandten zu sein. Ihr Ehemann arbeitet bis Ende Jahr in Italien. Ob Deutschland auch ihm eine Aufenthaltsbewilligung erteilt, ist derzeit offen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2017, 09:43 Uhr

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