Grüne Angst vor freiem Strommarkt

Ab 2018 soll jedermann frei wählen können, von wem er seinen Strom bezieht. Das weckt bei den Promotoren des Atomausstiegs und kleineren Energieversorgern Ängste.

Ein Arbeiter repariert ein Hochspannungskabel. Foto: Ina Fassbender (Reuters)

Ein Arbeiter repariert ein Hochspannungskabel. Foto: Ina Fassbender (Reuters)

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Am schärfsten schossen die Umweltverbände gegen den Plan von Energieministerin Doris Leuthard, den Strommarkt bis 2018 vollständig zu liberalisieren. Das Projekt führe zu einer «Anti-Energiewende», schrieb der WWF in einem Communiqué. Die Befürchtung: Wenn die Kunden ihren Stromanbieter frei wählen können, wechseln sie scharenweise zu den günstigsten Anbietern, die billig importierten Kohle- oder Atomstrom verkaufen. Teurerer Strom aus erneuer­baren Quellen hingegen wird von der Mehrheit verschmäht.

Vertreter von kleinen Energie­versorgern teilen diese Einschätzung. Anders als die grossen Konzerne und Stadtwerke befürchten sie, mit dem Preisdruck nicht mithalten zu können. «Die allermeisten Endkunden werden dann möglichst günstig im Ausland Strom einkaufen, unabhängig davon, ob er sauber ist oder nicht», sagte Peter Lehmann, Präsident des Dachverbands Schweizer Verteilnetzbetreiber, kürzlich gegenüber der «Handelszeitung».

Nur kleines Sparpotenzial

Ob das Szenario tatsächlich eintreten wird, ist umstritten. Für die Be­fürchtung spricht, dass der Absatz von Ökostrom harzt. Unter dem grössten Label Nature­made wird drei- bis viermal mehr Ökostrom produziert, als tatsächlich einen Abnehmer findet. Trotz steigender Verkaufszahlen ist das Angebot also weit grösser als die Nachfrage. Hinzu kommt, dass sich die Konsumenten in den wenigsten Fällen aktiv für Ökostrom entscheiden, sondern ihn als Standard vorgesetzt bekommen. «Die gesteigerte Nachfrage ist primär auf die Umstellung von Energieversorgern auf Default-Produkte aus erneuerbaren Energien zurückzuführen», steht im neuesten Naturemade-Jahresbericht. Zudem geht der grössere Teil des zertifizierten Ökostroms an Firmen und Behörden. Diese ziehen im Gegensatz zu Privaten daraus einen direkten Nutzen: Sie können den umweltfreundlichen Strombezug öffentlichkeitswirksam vermarkten.

Doch lässt sich vom geringen Interesse der Konsumenten an Ökostrom darauf schliessen, dass im Gegenzug billiger Kohlestrom aus Deutschland zum Renner wird? Nicht unbedingt. Gegen einen grösseren Wechseleffekt hin zu Billig­strom spricht das kleine Sparpotenzial. Für einen durchschnittlichen Haushalt dürften kaum mehr als 50 bis 100 Franken Ersparnis drin liegen. Denn die Kosten für den «nackten» Strom machen weniger als die Hälfte der Stromrechnung aus. Hinzu kommen Kosten für die Netznutzung und Staatsabgaben, die bei einem Anbieterwechsel gleich bleiben.

Stromkunden sind träge

Der Experte vom Bundesamt für Energie, Josef Känzig, schätzt denn auch: «Solange sich die Strompreise nicht völlig verändern, rechnen wir nicht mit einer starken Wechseltendenz hin zu ausländischem Strom.» Studien zeigten zudem, dass der Strommix und vor allem der Anteil erneuerbarer Energien sowie der Produktionsort einen starken Einfluss auf die Wahl des Stromproduktes und die Wechselbereitschaft hätten.

So gesehen kann die Strommarktliberalisierung sogar zu einer Chance für die erneuerbaren Energien werden. Darauf zählen Stadtwerke wie EWB in Bern, EWZ in Zürich oder IWB in Basel, die schon seit längerem standardmässig Strom aus erneuerbaren Quellen anbieten. «Wir befürworten grundsätzlich die vollständige Strommarktöffnung – insbesondere, weil wir damit auch die Chance verbinden, neue Kunden ausserhalb des Kantons Basel-Stadt für unsere erneuerbaren Stromprodukte zu gewinnen», sagt ein IWB-Sprecher. Für Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen, halten sich die Chancen und Risiken in etwa die Waage. Wenn im libe­ralisierten Markt die Aufmerksamkeit vermehrt auf den Strompreis gelenkt werde, könne dies Billigstrom aus dem Ausland helfen, sagt er. Gleichzeitig sei zu erwarten, dass inländische Unter­nehmen stärker auf Qualität setzten, um sich abzuheben. «Netto dürften sich beide Effekte in etwa aufheben», sagt Wüstenhagen. In einer Markt­forschungs­studie hätten Kunden zudem angegeben, 16 Prozent mehr für grünen Strom zahlen zu wollen als für Kohle- oder Atomstrom.

Das grösste Hemmnis für eine allzu grosse Dynamik sieht Wüstenhagen aber in der «Bequemlichkeit» der Kunden. Da Strom als relativ günstiges und abstraktes Gut nur sehr schwierig zu vermarkten sei, brauche es viel, um die Kunden überhaupt dazu zu bringen, aktiv ein neues Angebot zu suchen, sagt er. Im bereits liberalisierten Markt Deutschland liege die Wechselquote deutlich unter zehn Prozent pro Jahr.

Der Bundesrat selber verneint einen Einfluss der Strommarktliberalisierung auf die Energiewende. Aus heutiger Sicht seien keine Auswirkungen auf die Umwelt erkennbar, schreibt er im ­Bericht zur Vernehmlassung. Der Kraftwerkszubau hänge vor allem von den Investitionsbedingungen im europäischen Markt ab, die sich durch eine volle Markt­öffnung nicht veränderten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2014, 19:55 Uhr

Freie Wahl des Lieferanten

Heute können lediglich Grossverbraucher ihren Stromlieferanten frei auswählen. Privathaushalte und kleinere Firmen sind an die jeweiligen lokalen Anbieter gebunden. Das soll mit der vollen Liberalisierung des Strommarkts ändern. Vor gut zwei Wochen startete Energieministerin Doris Leuthard die Vernehmlassung zum mehrmals verschobenen Vorhaben. Ziel ist, dass ab 2018 jeder Stromkunde unabhängig von seinem Verbrauch frei entscheiden kann, von welchem Anbieter er seinen Strom beziehen will. Die volle Marktöffnung ist eine Voraussetzung für den Abschluss eines Stromabkommens mit der EU, das die Schweiz anstrebt. (bro)

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